Berliner Spaziergang

Zurück in die Zukunft mit Regine Leibinger

Sie wird das höchste Haus der Stadt bauen und sogar das höchste Hotel Deutschlands - die Erweiterung des Estrel in Neukölln. Ein Spaziergang mit Regine Leibinger, Architektin.

Foto: Reto Klar

Stellen wir uns diese Szene als Traum vor. Ein Turm ragt in den blauen Himmel, hell und neu. Davor steht Klaus Wowereit in Einweihungsstimmung, er sieht ausgeschlafener aus als in diesen Tagen. Wowereit redet von einem Startschuss und Investoren aus aller Welt. In der Luft tanzen rote Luftballons.

Solche kühnen Vorstellungen hatte Regine Leibinger nicht mal im Schlaf, als ihre Geschichte begann. Damals ist Berlin weit weg. Es ist der 9. November 1989, seit einigen Monaten studiert sie Architektur in Harvard in den USA. Ein Kommilitone hatte ihr im Vorbeigehen gesagt: „Du kommst doch aus Berlin, oder? Die Mauer ist gerade gefallen.“ Leibinger wählt nacheinander die Telefonnummern ihrer Freunde, aber niemand geht ran.

Die Wiedervereinigung hat viel versprochen – auch, dass große Teile der Hauptstadt neu gebaut werden. Ein Grund für Regine Leibinger, in die Stadt zurückzukehren, in der sie ihr Studium begonnen hatte. Im Jahr 1993 eröffnet sie mit ihrem amerikanischen Ehemann Frank Barkow das Büro „Barkow Leibinger“. Damals passte es in eine Ein-Zimmer-Wohnung in Schöneberg.

Daraus ist die Geschichte einer Frau geworden, die das höchste Haus der Stadt bauen wird und sogar das höchste Hotel Deutschlands. Die Erweiterung des „Estrel“ in Neukölln, 175 Meter hoch. Vor zwei Jahren haben Barkow Leibinger den Tour Total gebaut, das Hochhaus gleich neben dem Hauptbahnhof. Die Fassade scheint sich, je nachdem, wie man steht, zu bewegen. Klaus Wowereit kam wirklich zur Eröffnung, auch die roten Luftballons waren echt.

Akademie der Künste, Hansa-Viertel, ein sonnig-kühler Vormittag. Regine Leibinger kommt mit schnellen Schritten, sie winkt von weitem und schickt ein lautes „Hallooo!“ voraus. Sie holt ein Buch aus der Handtasche, die Seiten sind schon etwas vergilbt. „Bauen in Berlin“, heißt es, erschienen vor Jahrzehnten. Wir wollen uns die Häuser anschauen, die im Hansaviertel im Jahr 1957 zur „Interbau“ entstanden sind. Das klingt nach einer Werksschau der Vergangenheit. Aber für Leibinger, das wird deutlich, ist es eher ein Spaziergang in die Moderne. Oder besser: Ein Gang zurück in die Zukunft.

Ihr Schwäbisch! Leibinger versucht nicht, zu verheimlichen, wo sie aufgewachsen ist: Ditzingen bei Stuttgart. Wenn sie redet, wird die weite Welt zu einem freundlichen Dorf. Erst erzählt sie, dass es in Süddeutschland an diesem Morgen nur zwei Grad gewesen seien. „Brrr“, sie möge das ja gar nicht, wenn der Sommer zu Ende gehe. Dann erzählt sie, im gleichen Tonfall, von „der Amy“, der Schwester ihres Mannes. „Die Amy“ ist Künstlerin, sie lebt in New York. Mitten im Schwäbisch spricht Leibinger „New York“ sehr amerikanisch aus.

Sie schlägt das Buch auf. „Keine Angst, Sie müssen sich jetzt nicht alle Häuser anschauen“ sagt sie und zwinkert. Sie hat die richtige Stelle gefunden: „Oscar Niemeyer“. Wir stehen an dem Haus des berühmten brasilianischen Architekten, oder besser: darunter. Das Wohnhaus steht auf filigranen Stelzen. Modernes Wohnen. Erhaben, in die Höhe gebaut. Drumherum ein grüner Park. Die Wohnungen: funktional geplant. Altbauwohnungen, sagt Leibinger, seien dagegen ja oft fürchterlich unpraktisch. Zu große Durchgangszimmer, die Küchen nachträglich eingebaut, kaum etwas passe zusammen. Nicht, dass Leibinger grundsätzlich keine Altbauwohnungen mag. Sie sagt, die riesigen Wohnzimmer seien eben besonders geeignet für allein lebende Schriftstellerinnen. Zumindest würde man das oft in Dokumentationen im Fernsehen sehen: Schriftstellerinnen in großen Altbauwohnungen.

Was ist modern?

