Schienenverkehr

Jede zehnte Berliner Bahnbrücke ist marode

90 von 895 Überführungen im Berliner Schienennetz müssen erneuert werden. Hauptgrund ist ihr hohes Alter. Für die Sanierung fehlt das Geld. Doch im Vergleich steht Berlin noch gut da, sagt die Bahn.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Um seinen Arbeitsplatz dürften die wenigsten Ronny Bleich beneiden. In einem wackligen Drahtkorb hängt der junge Mann in gut 30 Meter Höhe zwischen Himmel und Erde. Wobei die Erde an diesem Dienstagmorgen in Treptow ihm kaum festen Halt bietet. Denn unter ihm fließt träge die Spree mit ihrem 16 Grad kalten Wasser. Bleich stört das wenig, mit einem Hammer schlägt er auf die Konstruktion neben ihm ein. Es ist der Klang, auf den er dabei genau zu achten hat. Klingt der Hammerschlag dumpf, dann läuten bei ihm innerlich die Alarmglocken. Es besteht die Gefahr, dass die genietete Verbindung sich gelöst hat und die Stahlteile nicht mehr halten. Fatal für eine Brücke, über die im Minutenabstand Züge mit Hunderten Fahrgästen rollen.

Berlin ist die Stadt mit den meisten Bahnbrücken in ganz Deutschland. 920 Überführungen gibt es im hauptstädtischen Eisenbahnnetz, nicht wenige von ihnen wurden Ende des 19. Jahrhunderts in der Boomzeit des Schienenverkehrs gebaut. Ihr Durchschnittsalter beträgt nach Bahnangaben 69 Jahre.

Es hängt vor allem mit dem oft hohen Alter zusammen, dass jede zehnte Eisenbahnbrücke in Berlin so marode ist, dass sich eine Instandsetzung wirtschaftlich nicht mehr lohnt. 25 Brücken sind bereits komplett stillgelegt. Alle übrigen werden regelmäßig, das heißt alle zwei bis drei Jahre, auf ihre Sicherheit hin untersucht. Die Hauptprüfung, also der sogenannte Brücken-TÜV, steht alle sechs bis zehn Jahre an.

15 Prüfer für drei Bundesländer

15 Mitarbeiter der Bahn-Tochter DB Netz sind mit diesem Auftrag in Berlin, aber auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Ronny Bleich ist einer von ihnen. Detlef Boneß ist sein Chef. Von Boneß wird jede Eisenbahnüberführung in eine von vier Zustandskategorien eingestuft. Zur Kategorie 1 gehören die Topbauwerke – Brücken, die nicht älter als 20 Jahre sind und bei denen keinerlei Roststellen oder Graffiti zu finden sind. In die Kategorie 4 werden die Sorgenkinder eingestuft – Brücken, deren Zustand so bedenklich ist, dass sie in den nächsten Jahren durch Neubauten ersetzt werden müssen. In Berlin sind aktuell 90 von 895 Brücken so eingestuft, in Brandenburg haben 65 von 801 Überführungen die schlechteste Bewertung. „Kategorie 4 heißt aber nicht, dass die Brücken nicht mehr sicher sind“, betont Boneß. In diesem Fall müsste er das Bauwerk sofort sperren lassen. „Das ist mir in den letzten 20 Jahren aber nicht ein einziges Mal passiert“, sagt Boneß. Dass es gar nicht erst soweit kommt, sieht der Brückenexperte als seine Aufgabe an. „Werden Schäden rechtzeitig erkannt, gibt es viele Möglichkeiten, um Schlimmeres zu verhindern“, sagt er. Das Spektrum reicht dabei von kleineren Reparaturen bis zur teuren Grundinstandsetzung.

Eine solche Generalüberholung haben Mitte der 90er-Jahre auch die Spreebrücken in Treptow erfahren, über die in beiden Richtungen die S-Bahnzüge der Ringbahn fahren. Die beiden Brücken mit einer Spannweite von jeweils 68,5 Meter wurden 1905 errichtet – also vor fast 110 Jahren. Die Widerlager, auf denen die genieteten Stahlkonstruktionen ruhen, sind sogar noch älter. Sie stammen aus dem Jahr 1895. „Konstruiert und gebaut werden Brücken eigentlich für eine Nutzungsdauer von 100 Jahren“, sagt Boneß. Eine Grundinstandsetzung verlängert die Lebensdauer um bis zu 30 Jahre. Die Treptower Brücken könnten dies schaffen. Sie sind in Kategorie 3 eingestuft – also zurzeit kein Handlungsbedarf.

„Im Bundesvergleich steht die Hauptstadt noch recht gut da“

Anderswo in Berlin sieht das längst nicht so gut aus. So fällt etwa die S-Bahnbrücke über dem Teltower Damm in Zehlendorf ebenso in die Zustandskategorie 4 wie eine Fernbahnbrücke über die Gotenstraße (Schöneberg). An der Wollankstraße, die Pankow und Wedding verbindet, sowie am Wiesenweg nahe Ostkreuz sind sowohl die S-Bahn-, wie auch die Fernbahnbrücke erneuerungsbedürftig. Die Bahn verweist darauf, dass es gerade in Berlin nach der Wiedervereinigung erhebliche Investitionen in die Infrastruktur gegeben habe. Dabei seien auch zahlreiche Brücken etwa für den S-Bahn-Ring erneuert worden. „Im Bundesvergleich steht die Hauptstadt noch recht gut da“, so ein Bahnsprecher.

Das Eisenbahn-Bundesamt hatte Ende 2012 stichprobenartig 256 Bahnbrücken untersucht, jede vierte Überführung wies Mängel auf. Nach Bahnangaben müssen mindestens 1200 der 25.000 Brücken in Deutschland dringend erneuert werden. Die Bundesregierung stellt pro Jahr 2,5 Milliarden Euro für den Erhalt der Schieneninfrastruktur bereit, in diesem Jahr gab es einen Zuschlag von 250 Millionen Euro. Zu wenig, sagt die Bahn. Sie sieht einen Mehrbedarf von 1,2 Milliarden Euro.