Jubiläum

20 Jahre American Academy - Luftbrücke in zwei Richtungen

Die American Academy in Wannsee wird 20 Jahre alt. Die Berliner Institution ist eine Erfolgsgeschichte. Dort sitzen sich konträre Köpfe morgens beim Frühstück gegenüber. Nun geht Direktor Gary Smith.

Foto: Reto Klar

Er nimmt Rührei mit Schinken, dazu Wassermelone. Wer mit Gary Smith frühstückt, erfährt viel darüber, wie die American Academy funktioniert. Nicht nur, weil ihr Direktor das gut erklären kann. Sondern auch, weil er für sein Frühstück im Hotel Savoy in Charlottenburg nichts bezahlen muss. Nie muss er hier für Frühstück bezahlen. Das Hotel unterstützt die Academy somit an zentraler Stelle. Gary Smith muss bei Kräften bleiben, er arbeitet mehr als 70 Stunden in der Woche. Das gestiftete Rührei leistet einen weiteren Beitrag, es senkt die laufenden Kosten.

Wenn die Academy am heutigen Mittwochabend zu einer Feier anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens einlädt, dann ist das ein bisschen auch der Abschied von Gary Smith. Der Philosoph, der 17 Jahre die bedeutendste amerikanische Denkfabrik außerhalb der USA aufgebaut hat, verlässt zum Jahresende den Chefsessel. Es bleibt ein Vermögen von 40 Millionen Dollar, das den Betrieb der Academy auf Jahre sichert. Größter Geldgeber ist die Arnhold-Familie aus New York. Deutsche, die vor den Nazis fliehen mussten. Smith wird nun ein Buch schreiben: „Der Zauberjude“. Er selbst nennt es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln als Ideenmensch.

Gary Smith dürfte der beliebteste nicht-zahlende Gast der Welt sein

Seine Entscheidung ist logisch, wenn man sich den Geist der American Academy anschaut: Einer ihrer Grundpfeiler ist, dass man sich nicht ausschließlich mit Geld beschäftigen sollte. Sondern sich Gedanken über die großen Probleme unserer Welt macht. In Ruhe.

Gary Smith dürfte der beliebteste nicht-zahlende Gast der Welt sein. Im Hotel kommt immer jemand Bekanntes vorbei, er sagt „good morning“ und „hello“. Es gibt namhafte Leute, die Smith hinter der Hand als den inoffiziellen US-Botschafter in Deutschland bezeichnen. Aber solche hochtrabenden Sätze würde er über sich nie sagen. Er schaut freundlich und neugierig durch seine Brille.

„Man muss die Stipendiaten verwöhnen“, sagt Smith. Er meint das pädagogisch: Es geht um Freiheit.

Ohne Sorgen des Alltags

Tatsächlich dürfen die Stipendiaten, amerikanische Künstler und Wissenschaftler aus allen Bereichen, einige Monate lang ein Leben ohne Alltagssorgen führen. Sie wohnen in der Villa der Academy am Wannsee, bekommen ein Stipendium und abends servieren Kellner das Essen. Es geht darum, alles fernzuhalten, was vom Sinn ihres Aufenthaltes ablenken könnte.

Die Stipendiaten, darunter Stars wie der Schriftsteller Jonathan Franzen, sollen forschen, die Stadt und Deutschland kennenlernen und vor allem: viel untereinander und mit ihren deutschen Kollegen diskutieren. Eine Pause von der Erwerbsarbeit. Auf dass sich die geistigen Welten vermischen.

Vor Jahren saß der Schriftsteller Norman Mailer in der Academy, schaute auf den Wannsee und sagte: „Seht, ein Gatsby-Moment.“ So, wie im Roman „The Great Gatsby“, schien an jenem Abend vom Ufer gegenüber ein Leuchtfeuer. Ähnlich mondän wie das Anwesen des Millionärs Gatsby, dessen Geschichte kürzlich erneut mit Leonardo DiCaprio verfilmt wurde, darf man sich die Villa am Wannsee vorstellen.

Die Geschichte der Academy ist die eines geistigen Aufstieges

Und doch ist es anders. In dem Buch von F. Scott Fitzgerald geht es auch um die Leere des Luxus und um den Abstieg der geistigen Elite in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der American Academy dagegen ist die eines geistigen Aufstieges.

Im Jahr ihrer Gründung, als die letzen US-Truppen aus Berlin abgezogen waren, war ein zentraler Gedanke: „Scholars for Soldiers“. Amerika sollte präsent bleiben in der deutschen Hauptstadt, die Verbundenheit weiterleben. Eine geistige Luftbrücke. Inzwischen, im Jahr 2014, ist Deutschland erwachsener geworden. Zumindest hängt es nicht mehr in dem Maße vom Schutz der USA ab wie damals.

