Berliner Baumeister

„magma architecture“ bringt die Stadt in Bewegung

Die Zeit der „starren Moderne“ ist vorbei. Lena Kleinheinz und Martin Ostermann setzen auf Flexibilität.

Die Planer des Berliner Büros „magma architecture“ entwerfen eine zukunftsfähige Architektur, „die sich auf ändernde Anforderungen einstellen kann“. Nachhaltigkeit beziehen die Architekten nicht nur auf die Wahl entsprechender Materialien. Die von magma entwickelten Gebäude und designten Räume sollen auch wandelnde Nutzungen ermöglichen. Denn, so Lena Kleinheinz: „Die Welt, in der wir leben, ist in Bewegung. Unsere Antwort darauf ist eine lebendige und auch veränderbare Architektur.“ Der Name des Büros magma mit Sitz in Kreuzberg ist denn auch Programm: Magma, die Gesteinsschmelze, steht schließlich auch für das Fließende, für die Veränderung. Was Kleinheinz und Ostermann darunter konkret verstehen, offenbart einer ihrer internationalen „Volltreffer“, den sie mit ihrem Entwurf für die Schießhallen der Olympischen Sommerspiele in London 2012 landeten.

Anders als die für diese Sportart sonst üblichen langweiligen Boxen entwickelte magma architecture drei unterschiedlich große Hallen im modernen Outfit mit innovativer Konstruktion. Die Hallen sind in helle recycelbare Membranen gehüllt, die durch farbige drei bis vier Meter große runde Öffnungen in einer Art heiterem Pop-Art-Stil belebt werden. Die in knalligen Magenta, Orange und Türkis gehaltenen Ausstülpungen dienen Belüftung sowie Belichtung und sie bieten vor allem den erforderlichen Widerstand für die textile Außenfläche. „Wäre die Membran komplett glatt gespannt, hätten wir für die Stabilität der Konstruktion etwa 55 Prozent mehr Stahl benötigt“, erläutert Lena Kleinheinz den nachhaltigen Entwurf.

Dass unterdessen die Baustoffe einer der Hallen für eine andere Verwertung geschreddert wurden, eine weitere Halle für Reitsport und die dritte von Architekten genutzt wird, stört die Planer nicht. Im Gegenteil! Wiederverwertung und neue Nutzung an neuen Orten entspricht auch ihren Vorstellungen vom Sinn moderner temporärer Bauten, die eben mehr sind als schnell dahingestellte hässliche Einwegboxen. So wurde magma für die Schießhallen in London bereits mehrfach ausgezeichnet – darunter mit Preisen der amerikanischen wie der englischen Architektenkammer. Auch eine Nominierung für den renommierten Mies-van-der-Rohe-Preis ehrt das ansprechende Zusammenspiel von Form und Funktion.

Auch mit ihrer modernen Gestaltung des Al-Qasba-Theaters in der Stadt Schardscha des gleichnamigen arabischen Emirats erregten die Berliner Architekten international Aufmerksamkeit. Kleinheinz und Ostermann entwarfen einen Theaterinnenraum, dessen fließende textile Ausgestaltung an die welligen Wüstenflächen erinnert, die die sandige Landschaft um Schardscha prägen.

Der Umgang mit ungewohnten Materialien liegt den beiden. Martin Ostermann hat als Sohn des Maschinenbauers und „Aluminiumpapstes“ (O-Ton Lena Kleinheinz) Friedrich Ostermann früh schon Einblick in die Bedeutung und technische Anwendung neuer Baustoffe erhalten. Lena Kleinheinz entdeckte die dreidimensionalen Gestaltungsmöglichkeiten von Textilien bereits als Teenager. „Ich habe schon im Alter von zehn bis 18 Jahren viel genäht“, sagt die in Dänemark geborene Tochter eines Kernphysikers und einer Musikerin. Die heute 42-Jährige spricht fließend Dänisch und lernte bereits als Kleinkind Englisch. Kleinheinz lebte im Alter von drei bis sechs Jahren mit ihrer Familie in den USA.

Dort verbrachte auch Martin Ostermann seine ersten Lebensjahre. Er wurde in Ohio geboren, seine Eltern waren zum Promovieren in die USA gegangen. Seine Jugend verbrachte Ostermann im eher kleinstädtischen Meckenheim bei Bonn, bevor er zunächst in Aachen, zwischendurch in London Architektur studierte, und später noch in London seinen Master machte. Nach dem Studium arbeitete Ostermann im Berliner Büro von Daniel Libeskind, wo er als Projektleiter für das Design des World-Trade-Center-Projektes verantwortlich war und das Imperial-War-Museum in Manchester betreute. Lena Kleinheinz, die unter anderem bei Berlins Shootingstar Jürgen Mayer H. studierte, ging unter anderem nach Tokio zu einer Innenarchitektin.

Privat begegneten sich die umtriebigen Architekten bereits 1995 bei gemeinsamen Freunden in Münster, wo die in Jülich aufgewachsene Kleinheinz vor ihrem Architekturstudium in Berlin und London zunächst freie Bildhauerei studierte. Es sollte lange eine Fernbeziehung werden, denn Kleinheinz arbeitete nach dem Studium in Dänemark. Dort trifft sich die Familie jeden Sommer in der Nähe von Kopenhagen.

Trotz internationaler Erfahrungen und Erfolge bleibt ein Wehmutstropfen. Das Berliner Architektenpaar würde gern auch in der Hauptstadt „das Diktat der Blockrandbebauung mal sprengen“, wie Ostermann sagt. Bislang betreuen die Planer an der Spree ein Projekt: die Revitalisierung des Funkhauses an der Nalepastraße. Für den denkmalgeschützten Bau an der Spree hat magma unter anderem die Idee einer „sprechenden Fassade“ entwickelt. Bewegliche LED-Leuchten sollen wie die Lichter eines Mischpultes die innen produzierte Musik auf die Fassade übertragen.

„Natürlich wollen wir unbedingt in Berlin bauen“, sagen Lena Kleinheinz und Martin Ostermann. Die starren Gestaltungsvorgaben des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann wirkten noch immer nach, beklagen beide. Fast neidisch blicken sie ins Ausland, wo spannende Architektur mehr Chancen habe. „Man kennt uns in England, hier sind wir noch kein Begriff“, bedauert Ostermann und hofft mit seiner Partnerin, dass Berlin auch in diesem Punkt wie in der zeitgenössischen Architektur in Bewegung kommt.