Transplantationen

Prüfer – Bewusste Manipulationen am Berliner Herzzentrum

Experten der Bundesärztekammer haben am Berliner Herzzentrum 14 Fälle gefunden, in denen bei der Organvergabe getrickst worden sein soll. Auch an der Charité soll es Fälle geben.

Bei der Überprüfung von Zentren für Organtransplantationen in Deutschland haben sich Verdachtsfälle von Manipulationen am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) bestätigt. Von 82 geprüften Fällen aus den Jahren 2010 bis 2012 hätten 14 Auffälligkeiten aufgewiesen, sagte Anne-Gret Rinder, Vorsitzende der Prüfungskommission von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen-Verband, am Dienstag in Berlin.

Diese 14 Verstöße würden „den Schluss auf ein systematisches Vorgehen nahelegen“, so Rinder. In sechs Fällen sei Patienten zum Beispiel wenige Tage, bevor ein Antrag für die länderübergreifende Dringlichkeitsliste zur Organvergabe gestellt wurde, ohne medizinische Notwendigkeit eine höhere Dosierung von Herz- und Kreislaufmedikamenten verabreicht worden. Damit sollte offenbar der Eindruck erweckt werden, die Patienten seien besonders schwer krank. Nach dem Antrag wurde die Dosierung wieder reduziert.

Ob andere schwer Herzkranke dadurch einen Nachteil auf der Warteliste erlitten, konnte Rinder nicht sagen. Der Bericht sei an die Berliner Staatsanwaltschaft geschickt worden. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass privat versicherte Patienten bevorzugt behandelt und transplantiert würden.

Ermittlungen wegen versuchten Totschlags

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit August wegen versuchten Totschlags gegen das Herzzentrum, nachdem ein Rechtsvertreter der Klinik die Ermittler über den Verdacht auf Manipulationen informiert hatte. Zu untersuchen sei, ob Patienten auf der Liste nach oben gesetzt und damit bevorzugt wurden, während andere nach hinten rutschten und damit in Lebensgefahr gerieten, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, seinerzeit. Geprüft werde auch, ob Patienten wegen möglicher Manipulationen starben und ihr Tod billigend in Kauf genommen worden sei, so Steltner. Am Dienstag hieß es lediglich, die Ermittlungen dauerten an.

Der Verdacht richtet sich nach Informationen der Berliner Morgenpost insbesondere gegen eine Oberärztin, die inzwischen vom klinischen Dienst freigestellt wurde. Sie ist aber weiterhin am Herzzentrum beschäftigt. Dessen Sprecherin Barbara Nickolaus äußerte sich mit Verweis auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht zum Ergebnis des Prüfberichts. Am Mittwoch übernimmt der Herzchirurg Volkmar Falk als Ärztlicher Direktor die Leitung des DHZB. Er tritt die Nachfolge von Roland Hetzer an, der das Herzzentrum seit der Gründung 1986 geleitet und zu einer international renommierten Spezialklinik entwickelt hatte.

Prüfer untersuchten bundesweit 60 Einrichtungen

Der Verdacht auf Verstöße bei Organtransplantationen bestätigte sich auch in Regensburg, Hamburg und an der Berliner Charité. Bis auf das Deutsche Herzzentrum hätten sich jedoch in keinem Fall Hinweise für bewusste Manipulationen gefunden, betonten die Prüfer. Sie hatten bundesweit 60 Transplantationsprogramme in 33 Fachzentren aus den Jahren 2010 bis 2012 untersucht. Das Kontrollsystem war nach dem ersten großen Organspendeskandal 2012 in Göttingen verschärft worden. Die Bereitschaft zur Organspende war in der Folge deutlich zurückgegangen.

Insgesamt sichteten die Kontrolleure dabei 1090 Krankenakten von Menschen, denen ein Spenderorgan verpflanzt wurde. Damit ergibt sich ein Bild aus Stichproben von insgesamt 7596 Herzen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen, die in diesem Zeitraum transplantiert wurden. Dabei wurden insgesamt zwölf Unregelmäßigkeiten festgestellt, mutmaßlich Dokumentationsfehler. Zu diesen Fällen gehören auch zwei Leber- und eine Nierentransplantation an der Charité.