Im Gedenken

Valerian-Stiftung will literaturbegabte Kinder fördern

Valerian Arsène Verny starb beim S-Bahn-Surfen. Früher hatte er Kindern selbst seine Leidenschaft für Bücher vermittelt. Jetzt fördert eine nach ihm benannte Stiftung literaturbegabte Kinder.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Als der Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann den Song „Bitte geh nicht fort“ vortrug, traf er beim Festakt zur Gründung der Valerian Arsène Verny Stiftung in der Tschechischen Botschaft den richtigen Ton. Denn das Leben von Valerian, der mit gerade 19 Jahren Anfang März beim S-Bahn-Surfen in Schöneberg verunglückte, wird über seinen Tod hinaus Spuren hinterlassen: Das Ziel der am Donnerstagabend gegründeten Stiftung ist es, literaturbegeisterte Kinder und Jugendliche zu fördern – und zwar in einem europäischen Rahmen, mit Schwerpunkten in Deutschland und Tschechien. „Mich beflügelt der Gedanke, dass Valerian von der Stiftung begeistert gewesen wäre“, sagte seine Mutter Sabine Adolph-Verny.

Valerian starb beim S-Bahn-Surfen. Er hatte nachts in Kreuzberg den Geburtstag eines Freundes gefeiert. Auf dem Rückweg nach Zehlendorf kletterte er mit einigen Freunden auf das Dach eines Zuges der S1. Als der Wagen in einen Tunnel fuhr, stürzte er herab und verletzte sich tödlich. Nach seinem Tod sagte sein Vater: „Es gibt keinen Trost. Die Natur hat das nicht vorgesehen, die Psyche akzeptiert den Tod des eigenen Kindes nicht. Das Einzige, was man versuchen kann, ist, aus dem Tod etwas Lebendiges zu machen.“ So knüpft die Stiftung an Valerians Liebe zu Büchern an.

Der Vater, Arsène Verny, erinnerte am Donnerstagabend vor den 300 Gästen in der Botschaft daran, welch wichtige Rolle die Literatur im Leben Valerians gespielt hat, welchen Spaß er am Umgang mit Sprache hatte. So studierte der junge Mann Literaturwissenschaften und Philosophie an der Humboldt-Universität, schrieb selbst ambitionierte Texte und wollte Schriftsteller werden. Mit dem tschechischen Botschafter in Berlin, Rudolf Jindrák, hat die neue Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einen prominenten Schirmherren.

Stiftung als Trost und Vermächtnis

All ihrer Trauer um den Verlust des Sohnes zum Trotz haben Valerians Eltern die Stiftungsidee in den vergangenen Monaten leidenschaftlich vorangetrieben – die Arbeit daran sei ein Kraftquell gewesen. Die große Anteilnahme, auch beim Festakt am Donnerstagabend, tat den Stiftern sichtlich gut. Freunde, ehemalige Mitschüler aus dem Zehlendorfer Schadow-Gymnasium und Mitglieder der Berliner Literaturinitiative, wo Valerian als Gruppenleiter Kindern und Jugendlichen seine eigene Begeisterung für Bücher vermittelt hatte, waren in die Botschaft gekommen, aber auch sehr prominente Gäste: darunter der stellvertretende tschechische Kulturminister Miroslav Rovensky, Klaus Hoffmann, dessen sprachmächtige Lieder Valerian mit seinen Eltern gerne hörte, und auch Schauspielerin Hanna Schygulla. Das Gefühl der Sehnsucht, das in vielen Texten Valerians zum Ausdruck kommt, griff sie auf, trug Beiträge des jungen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder vor.

Immer wieder war vorne auf der Leinwand das Bild eines verschmitzt lächelnden Valerian eingeblendet. Bruder Viktorian, 16, erinnert sich an ihn als an einen gut gelaunten, fröhlichen Menschen, dem Freiheit ungeheuer wichtig war: „Sicherheit und Freiheit gingen niemals Hand in Hand“, heißt es in dem Gedicht „14 Zeilen“, das Valerian Ende 2013 geschrieben hatte. Viktorian las es am Donnerstagabend mit viel Gefühl vor. Und den Gästen bescherte sein Vortrag einen Gänsehautmoment.

Auf den Seiten der Stiftung sind Texte von Valerian zu finden. Außerdem gibt die Website Kindern und Jugendlichen Leseempfehlungen, listet Veranstaltungen und Neuigkeiten aus der Welt der Literatur auf. Eng arbeitet die neue Stiftung mit der Berliner Literaturinitiative zusammen, in der sich auch Valerian als Dozent außerordentlich engagiert hatte.

Da die tschechische Stadt Pilsen 2015 Kulturhauptstadt Europas sein wird, kooperiert die Stiftung mit dem J.K.Tyl Theater in Pilsen. In Zusammenarbeit mit Theaterdirektor Martin Otava sind „diverse grenzüberschreitende Projekte“ geplant. Das Haus knüpft an eine lange Tradition an: Die ersten Vorstellungen wurden im Jahre 1759 gespielt.

Die Nähe zu Pilsen hat familiäre Gründe. Vater Arsène Verny ist Anwalt, hat tschechische Wurzeln und lehrt als Professor an der Universität Pilsen EU-Recht. Außerdem wollte Valerian sein Auslandsjahr unbedingt in Prag verbringen, er habe sich dort sehr wohlgefühlt, sagt Arsène Verny. Er kennt den tschechischen Botschafter Rudolf Jindrák noch aus der Zeit der EU-Beitrittsverhandlungen für Tschechien, die er als Jurist begleitete.

Freund und Förderer von Kindern

Valerian konnte gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen. Schon im Kindergarten begeisterte er andere Knirpse für Bücher, indem er ihnen daraus etwas vortrug – ohne dass er damals schon hätte lesen können, wie seine Mutter beim Festakt lächelnd erzählte. Später leitete er als Mitglied der Johannischen Kirche Kindergottesdienste, obwohl ihn, wie sein Vater sich erinnerte, das frühe Aufstehen manchmal nervte.

Bei der Berliner Literaturinitiative betreute Valerian sieben Jugendgruppen. Die Leiterin der Literaturinitiative, Birgit Murke, die auch Mitglied des Stiftungskuratoriums ist, beschreibt seine Arbeit liebevoll: „Er hatte einfach Freude an Texten. Und mit dieser Freude hat er die anderen infiziert.“

Die Valerian Arsène Verny Stiftung fördert literaturbegabte Kinder und Jugendliche – so wie es Valerian in verschiedenen Projekten getan hat. Zugleich hat ihre Gründung seiner Familie und seinen Freunden bei der Trauerarbeit geholfen. Informationen gibt es unter: „www.valerian-stiftung.eu“.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

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