25 Jahre Mauerfall

Harald Jäger ist der Mann, der die Mauer öffnete

Am 9. November war der Grenzübergang Bornholmer Straße der erste, der öffnete. Wir trafen den Mann, der dies veranlasste: Harald Jäger.

Foto: Reto Klar

Erst mal eine Zigarette. Harald Jäger ist schon ein paar Minuten vor der verabredeten Zeit hier, steht aber noch auf der anderen Straßenseite. Und raucht. Immer, wenn er an der Bornholmer Straße steht, wird er wieder übermannt. „Alltag“, sagt er, als er herüberkommt, „wird das nie werden. Immer wieder kommt die Geschichte von Neuem hoch.“

Gemeinsam nähern wir uns von der östlichen Seite der Brücke, auf der rechten Straßenseite. Hier stehen noch Reste der Mauer, davor sind ein paar junge Bäume gepflanzt, auf dem Boden alle paar Meter rostende Stahlbänder eingelassen, die an die Ereignisse des 9. November 1989 erinnern. Etwa: „23.20 Uhr: ‚Tor auf! Tor auf! Wir kommen wieder. Wir kommen wieder.‘ (Ostberliner).“ Oder: „23.30 Uhr: ‚Wir fluten jetzt. Wir machen alles auf.‘ (Stasi-Offizier).“ Harald Jäger kennt das nur zu gut. Er war an dem Abend hier. Er war Oberstleutnant der Passkontrollstelle. Er war es, der den Befehl gab, die Grenze aufzumachen. Er ist der Mann, der die Mauer öffnete. Welche Ironie: Ausgerechnet ein glühender Kommunist, der 1964 der Stasi beigetreten ist, 25 Jahre lang an der Bornholmer Straße tätig war und die ganze Kaderschmiede der SED durchlaufen hat, ausgerechnet so einer hat das Ende der DDR mitbesiegelt.

Wir stehen jetzt vor der Brücke, die oft fälschlich Bornholmer Brücke genannt wird, aber tatsächlich Bösebrücke heißt, nach Wilhelm Böse, einem NS-Widerstandskämpfer. Das kleine Areal davor heißt heute Platz des 9. November 1989, ein Gedenkstein verweist auf das historische Ereignis, Bildertafeln erzählen die Geschichte. Es ist viel los hier, so kurz vor dem 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Ganze Radlerkorsos halten hier, denen die Bedeutung der „Location“ auf Englisch erklärt wird. Und während Jäger uns auf den Bildertafeln erklärt, wo die Fußgänger passieren durften und wo seine Baracke stand, wird er von einem Passanten angesprochen: „Und wo war der Schlagbaum? ... Ach, Sie sind ja Herr Jäger.“ Und dann, grinsend: „Man kennt sich aus dem Fernsehen.“ Er sagt „sich“, nicht „Sie“. Jäger ist inzwischen bekannt. Und wird auch auf der Straße erkannt. Dabei steht er nicht gern in der Öffentlichkeit. Lieber wäre er der unbekannte Harald Jäger geblieben. Aber die Geschichte ist nun mal anders verlaufen.

„Macht den Schlagbaum auf!“

Jäger erzählt noch einmal diese, seine Geschichte. Wie er, damals 46, an diesem 9. November als diensthabender Leiter morgens um 7.30 Uhr seinen 24-Stunden-Dienst begann. Wie er um 19 Uhr in die Kantine ging, als Schabowski gerade im Fernsehen etwas von „Unverzüglich ... sofort“ erzählte. „Was erzählt denn der für ’nen geistigen Dünnschiss?“, hat Jäger gedacht. Denn die Grenzer hatte man über diese Situation in keiner Weise unterrichtet. Schon kurz darauf standen die ersten DDR-Bürger vor der Grenzübergangsstelle, der GÜST, wie Jäger sagt. Erst noch in sicherem Abstand, „da hinten, wo heute die Ampel steht“. Allmählich trauten sie sich näher heran. Und es wurden immer mehr.

Immer wieder telefonierte Jäger mit den Vorgesetzten von der Hauptabteilung IV des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), am Ende sogar mit deren Zentraler Koordinierungsstelle. Aber die hielten ihn hin, die ließen ihn allein. Zigtausende standen bis zur Schönhauser Allee, die Lage drohte zu eskalieren. Die wenigen Grenzer wurden immer nervöser, man diskutierte über Waffengebrauch. Schließlich wurden erst mal nur ein paar DDR-Bürger aussortiert und herausgelassen, Unruhestifter, um die Lage zu entspannen. Sie sollten, wohlgemerkt, nicht mehr hereingelassen werden. Aber als die ersten zurückkehrten, bewies Jäger zum ersten Mal an diesem Abend Zivilcourage. Und ließ sie passieren. Und dann, um etwa 23.30 Uhr, als er für nichts mehr garantieren konnte, gab er schließlich den Befehl: „Macht den Schlagbaum auf.“

Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt

Man hätte ihm dafür den Prozess machen können, wegen Hochverrats. Der Militärstaatsanwalt der DDR hat in dieser Sache später noch ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Aber daran hat Jäger in dieser Situation nicht gedacht. Was fühlt man in so einem Moment? Der 71-Jährige kann ihn nur schwer beschreiben, flüchtet sich in die dritte Person. Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt. „Da muss man plötzlich handeln.“ Danach schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen.

