Bahnstreik Berlin

Chaos auf den Bahnsteigen - Wie der Streik Berlin trifft

Überfüllte U-Bahnen, verwaiste Gleise – der Lokführerstreik hat auch in Brandenburg und Berlin viele Reisende stranden lassen. Der ADAC warnt vor einem Verkehrskollaps zum Mauerfall-Jubiläum.

Foto: Getty Images

Überfüllte Busse und U-Bahnen, Schrittverkehr auf Stadtautobahnen – der sechste Streik von Lokführern in drei Monaten hat die Berliner und Brandenburger auf eine harte Probe gestellt.

Nur etwa jeder fünfte Regionalzug sei gefahren, sagte ein Bahnsprecher. Bei der Berliner S-Bahn sah es etwas besser aus: Hier war jeder dritte Zug unterwegs. Die Bahn hatte Notfahrpläne aufgestellt. Diese hätten recht gut gehalten, sagte der Sprecher.

Einige nahmen das Streik-Chaos aber durchaus mit Humor. „Ich erkläre den Zug als besetzt. Benutzen sie die nächste U-Bahn“, gab ein heiter gestimmter Zugführer der BVG am Donnerstagvormittag per Lautsprecher an die in den vollen Zug drängenden Fahrgäste der U5 durch.

Die Stimmung unter den Fahrgästen auf Bahnhöfen und in den Zügen war eher gelassen. Lokführern einfahrender S-Bahnen sei sogar Beifall geklatscht worden, weil sie sich nicht am Streik beteiligten, berichtete die Bahn. „Viele Reisende bedankten sich bei den Mitarbeitern, die doch arbeiten.“

Doch ihren Humor konnten angesichts langer Autostaus, vollbesetzter Fernbusse und überfüllter Busse nicht alle behalten. „Mein Vater war selbst Lokführer, daher weiß ich, wie niedrig dort die Löhne sind“, sagte eine Wartende. Aber mittlerweile habe sie kein Verständnis mehr für die Lokführer-Gewerkschaft, da es dieser nur noch um Macht gehe.

Aktuelle Informationen zum Streik

>> Alle Informationen zum Ersatzfahrplan der Berliner S-Bahn - hier

>> Aktuelle Informationen bei Twitter zur Lage bei der S-Bahn Berlin - hier.

>> Die kostenlose Streik-Hotline der Deutschen Bahn: 08000 99 66 33

Der Notfahrplan der S-Bahn Berlin

Appell an „Kopf und Herz der Lokführer“

Noch bis Montagmorgen um 4 Uhr soll der Ausstand andauern, trotz zahlreicher Appelle aus Politik und Wirtschaft, trotz der Feierlichkeiten in Berlin zum 25. Mauerfall-Jubiläum und dem Ferienende in Bremen und Niedersachsen.

Der Geschäftsführer von visitBerlin, Burkhard Kieker, sprach von einer egoistischen Aktion von einigen wenigen auf Kosten vieler. „Ich glaube, dass wir an Kopf und Herz der Lokführer appellieren müssen, den Deutschen nicht 25 Jahre nach Mauerfall neue Reisebeschränkungen aufzuerlegen“, sagte er.

Stornierungen von Besuchern habe es allerdings kaum geben. Ein wenig tragikomisch wirkt unter diesen Umständen das Sonderticket der Berliner S-Bahn zum Mauerfall-Jubiläum: „Grenzenlose Bewegungsfreiheit“ an drei Tagen für 15 Euro. Aber immerhin gilt es auch bei der BVG.

Notfallfahrplan läuft stabil

Doch trotz großer Lücken in den Fahrplänen blieb das erwartete Chaos in vielen Teilen Deutschlands aus, der Notfallfahrplan der Deutschen Bahn lief am Donnerstag weitgehend stabil. Zwar kam es zu Ausfällen und Verspätungen, aber etwa ein Drittel der Fernzüge fuhr.

An deren Spitze saßen die etwa 4000 verbeamteten Lokführer, die im Gegensatz zu ihren 16.000 nicht verbeamteten Kollegen nicht streiken dürfen. Außerdem sind etwa 5000 weitere in der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) organisiert und fahren ebenfalls.

Zu größeren Einschränkungen kam es im Regional- und S-Bahn-Verkehr, wo nach Bahnangaben in einigen Regionen drei von vier Zügen ausfielen. Aufgrund der rechtzeitigen Streikankündigung waren viele Fahrgäste aber gut informiert und nahmen den Weg zum Bahnhof gar nicht erst auf sich.

