Regierungsviertel

Neue Ideen für Berlins prominenteste Lücke

Das „Band des Bundes“ sollte zwischen Kanzleramt und Bundestagsgebäuden einen großen Ort für die Bürger enthalten. Doch die Politik schottet sich ab. Die Pläne für ein Bürgerforum liegen auf Eis.

Das Ministerium für Bildung am Kapelle-Ufer ist erst vor wenigen Wochen bezogen worden, das Innenministerium auf dem Moabiter Werder in der Nähe des Hauptbahnhofs soll im Dezember fertig sein. An der Luisenstraße steht bereits der Rohbau der Erweiterung für das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem die Bundestagsabgeordneten ihre Büros und ihre Bibliothek haben werden.

Knapp 15 Jahre nach dem Hauptstadtbeschluss ist das moderne Regierungsviertel damit nahezu fertig gebaut. Und während die Regierungsbauten, allen voran das 2001 fertiggestellte Bundeskanzleramt bereits Patina ansetzen, fällt vielen Berlinern kaum noch auf, dass ein wesentlicher Bestandteil der „Bundeshauptstadt Berlin“ fehlt. „Es ist eine Katastrophe, dass ausgerechnet das Herzstück im Band des Bundes nie gebaut wurde“, sagt Axel Schultes.

Der Architekt, der das Bundeskanzleramt plante und 1993 zusammen mit Charlotte Frank den Wettbewerb für den Berliner Spreebogen gewann, spart nicht mit deutlichen Worten.

Ausgerechnet das Bürgerforum, in dem die Regierten gleichberechtigt neben den Regierenden einen zentralen Platz in dem Gebäuderiegel finden sollten, wurde aus verschiedensten Gründen nie gebaut. Das sogenannte Band des Bundes, das die Spree zweimal überquert und dabei den ehemaligen Ost- und Westteil Berlins verbindet, sollte mit dem Forum in der Mitte auch symbolisieren, dass der Souverän das Volk ist. „Entstanden ist stattdessen ein Bundeskanzleramt, das sich als Solitär im Grünen von der Bevölkerung abschottet – das habe ich so nicht gewollt“, sagt der Planer, der in der kommenden Woche seinen 71. Geburtstag feiert.

Dass er noch einen Wettbewerb zur Gestaltung des Bürgerforums erleben werde, glaube er nicht, fügt Schultes an. „Für die nächsten zehn bis 20 Jahre wird sich da nichts tun“, ist sich Schultes sicher. Das „Totschlagargument“ sei seit dem 11. September 2001 immer das Thema Sicherheit. „Der Verzicht auf das Bürgerzentrum hat dafür gesorgt, dass das Projekt ,Band des Bundes‘ gescheitert ist und ein unbefriedigendes Stückwerk bleibt“, so der enttäuschte Planer.

Ort des 21. Jahrhunderts

Zudem ärgert Schultes, dass die beim Bau des Bandes des Bundes provisorisch angelegte Straße zur Umfahrung der Schweizer Botschaft mitten über das Forum-Areal führt. Entgegen der ursprünglich zwischen Bund und Berliner Senat abgestimmten Verkehrsplanung scheitert jedoch die Rückverlegung der Straße aufgrund der Sicherheitsbedenken von Bundestag und Bundeskanzleramt.

Bei aller berechtigter städtebaulicher Kritik des Entwurfsverfassers an der 250Meter langen Lücke im Band des Bundes und der seltsamen Verkehrsführung bleibt jedoch die Frage offen, wie so ein Bürgerforum aussehen könnte. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) hat seine Mitglieder deshalb dazu eingeladen, Skizzen einzureichen, die sich mit Fragen beschäftigen, wie an dieser für Berlin wichtigen Stelle gebaut werden muss, damit das Regierungsviertel weiterentwickelt und der Ort für die Bürger nutzbar gemacht werden kann. 39 Architekten stellten sich dieser Aufgabe und reichten Arbeiten ein, die ab sofort in der BDA-Galerie besichtigt werden können. Angesichts der aktuellen Pläne, die Kontrollcontainer vor dem Reichtagsgebäude durch ein neu zu bauendes Besucherzentrum auf der anderen Seite der Scheidemannstraße zu ersetzen, sei es höchste Zeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, so einer der Kuratoren der Ausstellung, Andrew Alberts.

Das Kreuzberger Architekturbüro Steiner Weissenberger beispielsweise schlägt vor, die Straße hinter der Schweizer Botschaft zurückzubauen, den jetzigen Spreebogenpark mit Häusern zu bebauen und dafür und den freien Raum im Band des Bundes „durch die Anlage eines Waldes mit Bäumen aus aller Welt“ zu bepflanzen. Das „Grüngestrüpp“, rügt Axel Schultes auf der Ausstellungseröffnung am Dienstagabend, sei wohl als kritische Aussage zur Architektur allgemein zu verstehen und zudem völlig realitätsfern. „Ich sehe die Scharfschützen förmlich in den Wipfeln sitzen“, so Schultes. Schon aus Sicherheitsgründen sei dieser Urwald eine Utopie.

Bernd Albers dagegen, der 2009 gemeinsam mit dem ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann ein umfassendes Konzept zur Bebauung des Areals zwischen Alexanderplatz und Schloßplatz nach historischem Vorbild erarbeitete, schlägt auch an dieser Stelle einen Rückgriff auf die historische Bebauung des Ortes vor. Er versetzt die Siegessäule wieder zurück an ihren alten Standort vor dem Reichstagsgebäude. Aus der Lücke im Band des Bundes wird eine Gartenanlage wie zu Kaisers Zeiten mit akkuraten Baumreihen und Rabatten. Der Spreebogenpark wird ebenfalls mit Wohnquartieren bebaut – die streng geometrisch auf die neu entstandene zentrale Sichtachse zur Siegessäule hin ausgerichtet werden.

