Spaziergang

Auf Weltreise mit einem großen Naturtalent

Wüsten, Tropen, Felsgebirge, alles mitten in der Stadt: Beim Spaziergang mit Thomas Borsch, dem Direktor des Botanischen Garten, erlebt man Berlin von einer ganz neuen Seite.

Foto: Reto Klar

Wenn nur diese riesigen Blätter nicht wären! Einen Moment bedauere ich, keine Machete dabei zu haben. Etwas Nasses klatscht mir ins Gesicht. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich glitschig an. Neben mir höre ich Wasser rauschen. Dann – fump! – flammt gleißendes Licht auf.

So hat am Morgen unsere Expedition begonnen. Wüsten, Tropen, Felsgebirge, alles mitten in der Stadt. Eine Weltreise wird es werden, so hat es der Direktor versprochen. Er persönlich wird die Expedition leiten: Professor Thomas Borsch, 45 Jahre alt, ist gewissermaßen Berlins Alexander von Humboldt der Gegenwart. Oder zumindest sein wissenschaftlicher Nachfahr. Der Professor für systematische Botanik und Pflanzengeografie an der Freien Universität leitet seit 2008 den Botanischen Garten. Also jene Institution, die den Humboldt-Nachlass pflegt. Unter anderem. Wir haben zwei Stunden Zeit. Also los.

Thomas Borsch steht unter den großen, nassen Blättern hinter dem Hauptgebäude, wo sein Büro liegt: Hier wird das Foto gemacht. Der Riesenblätterbaum, lernen wir, stammt aus China. Darunter hat Fotograf Reto Klar Stative und Blitzlicht aufgebaut. Die Paulownie sollte uns vor dem Herbstregen schützen, jetzt aber sind die Blätter dem Bild im Weg. Und der Professor sagt einen Satz, den ich im Botanischen Garten eher nicht erwartet hätte: „Sie dürfen ruhig ein Blatt abpflücken.“ Gesagt, getan. Es geht auch ohne Machete. Die Paulownie, der Blauglockenbaum, ist ein „leichtes und extrem schnell wachsendes Gehölz“.

Borsch lächelt, ein freundlicher Mann in hellblauem Hemd und Strickjacke, der nichts vom strengen Professor hat. Übrigens auch nichts vom langweiligen Biolehrer, wie wir noch sehen werden. Er läuft nochmal ins Haus, einen Schirm holen – Expeditionen müssen nicht unbequem sein – und fragt dann: „Kaukasus oder Tropen?“ Die Tropen liegen uns näher. Rein wetterbedingt. Also ab dorthin.

Je weiter wir laufen, desto leiser werden hinter uns Martinshörner und Motoren. Der Regen saugt das Raunen der Großstadt auf. Borsch nutzt die Zeit, um uns die Weltreise zu erklären. Er meint das ernst. Die ganze Welt liegt vor uns. Wir müssen nur hinsehen. Er deutet auf einen Hain aus hohen Buchen. „Mitteleuropäischer Rotbuchenwald.“ Der würde vielleicht eher in seine Heimat passen, Borsch stammt aus Kronberg im Taunus. Hier, auf dem Berliner Sandboden, wirkt er wie inszenierte Natur. „Im Sommer müssen wir große Teile des Gartens gießen.“

Himalaya in Berlin

Durch den Buchenwald läuft man auf die Schwäbische Alb. „Dann ins Alpenvorland, über den Alpenbogen in die Karpaten, auf den Balkan, in den Kaukasus und so weiter“, er deutet in die Ferne. „Dort geht es hinauf in den Himalaya, zum höchsten Punkt im Garten“, er lacht, als er unsere verblüfften Gesichter sieht. Gut, Achttausender hat das Berliner Dach der Welt nicht. „Aber die Steine wurden eigens aus dem Rheinland herangeschafft, aus einem Steinbruch mit basaltischem Gestein.“ Dasselbe Gestein, fügt Borsch hinzu, sei übrigens auch am Kölner Dom verwendet worden. Köln mag seinen Dom haben, Berlin aber hat den Himalaya. Mit demselben Gestein!

Aber das nur am Rande. Das Besondere ist, was zwischen den Steinen wächst. Echte Pflanzen aus dem Himalaya, die der berühmte Botaniker Adolf Engler herbrachte, als er begann, den Botanischen Garten neu zu planen. Das Areal lag damals noch an der Potsdamer Straße (heute Schöneberg). Der neue Garten, heute zwischen Dahlem und Lichterfelde, wurde vor den Toren der Stadt geplant. Mit genug Platz, nah an der S-Bahn und als Teil eines wissenschaftlichen Campus nach dem Vorbild von Oxford.