Die Folge: Gähnende Leere auf vielen Bahnhöfen auch in Berlin, teilweise sperrte die Bahn sogar Aufgänge zu Bahnsteigen ab, mit dem knappen Hinweis „Bitte U-Bahn, Bus und Tram nutzen“. Allerdings wussten viele Fahrgäste nicht, dass viele S-Bahnen und Regionalzüge nach Notfahrplan fahren, was zu teilweisen fast leeren Zügen führte. Praktisch verwaist lagen am Donnerstag die Regionalbahnsteige am Zoologischen Garten da, obwohl durchaus noch Züge fuhren. Auch die S-Bahn-Linien S1 und S2 wurden, obwohl sie in beiden Richtungen noch regelmäßig im 20-Minuten-Takt verkehrten, nur ganz wenig genutzt. Trotzdem war der Streikfahrplan der Bahn im Internet zeitweise wegen der hohen Nachfrage nicht mehr erreichbar.

Ringbahn wird nicht bedient

Bei der Berliner S-Bahn wird der Ring mit den Linien S41, S42, S45 und S47 nicht bedient. Die S46 fährt alle 20 Minuten zwischen Königs Wusterhausen und Südkreuz. Zwischen Oranienburg und Potsdam Hauptbahnhof soll die S1 alle 20 Minuten fahren. Die S7 ist nur auf der Strecke zwischen Friedrichstraße und Strausberg im Einsatz.

Die S5 verkehrt auf der Teilstrecke zwischen Alexanderplatz und Marzahn, die S3 zwischen Erkner und Ostkreuz. Keine Züge fahren auf den Linien S75, S8 und S85. Auf der S8 werden zwischen Hohen Neuendorf und Blankenburg Busse eingesetzt – ebenso auf der S25 zwischen Hennigsdorf und Tegel sowie Teltow Stadt und Südende.

Die S9 ist auf der Strecke zwischen Landsberger Allee und Flughafen Schönefeld im Einsatz. Die S2 verkehrt alle Stunde zwischen Blankenfelde und Bernau.

Volle Straße im Berufsverkehr

Viele Berliner stiegen auf das Auto um, was während des morgendlichen Berufsverkehrs zu vollen Straßen führte. Auch auf vielen Straßen von und nach Berlin wurde es am Donnerstagmorgen wesentlich enger als sonst. Nach Angaben der Verkehrsinformationszentrale Berlin fuhren die Autos vor allem auf der A 111 im Norden Berlins sowie auf der die A 113 im Süden zeitweise Stoßstange an Stoßstange. Dort hätten die Autofahrer etwa 45 Minten längere Fahrzeiten einplanen müssen.

Noch mehr Autos als sonst waren etwa auch auf der B 1/5 im Osten Berlins und der Heerstraße im Westen unterwegs. Der Automobilclub ADAC erwartet für Sonntagnachmittag zum Mauerfall-Jubiläum in und um Berlin eine „dramatische Verkehrslage“. Dann sollten Autofahrer auf keinen Fall in die Innenstadt fahren. Die leidgeprüften Berliner S-Bahn-Kunden ließ der Streik kalt. Man wurde erfinderisch, bildete Fahrgemeinschaften, und: wart freundlich und höflich. „Gutes Durchkommen“, wünschte man sich in der U5 anteilnehmend.

Und bei Twitter bieten Autofahrer unter dem Schlagwort #twitfahrzentrale Mitfahrgelegenheiten an. „Habe einen Platz frei morgen Mittag #BerlinDüsseldorf“, postet etwa der User kaizwo.

Vom Streik sind auch die Verkäufer von Straßenzeitungen betroffen. Das Geschäft von „Straßenfeger“-Verkäufer Kevin hat unter dem Stillstand zu leiden. „Das ist eine Sauerei mit dem Bahn-Streik!“ Er habe heute keine Zeitungen bekommen, da er nicht bis zur Ausgabestelle an der Landsberger Allee gelangen konnte.

Mietwagen und Fernbusse gefragt

Zugute kommt der Lokführer-Streik den Mietwagen- und Fernbusanbietern. „Die Buchungssituation von allen Anbietern bei Fernreisebussen ist ausgesprochen gut. 50 bis 60 Prozent plus“, sagte Klaus Reindl, Sprecher des Postbus-Anbieters ADAC. Auf dem Zentralen Busbahnhof in Berlin herrschte am Donnerstagmorgen reger Andrang. Die Fernbusse rollten voll besetzt vom Gelände am Messedamm Richtung Hamburg, Hannover, München oder Dresden.

Viele Reisende haben sich schon zu Beginn der Woche ein Ticket gekauft, als die erneuten Streikabsichten der Gewerkschaft bekannt wurden. „Ich wollte eigentlich mit dem Zug nach Hamburg fahren, habe mir dann aber am Dienstag schnell die Fahrkarte für den Fernbus geholt“, sagte eine junge Berlinerin. Auch Ilse Schmidt wartete am Donnerstagnachmittag auf ihren Bus nach Hannover. Falls sie damit gute Erfahrungen mache, werde sie häufiger den Bus nehmen. „Die Fahrtzeit ist mit drei Stunden zwar doppelt so lang wie mit dem Zug, dafür zahle ich aber nur einen Bruchteil dessen, was sonst ein Ticket der Deutschen Bahn kostet.“

Das Minutenprotokoll zum Streiktag

>> Handynutzer finden das Minutenprotokoll hier <<