Kai Sternberg setzt seinem „Neuland“ genannten Forum dagegen gleich ein ganzes Gebirgsmassiv aufs hoffentlich tragfähige Dach – zumindest die Mitarbeiter der Schweizer Botschaft dürften von einem solchen Ausblick direkt vor ihrem Fenster begeistert sein.

Gläserner Kulisse einer Stadt

Kurator Andrew Alberts hat die Aufforderung des BDA zum Nachdenken über das Bürgerforum auch selbst angenommen. Der Berliner Architekt mit deutsch-kanadischen Wurzeln hat in die Lücke eine violett schimmernde, gläserne Kulisse einer ganzen mittelalterliche Stadt gesetzt – samt angedeuteten Kirchturmspitzen und Fachwerkhäusern. Alberts bemüht damit das nostalgische Zitat einer Gesellschaft, die sich noch, wie von einer Stadtmauer umschlossenen, als Gesamtheit begreift. Seine Bürgerstadt wird jedoch von einer Stahlplatte brutal durchschnitten.

„Es gibt durchaus auch einige, sicher oft etwas brav geratene Vorschläge, die sich mit dem Bürgerforum ernsthaft auseinandersetzen“, so Schultes. Viele andere Vorschläge seien jedoch wohl eher als „Spaß, den man sich gönnt“ einzustufen.

Ihm sei es bei der Konzeption des Spreebogens jedoch darum gegangen, dort im Untergeschoss und in den beiden Seitenflügeln des Forums – deren „Stummel“ auch beidseits des Kanzleramtes schon zu sehen sind – die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“ unterzubringen. Die Geschichtsschau war vormals im Reichstagsgebäude untergebracht und gastiert bereits seit Jahren im Deutschen Dom auf dem Gendarmenmarkt. „Das Forum selbst jedoch sollte nach antikem Vorbild der Ort sein, an dem Bürger und Politiker zusammentreffen können“, sagte Schultes.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) betonte, dass er Schultes Konzept vom Band des Bundes nach wie vor für überzeugend halte. „Ich stehe deshalb neuen Anläufen, eine überzeugende bauliche Gestaltung und Nutzung zu finden, aufgeschlossen gegenüber“, so der Bundestagspräsident. Gremien des Bundestags hätten sich dieser Frage erst jüngst wieder sehr intensiv im Zusammenhang mit dem Bau des künftigen Besucherinformationszentrums (BIZ) gestellt. Auch der Platz zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus, auf dem Schultes sein Bürgerforum geplant hatte, wäre zweifellos ein geeigneter Standort für das Besuchercenter gewesen, sagte Lammert. Dass diese Überlegung nicht weiter geführt wurde, habe sicherheitstaktische Gründe. Das Sicherheitsproblem im Zugang zum Reichstagsgebäude ließe sich am Standort des Bürgerforums nicht lösen. Die wunderbare Idee vom Bürgerforum habe sich mit der Entscheidung für das Besucher-Info-Center direkt am Reichstag aber keineswegs erledigt. „Sie bleibt auf dem Tapet. Auch wenn es noch keine Lösung und keine Finanzierung gibt“, sagte der Bundestagspräsident.

Ein physischer Raum für gesellschaftliche Debatten

Auch die Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, die Berliner Abgeordnete Petra Pau (Linke), „begrüßt den Anstoß, den die Ausstellung gibt, über das Bürgerforum nachzudenken“. Es fehle tatsächlich ein physischer Raum, der für gesellschaftliche Debatten zwischen Bürgern und Politikern zur Verfügung stehe.

„Ich habe die spannenden Entwürfe der Architekturbüros mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Sie bilden eine gute Grundlage, um die Weiterentwicklung des ,Band des Bundes‘ zu diskutieren“, so die SPD-Abgeordntete Eva Högl. Wichtig sei, dass das Regierungsviertel einen lebendigen Ort zwischen Kanzleramt und den übrigen Gebäuden erhalte. „Wie genau dieser Ort ausgestaltet werden soll, muss offen mit allen Beteiligten diskutiert werden“, sagt Högl.

Klaus-Dieter Gröhler (CDU) und Renate Künast (Grüne) stehen dem Projekt dagegen skeptisch gegenüber. „Als vordringlichste Maßnahme würde ich ein derartiges Bauprojekt zur Zeit nicht einschätzen“, sagt Gröhler. „Der freie Platz und Blick auf die Gebäude sei auch ein Wert für sich.“ Und Renate Künast (Grüne) ist sogar überzeugt, dass „wir kein weiteres Bürgerforum brauchen“. Es habe sich als sehr gut erwiesen, dass öffentliche (politische) Veranstaltungen auch in den derzeitigen Regierungsgebäuden abgehalten werden könnten. Mit dem neuen Humboldt-Forum“ in der historischen Mitte Berlins werde zudem zusätzlich ein „Bürgerforum“ entstehen, das den Anspruch hat als Dialogforum der Weltkulturen zu dienen. „Die Räume des Humboldt-Forums können also neben kulturellen Veranstaltungen auch für politische Veranstaltungen in Form eines „Bürgerforums“ genutzt werden“, so Künast.

„Hauptstadt Berlin“, bis 15. Dezember in der BDA-Galerie, Mommsenstraße 64 in Charlottenburg. Mo., Mi., Do., 10–15 Uhr, Tel. 886 83 206

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