Für viele ist Harald Jäger nun ein Held. Für seinen Biografen Gerhard Haase-Hindenberg, der 2007 das Buch „Der Mann, der die Mauer öffnete“ veröffentlichte, hat er damit Weltgeschichte geschrieben. Beides will Jäger nicht gelten lassen. Seine Geschichte ist eine von Anpassung und Widerstand. „Die Helden, das waren die anderen. Die, die vor uns standen.“ Aber, das gibt er offen zu, es hätte auch anders kommen können an diesem Abend. „Man hätte“, wieder spricht er in der dritten Person, „es auch falsch machen können.“ Sein Verdienst ist es, dass es kein Blutvergießen gab. Und darauf ist er schon ein bisschen stolz.

Wir sind inzwischen über die Brücke spaziert. Auf der Weddinger Seite ist dies eine ganz normale Brücke. Als Jäger das erste Mal in den Westen der Stadt ging, erst im Januar 1990 war das, ist er auch über die Bösebrücke gegangen. Allein. Er ist nicht sehr weit gekommen, bis zur Jülicher Straße und dann links zum Gesundbrunnen. Das Begrüßungsgeld, 100 Westmark, habe er schon genommen. Bei einem Döner-Imbiss ist er stehen geblieben, wusste aber nicht, was das für ein Spieß da war. Und traute sich nicht zu fragen. Er hat sich dann bei einem Kfz-Ersatzteillager eine Elektro-Luftpumpe fürs Auto gekauft. Im Osten gab es nur Handpumpen. Sie hat nur 10 DM gekostet. „Hat aber auch nicht lange gehalten“, grinst Jäger. „War wohl doch nichts Besonderes.“ Den Rest des Geldes hat er seiner Frau mit nach Hause gebracht. Seine erste Auslandsreise hat er dann ein Jahr später gemacht. Nach Dänemark. Bornholm. So viel Ironie muss schon sein.

„Noch immer wie ein Film“

Wir kehren an der Grüntaler um und laufen auf der anderen Straßenseite die Bornholmer zurück. Eigentlich, sagt er, wäre er am liebsten nie in die Öffentlichkeit gegangen. Aber es gab dann andere, die seine Geschichte für sich reklamieren wollten. Das hat er dann auch nicht gewollt. Und so hat er sich als Zeitzeuge zur Verfügung gestellt. „Der 9. November“, sagt Jäger, „läuft für mich immer wie ein Film ab.“ Jetzt gibt es auch einen. Zum 25. Jahrestag ist seine Geschichte verfilmt worden. Am kommenden Mittwoch ist „Bornholmer Straße“ im Ersten zu sehen, zur besten Sendezeit. Aber nicht etwa als Doku-Drama, sondern als grell überzogene Satire. Christian Schwochow, der auch „Der Turm“ und „Westen“ gedreht hat und damit trotz seiner jungen Jahre quasi zum filmischen Mauerfall-Experten mutierte, hat Regie geführt. Seine Eltern, die noch heute in einer Parallelstraße der Bornholmer wohnen, haben das Drehbuch geschrieben. Jäger hat erst gezuckt, als er hörte, es solle eine Komödie werden. Er dachte, das sei unangebracht. Aber nach 25 Jahren, wurde er überzeugt, müsse man auch darüber lachen können. Und wirklich seien einige Dinge ja auch sehr komisch abgelaufen.

Jäger war als Fachberater beim Film dabei. Hat auch die Dreharbeiten besucht, die nicht an der Bösebrücke stattfanden. Die hätte man nicht für mehrere Nächte absperren können. „Sondern da drüben.“ Er zeigt nach rechts, Richtung Swinemünder Brücke. Auch in Marienborn wurde gedreht. Das sei aber so raffiniert gedreht und geschnitten worden, dass man meint, man befinde sich an der echten Brücke. Und Charly Hübner habe ihn so genau studiert, dass Jäger ganz verblüfft ist: „Manchmal denke ich, das bin ich selbst auf der Leinwand.“ Seine Figur heißt im Film dennoch anders, Harald Schäfer. Und in der Schlüsselszene wurde dann doch dramatisiert: Hübners Schäfer öffnet selbst den Schlagbaum. „Das macht man nicht selbst“, sagt Jäger. „Als Vorgesetzter gibt man Befehle.“

