Kommentar

Die Linke hat Biermanns Rache im Bundestag verdient

Wolf Biermann sang bei der Feierstunde im Bundestag nicht nur, er griff die Linkspartei als „elendigen Rest“ der SED an. Das war verdient, schreibt Jochim Stoltenberg - und verweist auf Gregor Gysi.

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Seit Freitagabend erinnern die 7000 leuchtenden weißen Ballons noch einmal an das schrecklichste Bauwerk, das je in unserer Stadt errichtet wurde, um dann am Sonntag himmelwärts steigend von Einheit und Freiheit zu künden. Welch wunderbare Symbolik. Welche Freude über das Wirklichgewordene, eigentlich Undenkbare auch noch nach 25 Jahren. Eingeläutet wurde die große Erinnerungsfeier am Freitag mit der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Angesichts der parteipolitischen Zusammensetzung des Parlaments und des von dessen Präsidenten geladenen Gastes entpuppte sich die Freude im Hohen Hause allerdings nicht als ganz grenzenlos. Das war erwartbar, wenn die Abgeordneten der SED-Nachfolgepartei und der von der SED ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann sich Aug’ in Aug’ gegenübersehen.

Die wohl bedachte Konfrontation sorgte dafür, dass bei aller freudigen Feierei die Opfer jenes Regimes nicht vergessen werden, dessen Ende vor einem Vierteljahrhundert besiegelt wurde und dessen Erben heute weiter ein politischer Faktor im Lande sind. Dass sich Biermann nicht mit einem Sangesauftritt begnügen und die Gunst der Stunde auch zu einer Philippika gegenüber den politischen Kindern und Enkeln der SED nutzen würde, konnte niemanden überraschen. Über die eine oder andere Formulierung mag man streiten. Nötig und wohltuend waren sie angesichts des Unrechts in der DDR, die sich demokratisch wähnte, allemal.

Berlin, nun freue dich

Die Rechtfertigung für Biermanns verbale Attacke gegen den „elendigen Rest“ lieferte – ebenfalls nicht überraschend – der Fraktionschef der Linken und einstige Vorsitzende im Ost-Berliner Rechtsanwaltskollegium, Gregor Gysi. Der will noch immer nichts von einer Wiedervereinigung wissen und sprach weiter lediglich vom Beitritt und einer nicht enden wollenden Siegermentalität des Westens. Wer aus Überzeugung oder aus taktischem Kalkül seiner DDR-nostalgischen Anhängerschaft gegenüber so redet, hat Biermann wahrlich verdient.

Etwas anderes wirft einen wirklich tiefen Schatten auf die Feiern zum Bruch der Mauer: der zynische Missbrauch der Kreuze für die Mauertoten. Dass jetzt bekannt wird, dass das staatlich subventionierte Maxim Gorki Theater involviert ist, setzt dem Skandal die Krone auf. Trotz alledem gilt für die nächsten Tage das Motto, das Walter Momper vor 25 Jahren ausgab: Berlin, nun freue dich – gemeinsam mit Hunderttausenden Gästen.