Tarifstreit

„Alle Züge enden hier“ – Lokführer legen Berlin lahm

Mittwoch 14 Uhr bis Donnerstag 4 Uhr - Der Lokführerstreik trifft Tausende Bahnreisende. In Berlin ist auch der S-Bahnverkehr betroffen. Lesen Sie im Minutenprotokoll, wie der Streiktag verlief.

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Das Elternpaar aus Rügen wusste von dem Streik, wollte es aber trotzdem versuchen. Jetzt steht es am Bahnhof-Zoo und erlebt die Berliner Realität. „Hier fährt höchstens noch sporadisch eine S-Bahn“, erklärt eine Servicekraft der Deutschen Bahn. „Sie sollten auf die U-Bahn ausweichen.“ Die ist natürlich voll, und die beiden sind mit Kinderwagen unterwegs. Sie nehmen es mit Humor: „Aus Rügen kennen wir so etwas gar nicht. Da gibt es vor allem viel Sand und nicht so viele Züge.“ Zeitgleich sind ein paar französische Touristen am Brandenburger Tor einigermaßen überrascht, als sie von dem Streik erfahren. „Ich dachte, ihr Deutschen seid immer so gut organisiert“, sagt einer. Sie wollen sich jetzt Fahrräder leihen.

Es ist die Zeit um kurz nach 14 Uhr, als in Berlin nach und nach nichts mehr geht bei der S-Bahn. Als Tochterunternehmen der Bahn ist sie vom Lokführerstreik der GDL ebenso betroffen wie der Regional- und Fernverkehr im Rest der Republik. Die Auswirkungen sind aber schon früher zu spüren. Bereits von 12 Uhr an gilt ein eingeschränkter Fahrplan. Einige Linien fahren nur noch alle 20 Minuten, andere wie die Ringbahn werden gleich ganz eingestellt. Gleiches gilt für den Regionalverkehr. Der Grund: Die S-Bahn will garantieren, dass am nächsten Morgen um 4 Uhr – dem offiziellen Streikende – alle Züge an der richtigen Stelle stehen und der Berufsverkehr nicht leidet. Bei den Streiks zuvor hatte es Stunden gedauert, bis alle Züge wieder nach Fahrplan fuhren. Für die äußeren Bezirke, die ohne S-Bahn nur schwer zu erreichen sind, verspricht das Unternehmen Ersatzbusse.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb kritisiert das Vorgehen. „Das zu frühe Rausnehmen der Züge hat die Situation deutlich verschärft“, sagt Sprecher Jens Wieseke. Ein Grundtakt bis 14 Uhr hätte auf jeden Fall gewährleistet sein müssen. Auch seien die Fahrgastinformationen an den Bahnsteigen nur unzureichend gewesen. „Auf der Ringbahn wurden noch Fahrten angezeigt, die gar nicht mehr stattgefunden haben. Und für Touristen, die des Deutschen nicht mächtig sind, war es erst recht schwer.“

GDL-Chef schimpft auf „perfides DB-Management“

Auch Claus Weselsky, der streitbare GDL-Chef, nutzt die Chance für Kritik. Das „perfide DB-Management“ habe den Eisenbahnverkehr genau in der Zeit eingestellt, in der die Reisenden noch ihr Ziel erreichen wollten. Bahn-Personalchef Ulrich Weber äußert sich derweil im Fernsehen über die GDL: „Dreistigkeit und Unverschämtheit“. Doch die Gewerkschaft bleibt dabei: fünf Prozent mehr Lohn, zwei Stunden weniger Wochenarbeitszeit. Vor allem geht es ihr aber darum, das restliche Zugpersonal vertreten zu dürfen – was die Bahn um jeden Preis verhindern will. Das Verhältnis der Parteien scheint zerrüttet, trotzdem sollen weitere Gespräche laufen.

Wer nicht auf der Schiene fährt, bewegt sich am Mittwoch in Berlin vor allem über die Straßen. Schon ab 9 Uhr ist die Stadtautobahn A100 voller als sonst, später dann zwischen Flughafen Tegel und Kreuz Schöneberg praktisch dicht. Auch in den Fahrzeugen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stehen die Menschen dicht gedrängt, die Situation an U-Bahnhöfen wie am Alexanderplatz erinnert an Szenen nach einem Hertha-Spiel. 60 Prozent mehr Fahrgäste als sonst habe man befördert, so die BVG. Das führte in der Innenstadt zu Verspätungen von mehr als zehn Minuten.

Berliner haben sich gut vorbereitet

Insgesamt scheinen die Berliner aber gut vorbereitet. „Erstaunlich wenige“ hätten nach Auskunft gefragt, sagen zwei BVG-Mitarbeiter, die am Hackeschen Markt für die Fahrgastinformation zuständig sind. Am Potsdamer Platz fahren auch nach 14 Uhr noch einzelne S-Bahnen, trotzdem ist der Bahnsteig fast menschenleer. „Die GDL hat den Streik 20 Stunden vorher angekündigt, die meisten Fahrgäste wurden rechtzeitig über die Medien informiert“, sagt Wieseke.

Einige kann der nunmehr vierte Ausstand nicht mehr erschüttern. Immer wieder verirren sich an der Jannowitzbrücke Passagiere auf die leeren Gleise, um festzustellen, dass die S-Bahn ausfällt. Kein Problem. „Warum denn auch?“, sagt Sabine Behre, die eigentlich zur Friedrichstraße fahren wollte. „Im Zweifel für die Streikenden.“ Bei Twitter werden Filmtitel erfunden: „Liebling, ich habe den Fahrplan geschrumpft“ oder auch: „James Bond – Fahr’ an einem anderen Tag“.

„Jder hat schlechte Laune“

Vom „übelsten Tag der Woche“, spricht dagegen Simon. Er trägt die blaue Jacke der UN-Flüchtlingshilfe und ist mit seinem Team auf der Suche nach Spendern. „Wegen des Streiks hat jeder, wirklich jeder schlechte Laune, der aus dem Bahnhof kommt. Das macht es für uns nicht einfacher.“ Woanders klagt ein Bratwurstverkäufer über fehlende Umsätze.

Andere können sich Streikgewinner nennen: Am Bahnhof Zoo steht Taxifahrer Lutz. „Jetzt ist es noch ruhig, aber am Abend werde ich sicherlich viele Fahrten machen“, sagt er und zitiert fröhlich den alten Arbeiterkampfvers: „Alle Maschinen stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Recht hat er: Am frühen Abend drängen sich die Menschen an den Haltestellen der Bus und Straßenbahnen. Und wer gegen 20 Uhr am Bahnhof-Zoo ein Taxi suchte, brauchte mitunter Geduld.