Zuletzt beim Wachschutz im Heizkraftwerk

Dass der Film ihm jetzt eine Art Denkmal setzt, wenn auch ein sehr satirisches , das geniert Jäger ein wenig. Denn soviel ist ja klar: Er hat 28 Jahre Grenzdienst verrichtet, 25 Jahre davon an der Bornholmer Straße. Die Passkontrollstelle war der Stasi unterstellt, er hat da nicht nur Pässe kontrolliert. Lange – hier steckt sich Jäger erneut eine Zigarette an, er raucht viel auf diesem kurzen Weg – lange habe er geglaubt, dass das System richtig war und nur der Weg dahin Fehler hatte. Erst als Honecker 1983 einem österreichischen Journalisten die Existenz von Minengürteln und Selbstschussanlagen an der Mauer bestätigte, sei sein Weltbild ins Wanken geraten. „Mein Sohn hat mich gefragt, wie ich da noch weiter arbeiten kann. Ich hatte damals keine Antwort.“ Den Mut, sich zu entpflichten, gibt er zu, habe er nicht gehabt. Und das sei seine persönliche Schuld: Der Selbstbetrug, das System bis zuletzt unterstützt, alles mitgetragen zu haben.

Nach Auflösung des MfS im Februar 1990 wurde Jäger den Grenztruppen der DDR unterstellt. Kurz vor der Wiedervereinigung war auch damit Schluss. Er war dann erst mal zwei Jahre arbeitslos. Wer hätte ihn auch nehmen wollen als ehemaligen Stasi-Mann? Später verdingte er sich als Zeitungs- und Eisverkäufer, hat mit seiner Frau sechs Jahre lang einen Zeitungsladen geführt. Dann hat er vier Jahre im Maßregelvollzug der Bonhoeffer-Klinik in Reinickendorf gearbeitet, da musste er wieder täglich über die Bornholmer Straße. Zu der Zeit aber kam das Buch heraus, und damit seine Stasi-Tätigkeit. Sein letztes Jahr bis zur Rente hat er dann beim Wachschutz im Heizkraftwerk Rummelsburg verbracht.

Heute lebt Jäger nicht mehr in der Stadt. Sondern 40 Kilometer nordöstlich in Werneuchen. Einem kleinen Städtchen mit 8000 Einwohnern. Ist er da hingezogen, um der Vergangenheit zu entfliehen? Nein, das war vor allem eine Geldfrage. Mit seinen gerade mal 940 Euro Rente im Monat konnte er seine Wohnung in Hellersdorf nicht mehr bezahlen. Er hatte aber schon lange einen Garten in Werneuchen. Raus ins Grüne, das war immer sein Traum gewesen. Als Grenzer durfte er nicht, er musste ja stets abrufbereit sein. Am Ende hat er sich den Traum doch erfüllt. Und ist zuletzt ganz da hingezogen. Jetzt kommt er nur noch selten in die Stadt. Auch deshalb ist es immer komisch für ihn, wieder hier zu stehen.

Wo die Baracke war, steht heute Lidl

Fühlt sich Jäger als Wendeverlierer? Nein, er schüttelt energisch den Kopf. Er ist mit sich ins Gericht gegangen, das sei ein langer, schmerzhafter Prozess gewesen. Er habe sich neu programmieren müssen. Das hat lange gedauert, „zehn bis zwölf Jahre, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass ich angekommen bin.“ Ostalgiker war er nie. Wenn er hört, dass heute wieder Männer in Stasi-Uniformen am Treptower Park aufmarschieren, dann schämt er sich. „Von der niederträchtigen Farce, die da abgezogen wurde, ist mir speiübel geworden.“ Auch deshalb ist er aus dem Schatten der Anonymität getreten. Um sich als Zeitzeuge zur Verfügung zu stellen. Keine Doku über den Mauerfall ohne Harald Jäger. Aber auch im Ausland ist er begehrt. Gerade war er bei einer Veranstaltung in Liverpool, das Interesse war enorm. Und jetzt ist er nach Denver eingeladen worden.

Wir sind am Ende unseres Spaziergangs. „Das Einzige, was noch wie damals aussieht, ist die Brücke. Alles andere ist weg.“ Die Baracke wurde abgebrannt, einen Tag, nachdem der ehemalige Grenzübergang dicht gemacht wurde. Es war einmal angedacht, das ganze Areal unter Denkmalschutz zu stellen. Stattdessen steht da jetzt ein Lidl-Supermarkt. Harald Jäger raucht noch eine letzte Zigarette. Erst jetzt erkennen wir die Marke. Der ehemalige Genosse raucht West.

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