Bahnstreik

Streikender Lokführer - „Das GDL-Bashing macht mir Angst“

Dirk Schmidtchen ist einer der wenigen Lokführer, die die Öffentlichkeit nicht scheuen. Er sagt: „Ich wünsche mir, dass wir in der Öffentlichkeit nicht als Terroristen wahrgenommen werden“.

Foto: Winfried Mausolf

Mit den Lokführern verhält es sich ein wenig wie mit den Heinzelmännchen. Sie sind zahlreich, wie Fahrgäste der Bahn gerade schmerzhaft zu spüren bekommen, aber zu erkennen geben will sich keiner. Kein Wunder, bekamen doch die streikenden Lokführer der GDL in der Vergangenheit schon am eigenen Leib den Zorn wütender Fahrgäste zu spüren.

Diese hätten sich mit Drohgebärden genähert und ihn und seine Kollegen als „Arschlöcher“ beschimpft, erzählt Dirk Schmidtchen. Er ist einer der wenigen streikenden Lokführer, der den Gang an die Öffentlichkeit nicht scheut. „Ich wünsche mir wirklich, dass wir in der Öffentlichkeit nicht als Terroristen wahrgenommen werden, das GDL-Bashing macht mir Angst“, sagt der 44-Jährige aus Frankfurt (Oder).

Erst am Donnerstagmorgen, bei einem Treffen mit anderen streikenden GDL-Kollegen habe man genau darüber diskutiert und sich gefragt: „Warum steht gefühlt die GDL zu 80 Prozent im Fokus der Medien und nicht der andere Verhandlungspartner, die Bahn?“ Die Antwort kennt er eigentlich selbst. „Ich wär als Fahrgast von dem Streik auch nicht begeistert“, räumt Schmidtchen ein. „Ich würde jetzt grad auch lieber Lok fahren als streiken. Aber das ist unsere letzte Option, am Verhandlungstisch haben wir ja nichts erreichen können.“

Fähigkeit zum Multitasking

Schmidtchen macht seine Arbeit gern, das merkt man ihm an. „Das Beherrschen der Technik, den Zug auch in schwierigen Momenten im Griff zu haben – diese Herausforderungen machen mir Spaß“, schwärmt der Lokführer. „Und wenn ich nach einem langen Arbeitstag sagen kann, ich bin heute wieder pünktlich gefahren, dann freut mich das.“ Einfach sei das nicht immer, der Job erfordere die Fähigkeit zum Multitasking. „Ständig konzentriert nach vorne schauen, die Fahrtzeiten einhalten, die Witterungen beachten – das belastet schon ganz schön.“

Und so stehe er hundertprozentig hinter der Forderung der Gewerkschaft, die wöchentliche Arbeitszeit herabzusetzen. Nach acht Stunden an der Zugspitze sei er abends „ganz schön platt“. Schmidtchen fährt meist den RE1 von Frankfurt über Berlin Richtung Magdeburg sowie den RB11 nach Cottbus. In manchen Schichten fahre er die Strecke Frankfurt–Magdeburg zwei Mal hin und zurück, mit einer kurzen Pause dazwischen. „Mit dem, was da noch so dranhängt – den Zug aufs Überholgleis ziehen etwa – kommt man da auf über acht Stunden Fahrtzeit.“ Das sei belastend und führe einen an seine Grenzen. Und wer wolle schon bei einem unkonzentrierten Zugführer mitfahren.

Unzufrieden mit dem Einstiegsgehalt

Schmidtchen ist seit 1988 Lokführer. „Die Bezahlung hat mich damals gereizt, die war für DDR-Verhältnisse echt gut“, sagt er und lacht. Auch heute sei das Gehalt für ihn dank seiner jahrelangen Berufserfahrung nicht sein Hauptproblem, allerdings verstehe er junge Kollegen, die mit ihrem Einstiegsgehalt unzufrieden seien.

Die „Streiktaktik“ allerdings findet er, zeitpunkttechnisch gesehen, „ehrlich gesagt ein bisschen unglücklich“. Vielleicht sei das Wochenende der Mauerfallfeierlichkeiten nicht ideal gewählt, andererseits aber passe es auch wieder ganz gut. „Genau das feiern wir doch an diesem Wochenende: 25 Jahre Mauerfall und die Rechte, die wir uns dadurch erkämpft haben. Ohne den Mauerfall könnten wir doch jetzt gar nicht streiken.“

Aktuelle Informationen zum Streik

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>> Die kostenlose Streik-Hotline der Deutschen Bahn: 08000 99 66 33

Der Notfahrplan der Berliner S-Bahn