Berlin

World Health Summit ist Gipfeltreffen der Wissenschaftler

Gesundheit ist mehr als Medizin: 1200 renommierte Experten aus Medizin, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutieren ab diesem Sonntag in Berlin. Ein Gespräch mit den Organisatoren.

Foto: Amin Akhtar

Die medizinische Versorgung aller Menschen auf der Welt ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Dazu kommen der Klimawandel, Ebola, und eine alternde Gesellschaft. Es sind die großen Themen, die der World Health Summit (WHS) in Berlin behandelt. Zum ersten Gipfel 2009 kamen 500 Experten nach Berlin an die Charité, heute sind es 1200 renommierte Experten aus Medizin, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Detlev Ganten, Präsident des Gipfels und Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, über die Bedeutung des World Health Summit für Berlin, die Verantwortung der Wissenschaft und konkrete Auswirkungen des Klimawandels für Großstädte wie Berlin.

Berliner Morgenpost: Von Sonntag an tagen mehr als 1200 Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in der Stadt. Sie sind zum World Health Summit, zum Weltgesundheitsgipfel, angereist. Klingt nach einer bedeutenden Angelegenheit.

Detlev Ganten: Ist es auch! Die Idee für den World Health Summit ist es, dass Wissenschaft Mitverantwortung übernimmt für die Gesundheit der Menschen, egal, wo sie leben, weltweit. Das können wir nicht alleine, wir brauchen dazu die Politik, Zivilgesellschaft und die Gesundheitswirtschaft. Nicht nur Qualität und Exzellenz von Forschung sind wichtig, das ist selbstverständlich, sie müssen auch zu einer Verbesserung der Gesundheit der Menschen führen. Das ist eine schwierige, anspruchsvolle und wichtige, vor allem aber gemeinsame Aufgabe.

Karl Max Einhäupl: Es gibt durchaus ähnliche Veranstaltungen bei der WHO, Uno, bei der Unesco, und auch solche, die die Industrie durchführt. Aber es gibt nach meiner Kenntnis keine Konferenz, bei der die Verantwortlichen aller entscheidenden Bereiche – Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Industrie – wirklich in Gemeinsamkeit dieses Ziel verfolgen.

Es geht bei dem Weltgesundheitsgipfel also nicht nur um Medizin?

Detlev Ganten: Gesundheit ist mehr als Medizin. Die Medizin macht sogar nur einen ziemlich kleinen Teil aus. Mindestens genauso wichtig sind die Lebensbedingungen und Versorgungssysteme. Dazu gehören auch Kultur, Bildung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Der Weltgesundheitsgipfel ist zudem das einzige Forum, das in kompletter akademischer Unabhängigkeit stattfindet.

Der Gipfel findet nun schon zum sechsten Mal in Berlin statt. Welchen Nutzen zieht Berlin aus so einer Veranstaltung?

Karl Max Einhäupl: Was hier in Berlin stattfindet, ist die Zusammenkunft der internationalen Meinungsbildner, der Weichensteller zum Thema Gesundheit in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik. Das ist ein wesentlicher Teil des Berlin-Marketings, das sollte man nicht verstecken. Berlin ist mittlerweile die einzige Metropole Deutschlands. Weder München, wo ich herkomme, noch Heidelberg, wo Herr Ganten herkommt, Frankfurt oder Hamburg sind Metropolen. Das sind nette und tolle Städte. Aber Berlin ist eine Metropole geworden. Und dass in dieser Stadt Veranstaltungen dieser Art stattfinden, zu denen Gesundheitsminister sogar aus afrikanischen Ländern kommen, das ist ein Teil der Netzwerkbildung, die Berlin dringend braucht.

In diesem Jahr ist der Klimawandel eines der großen Themen. Warum?

Detlev Ganten: Es ist nicht nur eines der großen Themen auf dem Weltgesundheitsgipfel, sondern unserer Zeit. Und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit sind dabei natürlich für uns alle wichtig. Diese Verbindung verringert auch die Skepsis der Bevölkerung gegenüber der Klimadiskussion. Es ist doch so: Was mit Gesundheit zu tun hat, betrifft uns selbst, das versteht jeder sofort.

Dann mal konkret: Welche gesundheitlichen Folgen kann der Klimawandel nach sich ziehen, auch für uns Berliner?

Karl Max Einhäupl: Der Klimawandel wirkt sich unmittelbar auf die Menschen aus, denken Sie an die extremen Unwetter mit Überschwemmungen, Zerstörungen, unzähligen Toten und Kranken. Im Jahr 2003 sind in Paris und in anderen französischen Großstädten Tausende Menschen gestorben, weil es eine Hitzewelle gegeben hat, die organisatorisch nicht mehr zu bewältigen war. Und sie wurde hingenommen, wie gottgegeben. Als könne man da nichts machen. Das stimmt aber nicht.

