Urban Culture

Was für eine Bretterbude! Ein Skateboard-Museum für Berlin

Jürgen Blümlein wünscht sich ein Skateboard-Museum für Berlin. Er sucht einen geeigneten Ort für seine vielen historischen und modernen Exponate. Im Stadtbad Wedding werden Entwürfe dafür gezeigt.

Foto: Reto Klar

Die Bretter, die für Jürgen Blümlein die Welt bedeuten, sind klein, haben zwei Achsen und vier Rollen. Blümlein ist ein Skateboard-Freak. Aus Überzeugung. Und das seit 26 Jahren. "Ich stand mit 15Jahren das erste Mal auf einem Skateboard, seither hat mich das Fieber gepackt und nicht mehr losgelassen", sagt der 41-Jährige und schwärmt nach wie vor von dem "tollen Gefühl auf diesen Brettern".

Der große und schlaksige Mann hält kurz inne, lächelt und ergänzt noch schnell: "Mit Fieber meine ich natürlich eher einen positiven Infekt." Schließlich sei Skaten Ausdruck von Lebensfreude. Zehn Mark habe er damals für das erste eigene Skateboard bezahlt, "ein olles Teil aus Plastik. Doch das Ding rollte". Und das war schließlich die Hauptsache. Blümlein jobbte als Schüler in seiner Heimatstadt Böblingen im ersten Skateboard-Geschäft am Ort, wurde Vizemeister von Baden-Württemberg und schaffte es bei der deutschen Meisterschaft immerhin "unter die Top Ten", wie er mit leichtem Stolz in der Stimme sagt.

"Das bringt einfach Spaß"

Auch heute steigt er noch regelmäßig auf die Bretter. "Das bringt einfach Spaß", sagt der Vater von drei Kindern, von denen das Älteste, seine siebenjährige Tochter, auch schon skatet. Doch Blümleins Infekt hat noch weitere Nebenwirkungen. Der Wahlberliner engagiert sich auch als Kurator für das von ihm mitbegründete europaweit erste und einzige Skateboard-Museum, das von 2003 bis 2013 eine feste Bleibe in Stuttgart hatte und nach wie vor ein geeignetes Domizil in Berlin sucht.

"Berlin ist einfach der richtige Ort für so ein besonderes Thema", sagt Blümlein. Er selbst wohnt seit 2005 an der Spree und kommt beruflich ursprünglich vom Film. So hat er an der Filmakademie in Ludwigsburg Digitale Bildgestaltung studiert und unter anderem die visuellen Effekte in Bully Herbigs Kinokomödie "(T)raumschiff Surprise" gestaltet. Doch das Digitale war dem Skateboard-Fan dann irgendwann zu abstrakt.

Er wollte die Dinge selbst in die Hand nehmen. Im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im übertragenen Sinne. So wie bei seiner Arbeit als Künstler mit Arbeiten aus Flüssigkunststoff und so wie eben auch bei der Gründung des Skateboard-Museums oder bei der Gestaltung von Ausstellungen für Skateboard-Firmen, was er neben der ständigen Recherche zu Themen und Geschichte(n) rund ums Skateboard auch noch macht.

Seit einem Jahr hat der Trägerverein des Skateboard-Museums im Stadtbad Wedding sein Büro und sucht eine geeignete Ausstellungsfläche für all die vielen historischen und modernen Exponate, die Blümlein und sein Kompagnon Daniel Schmied in den vergangenen Jahren aus aller Welt zusammengetragen haben. Darunter schwere gusseiserne Skateboards der 80er-Jahre aus der Sowjetunion, Rollschuhe aus dem frühen 20. Jahrhundert, amerikanische Roller aus Kisten der 50er-Jahre, Skaterkleidung, Musik oder auch Filme. Einen kleinen Eindruck der Vielfalt dieser Exponate und der spannenden Historie des Skatens vermittelt die aktuelle Ausstellung, die am Dienstagabend in der trockengelegten Schwimmhalle des Stadtbades eröffnet wurde.

"Skateboard & Urban Culture. Szenografische Ausstellungskonzepte" ist Titel der Schau, in der Master-Studierende des Studiengangs Bühnenbild der Technischen Universität Berlin (TU) sechs Entwürfe für Ausstellungskonzepte für das in Berlin geplante Skateboard-Museum zeigen und in der Blümlein zudem Beispiele für die Skateboard-Kultur im ehemaligen Ost- und Westteil Berlins zeigt. "Wallride" hat er die Schaukästen genannt, die nicht nur Skateboards, sondern unter anderem auch Fotos zeigen. "Skateboardfahren war in der DDR ein großes Thema, wobei die Sportler natürlich kritisch beäugt wurden", sagt Blümlein.

Historisch lange Vorgeschichte

Dass die Skateboard-Kultur historisch eine lange Vorgeschichte hat, ist eines der Themen, mit denen sich Blümlein intensiv beschäftigt hat. "Wir werden in dem Museum bei den Vorläufern bis in die Zeit der Wikinger zurückgehen, die sich schon vor 5000 Jahren auf Schlittschuhen vorwärts bewegt haben", erläutert Blümlein. Aber er weiß auch Anekdoten aus der jüngeren Geschichte zu erzählen, wie jene von einem belgischen Instrumentenbauer, der mit den von ihm entwickelten Rollschuhen im 18. Jahrhundert auf einem Ball des englischen Königshauses in einen Spiegel krachte, was seiner Erfindung große Aufmerksamkeit brachte – quasi der "Durchbruch" für Rollschuhe.

Die moderne Sicht einer möglichen Präsentation der umfangreichen Sammlung des Museums zeigt die Schau im Stadtbad. "Die Master-Studenten im TU-Studiengang Bühnenbild – Szenischer Raum hatten die Aufgabe, für eine mögliche Fläche von 600 Quadratmetern Ausstellungskonzepte zu entwickeln, die die vielen Aspekte unseres Museums berücksichtigt", sagt Blümlein.

Das Ergebnis sind sechs sehr unterschiedliche Konzepte, die als großformatige Modelle im Stadtbad ausgestellt werden. "Bei allen Arbeiten geht es darum, mit einer speziellen Dramaturgie die Besucher emotional in das Museum reinzuziehen", sagt Franziska Ritter von der TU, die für die Koordination des Projektes verantwortlich zeichnet.

Am 8. November, dem letzten Tag der Präsentation, ist von 13 bis 18 Uhr ein "Familientag" geplant, bei dem Kinder auf einer kleinen Rampe das Skateboardfahren lernen können. Ausstellungsort ist das Stadtbad Wedding an der Gerichtstraße 65 in 13347 Berlin (S+U-Bahnhof Wedding, S-Bhf. Humboldthain)

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