Der „Garten“, so nennt Borsch ihn, hat eine Ausdehnung von 43 Hektar. Und beherbergt rund 20.000 Pflanzenarten aus aller Welt. Als Vergleich gibt der Botaniker an: Die einheimische Flora Deutschlands hat ungefähr 3500 Arten. „Mit seiner Vielfalt ist der Garten einzigartig auf der Welt“, sagt Borsch.

Die Gewächshäuser sind Berlins Winterversprechen

Ein Bauzaun stoppt unsere Expedition. „Hier entsteht ein neues Zuhause für Victoria und Co.“, steht daran. „Zuhause“, das klingt gemütlich. Es regnet jetzt heftiger. Die Gewächshäuser des Botanischen Gartens sind Berlins Winterversprechen. Wer bei grauem Himmel und Kälte Sehnsucht nach dem Süden bekommt, nach feuchter Luft und süß duftenden Blüten, komme hierher. Und auch wer nie hier war, dürfte die kirchengroßen, historischen Glasgewölbe von Bildern kennen. Sie sind einfach schön.

Bevor wir ins Warme kommen, müssen wir einen Eingang im Bauzaun finden. Im Gras neben uns stehen stattdessen – Grabsteine. Adolf Engler, Friedrich Althoff, Georg Schweinfurth, große Berliner Namen der Wissenschaft stehen darauf. Ich weiß nicht, ob ich dieses Einswerden mit dem eigenen Arbeitsgebiet rührend finden soll oder seltsam. Der Naturwissenschaftler an meiner Seite ist in Gedanken längst weiter.

Wir betreten die Tropen durch einen Hintereingang im Zaun. Kurzes Händeschütteln, der Architekt des neuen Victoria-Hauses ist da. Borsch erklärt dessen Kunststück, ein mehr als hundert Jahre altes Glashaus so zu erneuern, dass es aussieht wie einst, aber mindestens 50 Prozent weniger Energie verbraucht. So wie jetzt schon das große Tropenhaus, das 2009 fertig wurde. Victoria soll im kommenden Jahr wieder blühen. Endlich, denn ihr Haus ist schon seit 2006 wegen Baufälligkeit gesperrt. Borsch selbst hat die Riesenseerose hier nie gesehen. Wo ist sie eigentlich jetzt gerade?

Wie lagert man eine Sumpfpflanze, deren Blätter so groß sind, dass kleine Kinder darauf sitzen können? Und die ja uralt sein muss? Naive Fragen. Die Antwort: „Die Samen sind in einem Glas im Kühlschrank. In einer Saatgutbank.“ Aha. „Die Victoria ist eine einjährige Pflanze. Sie wird jedes Jahr wieder neu ausgesät. Dann wächst sie unglaublich schnell und blüht noch im selben Jahr.“

Sein Fachgebiet sind Fuchsschwanzgewächse

Seerosen sind ein Fachgebiet des Botanikers, der in Frankfurt am Main studiert und in Bonn promoviert hat. Sein zweites Fachgebiet sind Fuchsschwanzgewächse. „Eine große tropische Familie“, sagt er, und: „Aus dem Müsli kennen Sie vielleicht Amarant, eigentlich eine Getreidesorte.“ Ich mag den Müslivergleich. Auch wenn ich ahne, dass der Direktor Fachleuten das Forschungsgebiet anders erklären würde.

Wir stehen mittlerweile unter Lianen. Wasser plätschert aus einem künstlichen Felsen, darunter tummeln sich bunte Karpfen. Hinter den Grünpflanzen hört man Schreie.

Ein paar Schüler hüpfen wie Tarzan und Jane über die glitschigen Steine. Kein Lehrer in Sicht. Die Jugendlichen haben Aufgabenzettel in den Händen, doch die bunte Druckerfarbe zerläuft in der feuchten Tropenluft. Sie drängeln an uns vorbei, nicht ahnend, was sie verpassen. Den Ameisenbaum nämlich. Und eine raffinierte Methode, an das Herrschaftswissen zu kommen, das sie in der nächsten Klassenarbeit sicherlich gut gebrauchen könnten.

Der Ameisenbaum: Borsch klopft an einen der Baumstämme. Es klingt hohl. Auch diese Bäume zählen zu den schnellwachsenden Pflanzen. Nach Blauglockenbaum und Riesenseerose ist dies schon das dritte Rekordgewächs, dem ich heute begegne. 2009 wurden die Ameisenbäume hier gepflanzt, mittlerweile reichen sie fast an die Decke. 28 Meter – eine deutsche Buche hätte fast ein Menschenleben dafür gebraucht.

Im Innern wohnen Ameisen

In den Tropen, lerne ich, wohnen im Innern der Hohlstämme Ameisen, die diese wiederum von „Aufsitzerpflanzen“ frei halten, die zu schwer für die leichten Bäume wären. Eine Symbiose, die nicht nur Biolehrer begeistern dürfte.

