Würdigung

Bundespräsident Gauck wird Ehrenbürger von Berlin

Der Regierende Bürgermeister will Joachim Gauck die Urkunde als 117. Ehrenbürger Berlins am 19. November überreichen. Er fülle sein Amt als Staatsoberhaupt „auf beeindruckende Weise aus“, heißt es.

Bundespräsident Joachim Gauck soll Ehrenbürger von Berlin werden. Gauck fülle sein Amt als Staatsoberhaupt "auf beeindruckende Weise aus", erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Montag. "Es gelingt ihm, die Menschen unseres Landes zusammenzuführen." Auch nach außen wirke "der Bundespräsident nicht zuletzt aufgrund seines Werdegangs als glaubwürdiger und engagierter Repräsentant eines freiheitsorientierten, weltoffenen und demokratischen Deutschlands."

Wowereit will Gauck die Urkunde als 117. Ehrenbürger Berlins am 19. November im Festsaal des Roten Rathauses überreichen. Der Bundespräsident kann sich dann nicht nur über eine Ehrenbürgerurkunde freuen, sondern er darf sich von einem Künstler seiner Wahl für die Galerie der Ehrenbürger im Abgeordnetenhaus porträtieren lassen. Weitere Privilegien: die kostenlose Jahreskarte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und ein Ehrengrab auf einem Berliner Friedhof.

Bisher fast alle Bundespräsidenten

Seit Theodor Heuss (1949-59) wurden alle deutschen Bundespräsidenten zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt – vorausgesetzt, sie blieben lange genug im Amt. Die Rücktritte von Horst Köhler (2004–2010) und Christian Wulff (2010–12) kamen dagegen so rasch, dass der Senat nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte. Bis Ende 2012 waren 116 Personen zu Ehrenbürgern Berlins ernannt worden.

Der erste Ehrenbürger Berlins war Conrad Gottlieb Ribbeck, Oberkonsistorialrat und Probst zu Berlin. Er wurde am 6. Juli 1813 ernannt. Am 11. August 2009 ernannte der Senat den Unternehmer und Mäzen Werner Otto zum Ehrenbürger Berlins. Er ist die Nummer 116 auf der Liste der Ehrenbürger.

Biografie über Joachim Gauck

Zeitgleich stellte der Journalist Johann Legner eine neue Biografie über Joachim Gauck vor. Darin zeichnet er ein komplexes und zum Teil kritisches Bild des Bundespräsidenten. "Das ist keine autorisierte Biografie", stellte Legner bei der Präsentation seines fast 400 Seiten starken Werks "Joachim Gauck. Träume vom Paradies" in Berlin klar.

Das Buch beginnt mit dem Satz: "Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen." Diese Bemerkung stammt aus einer Rede Gaucks zum 10. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999. "Träume vom Paradies" nennt Legner sein Buch deshalb im Untertitel. Gaucks Lebensgeschichte sei "geprägt von der Suche nach Anerkennung, von dem Wunsch, endlich aufwachen zu dürfen in vergleichsweise paradiesischen Zuständen".

"Wohltuende Distanz" zum Objekt des Buches

Legner war von 1996 bis 2000 Pressesprecher Gaucks, als dieser die Stasi-Unterlagenbehörde leitete. Danach arbeitet er noch einmal für ihn, als Gauck 2010 vergeblich gegen Christian Wulff als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten antrat. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki bescheinigte Legner bei der Präsentation "wohltuende Distanz" zum Objekt seines Buches. Er bekannte, 2012 Gauck gewählt zu haben.

Der Inhalt des Buches sei nicht mit Gauck abgesprochen, betonte Legner. Dennoch habe er sich Grenzen auferlegt beim Zitieren von Gesprächen unter vier Augen. Das gelte etwa für Äußerungen über Gaucks Beziehungen zu ihm nahestehenden Frauen. "Ich fände mein Vorgehen nicht okay, wenn ich tatsächlich alles schreiben würde, was ich weiß", sagte Legner, auch vor dem Hintergrund der umstrittenen Veröffentlichung von Gesprächen mit Altkanzler Helmut Kohl.

Gauck hat sich quasi neu erfunden

Der Autor der Biografie sieht Gaucks Aufstieg nach der Wende 1989 als Befreiung aus einer "jahrzehntelangen Randexistenz". Die Familie des jungen Gauck sei den Nazis zugetan gewesen, der Vater 1951 von den Sowjets verschleppt worden, die Kinder am Ende auf dem Weg in den Westen, gegen den Willen des Vaters. Legner: "Nirgendwo hatte er erkennen lassen, dass er in der Lage wäre, Verantwortung zu übernehmen." Das änderte sich erst kurz vor dem Ende der DDR.

Mit den Ereignissen des Jahre 1989 hat sich Gauck nach Legners Ansicht quasi neu erfunden. "Es brauchte einen Volksaufstand, um ihn zu einem persönlichen Aufstand zu bewegen." Legner macht auch klar, dass Gauck immer ein Gegner des SED-Regimes gewesen sei. Für engere Kontakte zur Stasi gebe es "nicht den geringsten Hinweis", betonte er.

Legner bescheinigt Gauck, dem beschädigten Amt des Bundespräsidenten Respekt zurückgegeben zu haben. Seine Botschaft sei aber "nicht frei von der Gefahr pathetischer Überhöhung und Selbstgefälligkeit". Im Übrigen habe Gauck schon 2004 Bundespräsident werden wollen. Dann wäre womöglich sein zweite Amtszeit gerade zu Ende gegangen. Im Januar wird Gauck 75 Jahre alt.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

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