Eine große Chance, den Blick zu weiten. Ging es in frühen Ausgaben des hauseigenen Magazins „Berlin Journal“ häufiger darum, wie sich Berlin entwickeln würde, finden sich in den neueren Ausgaben vor allem Gedanken zu großen Themen der Welt. Da geht es um eine Analyse der neuen Art des Krieges, die sich derzeit in der Ukraine entwickelt. Oder um Sexarbeit in Indien.

Sie ist zum globalen Debattenort geworden

Die American Academy muss im Jahr 2014 weniger geistige Entwicklungshilfe für Berlin leisten als zu Beginn. Dafür ist sie umso mehr zum globalen Debattenort geworden, an dem Deutsche und Amerikaner gemeinsam wirken. Viele Stipendiaten kehren regelmäßig nach Berlin zurück. Dieser Austausch ist wichtiger denn je.

Bundespräsident Joachim Gauck empfing am gestrigen Dienstag zu Ehren der American Academy im Schloss Bellevue. Angesichts der US-Spähaffäre warnte Gauck vor einer Entfremdung. „Wieder kommt es uns vor, als lebten Deutsche und Amerikaner auf verschiedenen Planeten, so unterschiedlich scheint uns der amerikanische Ansatz bei Terrorabwehr, Datenschutz und Geheimdienstarbeit.“ Ganz klar, so Gauck: Es bestehe Gesprächsbedarf.

Zur NSA-Affäre sagt Gary Smith, dass es auch die Debatte in Deutschland war, die beeinflusst habe, wie in den USA über Feindbilder und Überwachung diskutiert werde. Er hat auch beobachtet, wie viele Deutsche die US-Geheimdienstserie „Homeland“ schauten. Diese im Internet verfügbare Serie brachte Teile der in den USA geführten Debatte über Überwachung und Feindbilder vermutlich eindringlicher nach Deutschland als alle Reden von Politikern. Es zeigt sich: Das Interesse an der US-Debatte ist auch in Deutschland groß.

Staatliches Geld ist tabu

Wenn weiter von einer intellektuellen Luftbrücke die Rede sein kann, dann geht sie also in beide Richtungen.

„Nonpartisanship“, keine Parteilichkeit, ist ein weiteres Prinzip. Staatliches Geld ist tabu, man will unabhängig von politischen Wechseln bleiben. In der Academy sitzen sich Köpfe wie David Rieff und Adam M. Garfinkle morgens beim Frühstück gegenüber. Rieff, der Publizist und unermüdliche Kritiker des Einmarsches der US-Truppen in Irak. Und Adam M. Garfinkle, der einst Redenschreiber für US-Außenminister Colin Powell war.

Zwei Menschen, die wohl nie ein Wort miteinander hätten wechseln wollen. „Man muss bereit sein, sich intellektuell herausfordern zu lassen“, sagt Smith. Er sucht nach Stipendiaten und Gastrednern aus allen politischen Lagern. Würde er auch Sarah Palin, die Tea-Party-Aktivistin einladen, die erst nach ihrem 40. Geburtstag überhaupt die USA für eine Auslandsreise verlassen hatte? Smith antwortet knapp: „Wir wollen die klügsten Menschen zu jedem Thema.“

Smith hat ein gut gefülltes Bankkonto hinterlassen

Konkrete Themen, konkrete Probleme. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Smith ein so gut gefülltes Bankkonto hinterlassen kann. Denn neben den Großspenden aus New York hat er viele weitere Beiträge eingesammelt. Wenn Smith auf dieser oder auf jener Seite des Atlantiks zum Abendessen eingeladen ist, er mit potenziellen Geldgebern spricht, geht es um Leidenschaften. Hat ein Industrieller ein Herz für Ludwig Wittgenstein dann lädt Smith ihn an den Wannsee zu einer hochkarätigen Debatte ein.

Es kommt vor, dass er nach so einem Abend die Visitenkarten in seiner Tasche sortiert und eine mit Kugelschreiber geschriebene Summe findet, die der Academy überwiesen wird. Geld bedeutet auch hier: Unabhängigkeit. Mehr als zehn Stunden am Tag arbeitet Smith auch deshalb, weil er sich ablenken lasse, wenn er etwas spannend findet. Wenn er bald nach Jerusalem fährt und für sein Buch recherchiert, ist er zurück im akademischen Betrieb. Sein Nachfolger, dessen Name frühestens Ende des Jahres bekannt gegeben werde, findet ein gut bestelltes Feld vor.

Und Smith? Er bleibt der Academy als „Senior Fellow and Executive Director Emeritus“ erhalten. Sicher wird er weiter viele Freunde haben, die ihn auf eine Portion Rührei und Wassermelone einladen.