Online-Magazin

„BizzMiss“ will Spielregeln für Karrierewege neu schreiben

Kämpferisch und gern mal polemisch: Das Berliner Online-Magazin BizzMiss schließt eine Lücke zwischen Frauen- und Wirtschaftsmagazinen und fragt, warum Karriere und Familie noch immer unvereinbar sind.

Foto: Amin Akhtar

Melanie Croyé ist eine, die man klassischerweise als Powerfrau bezeichnen würde, wenn der Begriff nicht so altmodisch wäre. Einen kämpferischen, aber pragmatischen Eindruck macht die 30-Jährige. Gute Voraussetzungen für eine freie Journalistin, die sich der Wirtschaft verschrieben hat. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Anna Baumbach, Inga Höltmann und Sandra Ketterer gründete Croyé im Januar BizzMiss, ein Online-Magazin, das sich Frauen im Arbeitsleben widmet. Das Online-Magazin ist in drei Ressorts unterteilt: Frauen, Wirtschaft, Beruf. Darunter finden sich Porträts von echten Frauen, wie zum Beispiel Estée Lauder oder jungen Berliner Gründerinnen, genauso wie von falschen: „So steinig war Barbies Karriere“.

„Wir wollen die Lücke schließen zwischen Frauen- und Wirtschaftsmagazinen“, beschreibt Melanie Croyé die Motivation hinter BizzMiss. „Was nicht heißt, dass wir nicht beides gern lesen.“ Doch in einschlägigen Frauenzeitschriften gehe es vor allem um Mode, Kosmetik, Styling und Liebe. Und in Wirtschaftsmagazinen seien Frauen inhaltliche Ausnahmeerscheinung. Hier dominieren die männlichen Entscheider. „Wir schreiben für die, denen Klatschzeitschriften zu oberflächlich sind und die sich von gängigen Wirtschaftsmagazinen nicht abgeholt fühlen“, so Croyé.

Digitales Experiment

BizzMiss ist also ein Experiment. „Wir sind klassische Journalistinnen und, um das abgenutzte Wort zu bemühen, Digital Natives“, sagt Croyé. „Da haben wir unsere Chance gesehen, eine Plattform entstehen zu lassen für Themen, die uns wirklich interessieren.“ So veröffentlicht BizzMiss an die drei Texte wöchentlich – Portraits über Business-Frauen, sorgfältig recherchierte Artikel zu Themen wie Frauen als Gründerinnen, Sabbaticals oder die Frauenquote, außerdem wird ein wöchentlicher Newsletter verschickt.

Und als Bonbon zum Wochenende gibt es eine Kolumne zum Thema Business Life, die sich – gern auch ironisch – dem Thema Arbeitsalltag widmet. Diese wird abwechselnd von allen geschrieben, doch meist steht Croyés Name über dem Text. „Ich hab einfach immer was zu sagen“, sagt diese und lächelt.

Melanie Croyé hat ein offenes, sympathisches Lächeln und kurze, blonde Haare. Sie beobachte gern Menschen, sagt sie, finde es spannend, wie sie miteinander auskommen. Auf Lebenserfahrung kann Croyé mehr als genug zurückgreifen. Seit 2013 arbeitet sie als freie Journalistin. Von Anfang an lag ihr Interesse bei Themen wie Bildung, Energie und Ökologie. Sie hat etliche Stunden in großen und kleinen Redaktionsbüros verbracht. Überhaupt hat sie schon einige Jobs gemacht, sie hat Zeitungen ausgetragen, Bonbons am Fließband sortiert und Exceltabellen ausgefüllt.

„Zuhause arbeiten ist Scheiße“

Unter Titeln wie „Zuhause arbeiten ist scheiße“, einem Plädoyer für die räumliche Trennung von Arbeits- und Privatleben, oder „Lächeln und Nicken – da mach’ ich nicht mit“, einer Kampfansage an gekünstelte Höflichkeiten im Büro, reihen sich Zeilen voller Erfahrungen aus und Tipps für den Arbeitsalltag

. In „So lästert es sich richtig“ etwa rät Melanie Croyé, nach eigener Aussage selbst eine leidenschaftliche Lästerschwester, nur über Fakten zu lästern und trotzdem weiterhin nett zur betreffenden Person zu sein. Auch wenn das lachsfarbene Ganzkörperoutfit der Kollegin noch so daneben ist. Manchmal gleitet die Kolumne ein wenig ins Polemische ab, doch Croyé ist das bewusst. „Ich provoziere gern, bin immer dagegen - oder halt dafür, je nachdem“, sagt sie zufrieden. „Und ich nehme gern eine polemische Haltung ein.“

Gerade das hebt BizzMiss von anderen Frauenmagazinen ab. Die Autorinnen diskutieren gern und offen. Man merkt deutlich, dass die Schreiber keine Rücksicht auf Interessen von Werbekunden oder Verlagschefs nehmen müssen, und so schreiben die Journalistinnen tatsächlich das, was sie denken. Oder zumindest erwecken sie sehr gekonnt den Eindruck.

Besonders die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint es den Macherinnen angetan zu haben. In „7 Stolperfallen für Mamas Bewerbung“ gibt Sandra Ketterer Tipps, wie genau ein Anschreiben – frisch aus der Babypause zurück auf dem Arbeitsmarkt – nicht aussehen sollte. Und Artikel wie „Kinderwunsch – jetzt oder nie?“ oder „Mompreneurs“ befassen sich eingängig mit der Frage, inwieweit Kinder Frauen auch heute noch in die Karriere hineingrätschen. Vor allem in Berlin lasse sich dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern spüren.

Frauenquote? Ein nötiges Übel

„Wir haben hier wenig Industrie, viele Medien, viel Politik“, fasst Croyé zusammen. „Und vor allem durch die Politik oder auch gewachsene Unternehmen sind wir gewöhnt, dass Männer das Sagen haben.“ Doch eine neue Generation von Freischaffenden wachse heran, und vor allem vor ihrem Bürofenster im Winskiez sind es immer häufiger die Papas, die die Kinderwagen vorbeischieben. „Das kann gerade in einem Kiez wie dem Prenzlauer Berg echt verblenden. Das Dorf, aus dem ich komme – da ist kein einziger Mann in Elternzeit“, erzählt Croyé, selbst, wie sie sagt, eine „Klischeeberlinerin“ aus Schwaben.

Mit dieser Prenzlberger Illusion von emanzipierten und nach oben strebenden Frauen ist BizzMiss gestartet. Doch dann kam die Erkenntnis. „Es hat sich in den letzten 40 Jahren eigentlich nichts geändert“, resümiert Croyé. „In der Schule sind die Mädels gut, im Studium noch besser, aber wenn sie dann Ende 20 Kinder wollen – das war’s dann.“ Denn die Strukturen in den Unternehmen seien männergeprägt. „Warum kann ich nicht bis 15 Uhr arbeiten und dann abends nochmal zwei Stunden?“, fragt sich Croyé.

Steile Karrieren ohne Überstunden seien kaum machbar. „Bei uns wird Erfolg in Leistung gemessen – und in Anwesenheit.“ Einen Wandel hält sie für möglich. „Das Bewusstsein ist ja da. Aber wir müssen jetzt die Spielregeln neu schreiben.“ Zur Inspiration porträtieren die Journalistinnen oft Frauen, die erfolgreich Kinder und Karriere vereinen. Meist Selbstständige, die sich ihre Arbeitszeit frei einteilen. Die Frauenquote sieht Croyé als nötiges Übel: „Es ist schade, dass es sie geben muss. Aber wir brauchen sie. Und müssen sie dann schnell wieder abschaffen.“