Leibinger selbst braucht ein Zuhause für eine Familie. Ihre Zwei-Etagen-Wohnung in Charlottenburg, wo sie mit ihrem Mann und den beiden Söhnen wohnt, ist unten ein Altbau. Oben haben sie eine moderne Etage drauf gebaut. Das Beste aus zwei Welten also. In die Höhe bauen, das mag Leibinger. Sie wünscht es sich auch mehr für Berlin.

Wer mit einer Architektin durch das Hansaviertel geht, muss sich die Anlage unweigerlich so vorstellen, wie sie mal gezeichnet aussah. Als eine dieser Simulationen, wie man sie aus Zeitungen kennt, wenn Großprojekte vorgestellt werden. Da sind meistens spielende Kinder und Hunde drauf. Ist das Projekt erst gebaut, ist die Realität nicht selten eher trist. Anders im Hansaviertel. Hohe Wohnblöcke verlieren ihre Schwere, weil man unten durch Durchgänge auf die Bäume dahinter schauen kann. Luftig. Streng genommen ist das Hansaviertel auch nur eine Reißbrett-Siedlung für mehr als 5.000 Menschen. Leibinger erklärt das Besondere hier in einem Satz: „Es hat etwas Leichtes, nichts Bedrückendes“.

Während Politiker über Platzmangel in der Innenstadt sprechen, scheint hier bereits die Lösung für die Zukunft gefunden: Richtung Himmel bauen, dazwischen viel Platz für Natur.

Große Bauten sind oft eine Vision. Das Internationale Kongresszentrum ICC, dieses Raumschiff. Science Fiction. Ein Werbefilm zur Eröffnung aus dem Jahr 1979 zeigt den Architekten Ralf Schüler, er zeichnet seine kühne Konstruktion an eine Tafel. Man würde ihm auch zutrauen, Atome zu spalten. Heute, keine 35 Jahre nach der Einweihung des ICC, redet die Stadt über den Abriss.

Leibinger tut das ein bisschen weh. Sie will, dass eine neue Nutzung für das ICC gefunden wird. Derzeit wird auch diskutiert, ob die Biosphäre in Potsdam abgerissen wird. Dieses Tropenhaus hatten Barkow Leibinger für die Bundesgartenschau 2001 gebaut, es gibt Probleme, eine wirtschaftliche Nutzung zu finden. „Aber Abriss kann doch nicht die Lösung sein, das ist eine schreckliche Vorstellung.“

Warum Zukunftsvisionen von früher plötzlich so alt aussehen können, damit beschäftigt sich Leibinger viel. Sie und ihr Mann, sie nennt ihn stets beim vollen Namen und in amerikanischer Aussprache, „Frank Barkow“, haben bei der Ausstellung „How Soon is Now“ in der Galerie Judin mitgewirkt (Potsdamer Straße 83, Eintritt frei, läuft noch bis 1. November).

Da geht es um die Frage, warum das Morgen von Gestern nicht Heute ist. Das ist ein schönes Wortspiel. Es geht auch um Kunst in der Architektur, Barkow Laibinger haben eine wunderbare Installation geliefert: ein Dickicht aus Metallstäben, vielleicht eine Fassade von Morgen. Vor allem aber geht es um Selbstkritik. Nachdenklich macht das Essay „The Power of Beige“, das in übergroßen Buchstaben an der Wand hängt, geschrieben vom Architekten J. Mayer H.

Beige ist eine Farbe, die für pflegeleichte Bürooberflächen ebenso beliebt ist wie für teure Bauwerke. Das Waldorf Astoria ist beige, auch die neuen Villen im „Diplomaten-Park“ am Tiergarten. Eine Siedlung, die damit wirbt, dass sie Luxus und Sicherheit für alle bietet, die nicht auf ein Leben in der Stadt verzichten wollen. Aber Beige, so der Text weiter, ist auch die Farbe des Universums. Nicht blau, sondern beige, das haben Forscher herausgefunden. Wenn der Ursprung allen Seins eine Farbe hat, dann ist das beige.

Dann wird der Text anklagend: Beige sei damit auch eine Farbe, die niemanden stört. Die Kraft dieser Farbe liege darin, dass sie alles mit einer „haferschleimigen Anonymität“ überziehe. Sie eignet sich also für Mülleimer im Büro ebenso wie für vermeintliche „Diplomaten-Parks“ für Menschen, die wohl zu viel Angst und zu viel Geld haben.

Wo bleibt der Mut?

Beige. Universum. Haferschleim. Kriegt man gar nicht mehr aus dem Kopf, diese Gedanken. Wir bleiben vor einem Bau des Architekten Paul Baumgarten stehen. Auf dem Dach stehen Maisonette-Wohnungen, jede wie ein eigenes Häuschen. Rote Platten fallen ins Auge. Gottseidank nicht beige. Leibinger ist begeistert. Eine Wohnanlage, aber individuell.

Man fragt sich natürlich: Warum bauen nicht alle Architekten so mutig?