Borsch klappt einige Infotafeln aus einer Stele – das neue Infosystem, das 2009 einführt wurde. Darauf werden die Tropen, die Pflanzen und das Umfeld anschaulich beschrieben. Mit diesen Tafeln soll nach und nach der gesamte Garten erschlossen werden. Unterstützer dabei ist der Verein der Freunde des Botanischen Gartens, der mehr als 800 Mitglieder hat.

Draußen schauen wir über eine regennasse Wiese auf einen tropfenden Wald. Dahinter, verspricht der Direktor, liegt der Himalaya. „Und der Kaukasus.“ Wir passieren Magnolienwälder und Strauchpäonien. Ein Götterbaum lässt gelbe Blätter segeln. Eine poetische Herbstwelt, selbst der japanische Tempel steht da wie hingetuscht. Überhaupt gibt es viel Kunst zwischen all den seltenen Pflanzen. Dann deutet der Direktor auf die Anhöhe gegenüber. Guckt erwartungsvoll. Und ich sehe: Steine.

Es sind die zentralasiatischen Steppen, und wahrscheinlich ist dies der beste Ort, um zu verstehen, wie Botaniker die Welt sehen. Ich also sehe: Felsen, Büsche, Kräuter, Birnen. Er sagt: „Der Kaukasus gehört den artenreichsten Bereichen der Welt.“ Der neu überarbeitete Bereich zeigt viele davon zwischen Kalk- und Silikat, die für den kleinen und großen Kaukasus stehen. In Wirklichkeit steigen die Gebirge bis auf 4000 Meter an. Wer je dort war, würde wohl die Orientfichten wiedererkennen, die auf dem Gipfel stehen wie eine ehrwürdige Versammlung in Schwarz. „Die Samen hat Engler mutmaßlich noch selber gesammelt.“

Spannende Expeditionsgeschichten

Adolf Engler, der Gründervater des weltumspannenden „Gartens“: Wie kam man damals in den Kaukasus? Spannende Expeditionsgeschichten. Zwischen Berlin und Ländern wie Armenien, Aserbaidschan und Georgien gibt es seit langer Zeit eine enge Zusammenarbeit. Gleiches gilt für Kuba mit seinen bis zu 8000 Pflanzenarten. Gibt es denn heute überhaupt noch neues zu entdecken? Borsch deutet auf einen winzigen Baum. „Wildbirnen zum Beispiel. Wie viele es gibt, weiß man bis heute nicht. Wir schätzen, es sind zwischen 30 und 60 – und die meisten kommen im Kaukasus vor.“

Schwerpunkt der Forschung des Professors und auch im Botanischen Garten ist die sogenannte „Biodiversität“. Ein Unwort, räumt er ein. Aber dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Vielfalt der Ökosysteme, Arten und der Gene innerhalb der Arten. „Diese Vielfalt zu erforschen und zu erhalten“, sagt Borsch, „ist unsere Mission“.

Mit Fragen wie diesen, so vermute ich, hat seine Wissenschaftlerkarriere begonnen. Als Schuljunge bestimmt er die Pflanzen auf heimischen Wiesen im Taunus, engagiert sich im Naturschutz. Überredet seine Eltern zu Urlauben in den Alpen oder im Mittelmeerraum. Nicht zum Surfen und Wandern, sondern zum Pflanzenbestimmen. Den Entschluss, einmal Wissenschaftler zu werden, fasste er bei einem Schulpraktikum im Senckenberg-Institut in Frankfurt am Main.

Gemüse aus dem eigenen Garten

Heute lebt Borsch in Berlin, inzwischen sogar im Haus mit eigenem Garten. Anfangs wunderten sich manche, wieso ausgerechnet der Direktor des Botanischen Gartens ohne eigenes Grün lebte. „Wir haben eben lange gesucht“, sagt er. Wie hat man sich diesen Garten vorzustellen – als Dschungel? Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Meine Frau und ich haben ihn als einheimischen Garten angelegt, mit alten Bäumen, einer Blumenwiese und ein bisschen Gemüse.“

Am Haupteingang wartet die letzte Überraschung des Tages – die neue Saatgutbank. Die Dahlemer Saatgutbank beherbergt die Samen vieler gefährdeter Pflanzenarten. Der neue Flachbau steht auf dem Herbar und wird gerade fertig. Im Herbar wiederum werden rund vier Millionen Pflanzen-Belege verwahrt, darunter die Sammlung Alexander von Humboldts. In einem Bunker, vier Stockwerke tief unter der Erde. Er wurde zu Zeiten des Kalten Krieges atombombensicher gebaut, nachdem die Sammlung im Zweiten Weltkrieg zu zwei Dritteln verbrannte.

Ich bin beeindruckt. Von diesem Schatz. Überhaupt von der ganzen Welt in diesem einen Garten. Wissen wirklich so wenige Berliner davon? Andererseits: Vielleicht ist es ganz gut so. Berlin wäre nicht Berlin, wenn es gar nichts mehr zu entdecken gäbe.