Neuer Bus im Test

Bei der BVG kommen die Fahrgäste bald in den Anhänger

Ziemlich flexibel, aber auch ganz schön lang: Die BVG testet im kommenden Jahr einen Buszug aus München. Bislang wollte sie von den seltsamen Gefährten eigentlich nichts wissen.

Foto: SWM/MVG, Kerstin Groh

In München sind sie längst eine Mordsgaudi: die Buszüge. Seit einem Jahr rollen die eigentümlichen Gespanne aus Bus und Anhänger durch die bayerische Landeshauptstadt. „Sie haben sich hervorragend bewährt“, sagt Herbert König, Geschäftsführer der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Flexibel, komfortabel, geräumig – die MVG kann von den Buszügen gar nicht genug bekommen. Gut 20 gibt es schon, bis 2018 sollen es 100 sein.

Berlin hatte bislang kein Interesse. Buszüge könne man nicht gebrauchen, hieß es bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) stets. Jetzt hat offenbar ein Umdenken eingesetzt.

Nach Morgenpost-Informationen will die BVG im Frühjahr 2015 den Test machen: Für eine Woche leiht sie bei der MVG ein Exemplar aus. „Wir wollen das Fahrverhalten eines solchen Busses in der Praxis testen, um die Vor- und Nachteile abwägen zu können“, sagt Sprecherin Petra Reetz.

In München werden die Busse auf überfüllten Linien eingesetzt. Die MVG reagierte damit auf steigende Fahrgastzahlen, besonders im Schülerverkehr. „Auf manchen Linien wurde der Takt so dicht, dass keine weiteren Fahrzeuge eingesetzt werden konnten“, sagt Geschäftsführer König.

Größer als ein Berliner Doppeldecker

Stattdessen kamen die Buszüge. In ein Gespann passen 133 Fahrgäste, 30 Prozent mehr als in einen Gelenkbus – und mehr als in einen Berliner Doppeldecker.

Der Vorteil: Bei weniger Nachfrage werden die Anhänger einfach abgekoppelt. Das passiert unter der Woche ab 21 Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen bleiben die Anhänger im Betriebshof. In der Summe spare man durch die flexiblen Gespanne Kosten für Treibstoff, so König.

Auch im Schienenersatzverkehr kommen die Buszüge zum Einsatz. Wenn die U-Bahn zur Allianz Arena mal ausfällt, zum Beispiel.

Buszüge gehörten bis in die 50er-Jahre hinein zum deutschen Straßenbild. Dann wurden sie aus Sicherheitsgründen verboten. Inzwischen stimmt die Sicherheit, trotzdem ist bis heute eine Ausnahmegenehmigung nötig.

Bus steht im Nahverkehrsplan des Senats

Die Ablehnung der BVG hatte andere Gründe: Mit 23 Metern Länge seien die Fahrzeuge viel zu groß für die Haltestellen. Der jetzige Sinneswandel hat laut Unternehmen „indirekt“ mit dem jüngst verabschiedeten Nahverkehrsplan des Senats zu tun.

Der gibt vor: Ähnlich wie in anderen Metropolen soll auch in Berlin der Einsatz größere Fahrzeuge – wie etwa der Anhängerbus aus München – für eine ausgewählte Metrolinie ausprobiert werden.

Und auf manchen Linien variiert die Nachfrage je nach Tageszeit offenbar so stark, dass „mal ein großer und mal ein kleinerer Bus zum Einsatz kommen könnte“, so Reetz. Oder eben ein Bus mit oder ohne Anhänger.

Denkbar wäre – wie in München – ein Einsatz im Schülerverkehr oder bei Fahrten Richtung Flughafen oder Omnibusbahnhof, wo großes Gepäck im Spiel ist. Der TXL zum Tegeler Airport etwa gehört zu den überfülltesten Bussen der Stadt, 2012 passte bei 3892 Fahrten niemand mehr hinein – ein Höchstwert.

„Generell ist die BVG mit den Gelenkbussen und den Doppeldeckern gut aufgestellt und müsste eher dichtere Takte fahren lassen“, sagt Klaus-Jürgen Ulbrich, Busexperte beim Berliner Fahrgastverband Igeb. „Für einzelne Fahrten können die Anhängerbusse aber durchaus Sinn machen.“ Auf welcher Linie der Testbus unterwegs sein soll, steht noch nicht fest.

Fahrgäste in München reagieren positiv

Rund 20 deutsche Verkehrsunternehmen fahren mit Buszügen. Die Mehrzahl der Zugfahrzeuge stammt vom polnischen Hersteller Solaris oder vom Münchner Branchenriesen MAN. Anhänger liefert die Göppel Bus GmbH aus Thüringen. Auch die Firmen Scania (Schweden) und Hess (Schweiz) tummeln sich auf dem Markt.

Die MVG verweist auf die positiven Reaktionen ihrer Fahrgäste. Laut Umfrage hatten 78 Prozent einen guten ersten Eindruck von den langen Bussen, 92 Prozent fühlten sich sicher. Via Gegensprechanlage kann man im hinteren Teil mit dem Fahrer Kontakt aufnehmen. Dieser wiederum bekommt ein Videobild auf seinen Monitor gespielt.

Ebenfalls gelobt wurde die Geräumigkeit des Anhängers, der ausreichend Platz für Kinderwagen bietet. BVG-Chefin Sigrid Nikutta sieht einen weiteren Vorteil: „Dort ist es viel leiser als vorne, das ist angenehm für Mütter mit Kindern.“ Rollstuhlfahrer profitieren von dem Anhänger nicht, es gibt keine Klapprampe.

Trotz des geplanten Tests sieht die BVG noch mehr, was gegen die Buszüge sprechen könnte. Neben der Sache mit den Haltestellen vor allem logistische Probleme. Würden die Anhänger nicht mehr benötigt, könne es kompliziert werden, sie zu den Betriebshöfen zu transportieren. „Berlin ist viel größer als München, das Straßennetz ganz anders“, sagt Sprecherin Reetz.

Doppelgelenkbus bekommt keine Chance

Auch müsste sich die BVG wohl vom bei den Fahrgästen unbeliebten Einstieg durch die Vordertür verabschieden. Der spart laut BVG Millionen, da die Ticketkontrolle durch den Fahrer Schwarzfahrer abschreckt. In den Anhängern würde aber niemand sitzen, der die Fahrscheine prüfen kann.

München hat dieses Problem nicht. Hier gibt es keinen obligatorischen Vordereinstieg, sondern mehr Kontrolleure.

Ein anderes Fahrzeug will die BVG definitiv nicht testen, obwohl es im Nahverkehrsplan steht: Doppelgelenkbusse, wie sie in Hamburg fahren. Sie messen in der Länge sogar 25 Meter und sind laut BVG-Bus-Chef Martin Koller „nicht gerade leicht zu handhaben“.

Sollte sich auch der Münchner Buszug nicht durchsetzen, wird er den Berliner wohl trotzdem im Gedächtnis bleiben. Statt in BVG-Gelb leuchtet er in Taubenblau. Bei manchen weckt das vielleicht Erinnerungen. Als nach dem Mauerfall zeitweise mehr Busse in Berlin benötigt wurden, sprang die MVG ein und lieh ein paar Fahrzeuge aus.

Damals noch ohne Anhänger.