Verfolgungsjagd

Wieder Amokfahrt durch Berlin – Vier Menschen verletzt

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Hans H. Nibbrig

Erneut hat sich die Polizei eine wilde Jagd mit einem Autofahrer geliefert. Der Mann ignorierte rote Ampeln und rammte zahlreiche Autos. Drei Streifenwagen gingen zu Bruch.

Verkehrsrowdys, die sich mit Vollgas einer Polizeikontrolle entziehen und deren Flucht vor den Ordnungshütern anschließend zur Amokfahrt wird, sind in Berlin längst keine Seltenheit mehr.

Doch der Fall eines 28-jährigen Bulgaren, dessen Flucht am Sonnabendabend knapp 50 Minuten lang durch Moabit, Wedding und Reinickendorf führte, sorgte selbst bei erfahrenen Beamten noch am Tag darauf für fassungsloses Kopfschütteln.

Drei zum Teil schwer verletzte Polizisten und sechs demolierte Fahrzeuge, darunter vier Funkwagen – das ist die Bilanz eines Einsatzes, der mit einer routinemäßigen Observation begann und schließlich mit der Festnahme des 28-Jährigen endete.

Verdächtige Stopps an U-Bahnhöfen

Gegen 21.50 Uhr beobachtete eine Zivilstreife den 28-Jährigen, wie er seinen VW Passat mit bulgarischem Kennzeichen vor dem U-Bahnhof Birkenstraße im Halteverbot abstellte, in den Bahnhof ging und kurz darauf zurückkehrte. Das gleiche wiederholte sich wenige Minuten später am U-Bahnhof Turmstraße. Die Zivilbeamten vermuteten ein Drogendelikt, folgten dem 28-Jährigen und entschlossen sich an der Huttenstraße in Moabit, den Mann anzuhalten.

Der Verdächtige dachte allerdings gar nicht daran, der Aufforderung zum Anhalten Folge zu leisten. Stattdessen gab er Gas und raste davon. Auf seinem Weg über die Turm- und Stromstraße in Richtung Wedding überfuhr er, verfolgt von den Zivilfahndern, gleich mehrere rote Ampeln. Die Fahnder hatten inzwischen Funkstreifen ihrer uniformierten Kollegen zur Unterstützung erhalten. Nachdem der Flüchtige die Puttlitzbrücke überquert hatte, versuchte er mit diversen Manövern, die zunehmende Zahl seiner Verfolger abzuschütteln. Im Bereich Amrumer, Afrikanische und Müllerstraße wendete er mehrfach oder fuhr immer wieder im Kreis.

Die Rücksichtlosigkeit, die der 28-Jährige an den Tag legte, erstaunte dabei selbst gestandene Polizisten, die auf den Straßen Berlins bereits einiges gewohnt sind. Als der Bulgare in die Müllerstraße einbog, fand er sich plötzlich hinter einem Funkwagen wieder, dessen Fahrer versuchte, ihn auszubremsen. Den Versuch machte der Bulgare jedoch zunichte, indem er kurzerhand auf den Gehweg auswich und das Streifenfahrzeug dort rechts überholte. Als er wieder auf die Fahrbahn fuhr, kollidierte er mit dem Funkwagen, für den die Fahrt daraufhin durch den dabei entstandenen Schaden zu Ende war.

Polizeimeister auf Intensivstation

Der offensichtlich völlig enthemmte Mann setzte seine Flucht fort, stieß an der Genter Straße in Wedding mit einem zweiten Funkwagen zusammen und prallte wenig später, inzwischen in Reinickendorf angekommen, vor dem Parkplatz eines Kaufhauses an der Residenzstraße mit einem weiteren Streifenfahrzeug zusammen. Dieses wurde dabei vollständig zerstört. Ein auf dem Beifahrersitz befindlicher Polizeimeister erlitt bei dem Zusammenprall schwere Rückenverletzungen und musste in die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert werden.

An der Aroser Allee rammte der 28-Jährige noch einen weiteren Funkwagen, bevor er an der nahe gelegenen Barfußstraße in zwei am Straßenrand geparkte Pkw und einen Anhänger krachte. Es war nach knapp 50 Minuten Amokfahrt der fünfte Zusammenprall des Bulgaren mit anderen Fahrzeugen. Und es war der Letzte, denn dabei wurde sein VW Passat so schwer beschädigt, dass eine Weiterfahrt nicht mehr möglich war. Der Amokfahrer selbst erlitt dabei leichte Verletzungen und wurde nach seiner Festnahme zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht. Ein dort durchgeführter Schnelltest ergab, dass der 28-Jährige unter Drogeneinfluss stand.

Neben dem Polizeimeister, der auf die Intensivstation kam, wurden noch zwei weitere Beamte verletzt und mussten nach ambulanter Behandlung ihren Dienst beenden. Von den insgesamt sechs bei den diversen Zusammenstößen demolierten Fahrzeugen wurden zwei vollständig zerstört. Bei zwei weiteren geht die Polizei von einem wirtschaftlichen Totalschaden aus. Das heißt, dass eine Reparatur zwar technisch möglich, angesichts der dabei entstehenden Kosten allerdings sinnlos wäre.

Folgen noch unklar

Was mit dem 28-Jährigen weiter geschieht, blieb zunächst unklar. Ob er einem Haftrichter vorgeführt werden soll, wurde am Sonntag noch geprüft. In den Medien wurde der Fall schon am Sonntag zur „spektakulärsten Verfolgungsjagd seit Jahrzehnten“. Den Begriff Verfolgungsjagd hört man bei der Polizei allerdings nicht gerne. „Die Jäger lassen wir mal im Wald, die Polizei erfüllt ihre gesetzlichen Aufgaben und dazu gehört auch die Verfolgung flüchtiger Täter und Verdächtiger“, sagte ein Polizeisprecher.