Eine Antwort gibt der Werdegang von Leibinger. Es ist eben alles nicht so leicht. Als sie 1993 ihr Büro eröffnet hatten, waren die zwei ersten und für lange Zeit letzten Projekte eine Kindertagesstätte und ein Jugendzentrum am Stadtrand. Schöne kleine Gebäude zwar, aber währenddessen bauten andere Architekten die ganze Stadt neu. Damals war Hans Stimmann Senatsbaudirektor, er ließ eine Generation von Architekten ran, die bereits in den 80er-Jahren in Berlin gewirkt hatte. Früher hat Leibinger das mehr aufgeregt. Entwürfe einreichen. Entwürfe in den Papierkorb werfen. Oder gar nicht erst gefragt werden. Heute äußert sie sich milder: An vielen Stellen seid das noch immer eine vertane Chance, aber rückblickend auch ein bisschen verständlich, dass Stimmann in der damaligen Goldgräberstimmung auf Bewährtes gesetzt habe.

Aber Barkow und Leibinger haben durchgehalten. Vielleicht auch, weil Leibinger aus einer Familie stammt mit einem unerschütterlichen Glauben: Dass man mit Überzeugung alles erreichen kann. Ihr Vater Berthold Leibinger hat die Trumpf GmbH zu einem der weltweit größten Anbieter von Werkzeugmaschinen gemacht. Ihm war zwar wichtig, dass seine Kinder studieren, erzählt Leibinger. Aber was, da ließ er ihnen freie Wahl. Die Schwester von Regine Leibinger, Nicola Leibinger-Kammüller, studierte Germanistik, Anglistik und Japanologie. Heute leitet sie das Unternehmen im Familienbesitz und zählt zu den Top-Managerinnen des Landes. Bestimmt hätten bekannte Manager von anderen Betrieben die Augenbrauen gehoben bei ihren Studienfächern.

Auch Regine Leibinger hat diese Unerschütterlichkeit. Und die Kraft ihrer Familie. Ihr Büro plante für die Trumpf-Werke neue Fertigungsanlagen und eine Kantine für die Mitarbeiter, die in Architektur-Feuilletons stürmisch gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet wurde. Das Dach besteht aus hölzernen Waben, man sieht durch Öffnungen die Wolken ziehen. Mittagessen in der Kantine, das ist Synonym für den schnöden Alltag. Barkow Leibinger haben einen Ort gebaut, der diesen Alltag schöner macht. Und der zeigt, was die Firma Trumpf so kann: ohne moderne Schneidegeräte hätte so ein Dach kaum gefertigt werden können.

„Natürlich“, sagt Leibinger, „wird so etwas auch mit Neid betrachtet“. Sie meint, dass Konkurrenten denken könnten: „Die hatte es leicht, sie darf für ihre Familie bauen.“ Sicher eine Chance, die andere nicht haben. Aber ein Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern hat eine eigene Bauabteilung, die sehr wirtschaftlich denkt. Und dass enge Verwandten die härtesten Kritiker seien, sollte auch bekannt sein. Architektur bezeichnet sie als ihren Beitrag zum Familienunternehmen. Da habe nun mal jeder seine Aufgabe.

Nun also der Estrel-Tower in Neukölln. Ganz frei waren sie auch hier nicht in der Gestaltung: Der Turm muss zu dem dreiecksförmigen Hotel passen, das schon steht. Nun setzt sich der Wolkenkratzer aus zusammengelegten Dreiecken zusammen, wie bei einem Haus aus Bierdeckeln. Und die Farbe? Eher blau-grau als beige. Gott sei dank.

Woher nimmt Leibinger diese Energie? Ihren Mann Frank Barkow lernte sie in den USA gleich in der ersten Woche kennen. Er war ein Semester höher und kümmerte sich um die Anfänger. Leibinger sagt: „Ich mochte ihn sofort“. Wenn sie über „Frank Barkow“ redet, ihren Mann, dann klingt das symbiotisch. In einem so kleinen Familienunternehmen kann einer im Büro sein, wenn der andere bei den Kindern ist. Und abends wird am Küchentisch das Projekt diskutiert. Man kann einwenden, dass nicht viele Beziehungen so etwas aushalten würden. Aber wenn man Leibinger zuhört, wie sie gutgelaunt plaudert, wird klar: Man muss eben an eine Beziehung glauben, damit es klappt.

Ein paar Meter vom Hansaviertel entfernt steht der Berlin-Pavillion, der ebenfalls zur Interbau 57 errichtet wurde. Er steht unter Denkmalschutz, aber nun ist darin die Filiale einer Burger-Kette. Brote von Burgern sind auch beige. Man kann dort sitzen und Menschen durch Glasfenster beobachten. Wie hieß die Ausstellung? „How soon is now?“ Wie nah ist man am Jetzt? Im Burgerladen ist das Jetzt ganz nah. Leider.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.