Detlev Ganten: Vor allem alte Menschen sind gestorben. Wir hatten diese Hitzewelle hier in Deutschland zum Glück nicht, es hätte aber passieren können. Ob wir darauf besser als Frankreich vorbereitet gewesen wären? Da wäre ich mir nicht so sicher.

Karl Max Einhäupl: Das zweite Problem, das wir im Zusammenhang mit dem Klimawandel sehen, ist das Thema der Infektionskrankheiten. Keime brauchen bestimmte Milieus, die weltweite Infektionslage verändert sich. Der einzelne Berliner wird das jetzt noch nicht unmittelbar spüren, aber wir müssen uns darauf einstellen, dass die Dinge sich verändern.

Von welchen Keimen sprechen Sie?

Karl Max Einhäupl: Ich will jetzt nicht behaupten, dass das Problem, das wir mit resistenten Keimen haben, überwiegend durch Klimawandel hervorgerufen wird, aber sicher haben auch klimatische Veränderungen Einfluss auf solche Entwicklungen.

Detlev Ganten: Zecken oder Malaria und andere bislang bei uns nicht auftretende Krankheiten könnten sich mit steigenden Temperaturen immer weiter nach Norden ausbreiten. Wichtig ist immer wieder: Wir haben eine globale Verantwortung, uns für die Zukunft vorzubereiten und vorauszudenken, es geht nicht nur um die Situation in Berlin oder Deutschland.

„Wissenschaft übernimmt Verantwortung“, das Motto des Weltgesundheitsgipfels?

Detlev Ganten: Ja, genau. Dieser Gesundheitsgipfel bringt den Berlinern nicht sofort heute mehr Gesundheit. Aber es gibt praktisch täglich medizinischen Fortschritt, der die Menschen allerdings häufig nicht erreicht. Da wollen und müssen wir ansetzen. Deswegen ist der World Health Summit, auf dem so viele verschiedene Experten aus so vielen Bereichen miteinander diskutieren, so wichtig. Außerdem macht er Berlin zum Mittelpunkt eines aufgeklärten, humanitären, engagierten Deutschlands, das international Verantwortung übernimmt. Wir geben die „Kultur der Zurückhaltung“ auf. Darauf können die Berliner stolz sein.

Wenn Sie sagen, Deutschland übernimmt humanitäre Verantwortung – wie sieht das konkret aus? Sie treffen sich zunächst einmal, um zu reden.

Detlev Ganten: Diese Frage wird uns natürlich häufig gestellt. Wir veröffentlichen nach jedem World Health Summit Empfehlungen, zum Beispiel nach dem Desaster des Kopenhagener Klimagipfels 2009. Darin haben wir gefordert, dass Gesundheitsförderung und Klimaverbesserung Hand in Hand gehen müssen. Seit wir das Papier veröffentlicht haben, wird die Klimadiskussion nicht mehr ohne den Gesundheitsaspekt geführt.

Welches Papier könnte in diesem Jahr entstehen?

Detlev Ganten: Natürlich geht es besonders auch um Ebola. Das ist derzeit eines der wichtigsten Themen und spielt für uns natürlich eine große Rolle. Welche Strategien sind nötig? Wie können und müssen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten? Da werden wir ganz klare Aussagen treffen. Natürlich werden wir auch neue Empfehlungen zu Klimawandel und Gesundheit geben. Nächstes Jahr ist der große Klimagipfel in Paris. Dafür sind wir ein Vorbereitungstreffen. Agenda Setting, also Themenschwerpunkte setzen, ist für uns ganz wichtig. Die jungen Mediziner und Gesundheitsberufe müssen auf die Zukunft vorbereitet werden – zur Ausbildung bringt die Charité wichtige Vorschläge in eine Arbeitsgruppe ein.

Wie betreiben Sie Agenda Setting?

Detlev Ganten: Mit den Empfehlungen und „Calls for Action“ der Weltakademien wenden wir uns an alle Nationalregierungen und an alle internationalen Organisationen. UN, Unesco, WHO können an einem Papier, das im Rahmen des World Health Summit entstanden ist, nicht vorbeigehen. Damit haben wir Einfluss.

Die Ausbreitung von Epidemien ist ein weiterer Schwerpunkt des Gipfels …

Detlev Ganten: Ja, es wird zum Beispiel einen Workshop zum Thema Resistenzbildung gegen Antibiotika geben. Das ist weltweit ein riesiges Problem. Antibiotika wirken zunehmend nicht mehr, weil sie zu viel gegeben werden, auch wenn es nicht nötig ist. Sie werden bei Schnupfen, Husten, Heiserkeit verabreicht. In Ländern wie Indien und in Südamerika zum Beispiel können sie Antibiotika ohne Rezept kaufen. So werden weltweit Resistenzen gezüchtet und wir fangen wieder von vorne an. Auch dazu wird es eine Erklärung von uns geben und auf dem nächsten G7 Gipfel wird das voraussichtlich ein Thema werden, so gravierend ist das.

Ebola wird ebenfalls eine Rolle spielen. Was ist zu diesem Thema geplant?

Detlev Ganten: Wir machen eine Sondersitzung, die von der Bundesregierung sehr unterstützt wird. Der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung Walter Lindner wird auf dem Gipfel sprechen, wir haben Teilnehmer und Experten aus den betroffenen Ländern, von Ärzte ohne Grenzen, der WHO – und wir haben David Heymann. Er ist einer der Entdecker des Virus und war 1976 am Kongo dabei. Dass er kommt, freut mich ganz besonders.

Das ist das Programm des Weltgesundheitsgipfels

Der diesjährige Weltgesundheitsgipfel in Berlin beginnt am heutigen Sonntag um 17 Uhr mit einer Eröffnungszeremonie und endet am Mittwochnachmittag. Dazwischen erwartet die mehr als 1200 Teilnehmer ein prallvolles Programm aus Workshops, Symposien und Vorträgen. Ein zentrales Thema ist der Klimawandel und die direkten und indirekten Auswirkungen auf die Gesundheit. Wie ist die Gesellschaft auf Hitzewellen oder Naturkatastrophen vorbereitet? Was kann und muss geändert werden? Solche Fragestellungen spielen ebenso eine Rolle wie Zusammenhänge zwischen Klimaverbesserung und gesundem Verhalten. In weiten Teilen der Erde heizen und kochen etwa Familien mit offenem Feuer. Dabei inhalieren sie große Mengen CO2. Welche Auswirkungen hätten Reformen auf diesem Gebiet? Was würde ein Verzicht auf fossile Brennstoffe für die Stromversorgung bedeuten? Zu diesem Komplex wird der Gipfel ein Statement verfassen, das den Nationalregierungen und den UN-Organisationen zugeht. Er beschäftigt sich auch mit den Möglichkeiten von Gesundheitssystemen, auf „Mega-Desaster“ wie die Atom-Katastrophe in Fukushima besser zu reagieren.

Sehr konkret werden Fragen der medizinischen Ausbildung diskutiert. Öffentliche Gesundheit spiele im Medizinstudium keine Rolle, sagen die Organisatoren des World Health Summit. Aus der Analyse von Best-Practice-Beispielen sollen Empfehlungen für die Ausbildung abgeleitet werden. Diese betreffen auch Krankenschwestern. Angesichts des Ärztemangels in vielen Regionen der Welt könnten sie grundlegende Patienten-Versorgung übernehmen.

Bewegung und gesundes Älterwerden

Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses ist der Zusammenhang von körperlicher Aktivität und gesundem Älterwerden, insbesondere in Großstädten. Nicht-infektiöse Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Störungen sind weltweit Haupttodesursache. Mehr als 40 Prozent dieser Erkrankungen treten vor dem 70. Lebensjahr auf und könnten verhindert werden. Bewegungsmangel stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO neben Tabak, Alkohol und einer ungesunden Ernährung als größten Risikofaktor ein. Hier will der Gipfel vor allem Politiker ermuntern, Projekte aus anderen Ländern und Städten zu übernehmen. Und schließlich sprechen Wissenschaftler, Politiker und Vertreter der Wirtschaft auch über Big Data und die Möglichkeiten, große Datensätze für die Gesundheit des Menschen zu nutzen, etwa mit Systembiologie und -medizin Tierversuche überflüssig zu machen.

Die Liste der prominenten Teilnehmer ist lang. Die Bundespolitik ist mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vertreten, die Landespolitik mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Unter den Wissenschaftlern sind Barry J. Marshall, David Heymann, Bettina Menne und Shunichi Fukuhara. Marshall bekam 2005 den Medizin-Nobelpreis. Er entdeckte, dass Magengeschwüre nicht durch Stress, sondern durch ein Bakterium entstehen. Heymann ist einer der Entdecker des Ebola-Virus. Menne bekam 2007 als Mitglied eines Teams den Friedensnobelpreis. Sie sagt: Ein Grad Klimaerwärmung bedeutet eine Anstieg von Salmonellenvergiftungen in Europa um zehn bis 20 Prozent. Fukuhara erforschte, wie Feinstaubbelastung in der Luft das Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben, beeinflusst.