Geschichte

Junge Berliner rufen Rolf-Joseph-Preis ins Leben

Als Schüler haben sie ein Buch über den Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph geschrieben. Als Studenten stiften sie nun in seinem Namen einen Preis - um an das jüdische Leben in Berlin zu erinnern.

Foto: Krauthoefer / jörg Krauthöfer

„Wir aßen Kekse, während er uns erzählte, wie er in den Zug nach Auschwitz stieg.“ Es ist ein verstörender Satz, der da im Vorwort der Biografie von Rolf Joseph zu lesen ist. Müssten den Jugendlichen, die da um den Berliner Holocaust-Überlebenden herumsaßen und seine Lebensgeschichte anhörten, nicht die Krümel im Hals stecken bleiben? „Natürlich waren wir erschüttert“, sagt Pia Sösemann, eine der sechs Jugendlichen, die dabei waren, aber die Atmosphäre sei so offen, so vertraut gewesen, dass sie mit Rolf Joseph sogar lachen – und Kekse essen – konnten, während er über die dramatischen Ereignisse sprach, die er während der Nazizeit erlebt hat.

Die Jugendlichen, alle Schüler des evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Wilmersdorf, haben vor sechs Jahren ein Buch über Rolf Joseph geschrieben. Mit dem Erlös dieses Werkes, von dem zwei Auflagen gedruckt wurden, haben sie jetzt den Rolf-Joseph-Preis ins Leben gerufen. Im August haben sie die ersten Preisträger ausgezeichnet, nun schreiben sie den Wettbewerb bereits zum zweiten Mal aus.

Angesprochen sind Schüler der achten bis zehnten Klassen, die sich abseits von Schule und Lehrbuch mit der jüdischen Geschichte Berlins auseinandersetzen. Gefragt sind Projekte allgemein zur Geschichte des Judentums, zum jüdischen Leben während des Nationalsozialismus und zum Jüdisch-Sein heute. „Das müssen keine besonders aufwendigen Projekte sein, wichtiger ist, dass sich die Jugendlichen selbst auf Entdeckungsreise begeben“ erklärt Simon Strauß, der auch zu den Initiatoren des Preises gehört. So wie sie selbst dies vor zehn Jahren gemacht haben.

Ein spannender Schultag

Pia Sösemann und Simon Strauß waren 2004 in der neunten Klasse, auf dem Lehrplan des Religionsunterrichts stand Judentum. „Ich hatte schon viel über den Holocaust gelesen, aber kannte keine Juden“, erinnert sich Pia Sösemann. So war es für sie und ihre Mitschüler ein eindrucksvolles Erlebnis, als sie die Synagoge an der Pestalozzistraße in Charlottenburg besuchten. Mehr noch war dies aber die Begegnung mit Rolf Joseph. Nach dem Gottesdienst kam der damals 83-Jährige auf sie zu und sagte, dass er als Zeitzeuge oft Schulklassen besuchen würde.

Ein paar Wochen später kam er dann, es war vielleicht der spannendste Schultag der Jugendlichen überhaupt. Rolf Joseph hatte sein Leben auf ein paar Zetteln skizziert. In Berlin geboren, hat er die Stadt nie wirklich verlassen. Auch nicht während des Nationalsozialismus. Er war untergetaucht, aufgeflogen, wurde nach Auschwitz deportiert, war auf dem Weg geflohen und wieder nach Berlin zurückgekehrt. All das hörten die Neuntklässler in einer Doppelstunde. „Wir waren beeindruckt und wollten mehr hören, als diese paar Manuskriptseiten“, erzählt Simon Strauß, und so baten die Schüler den alten Mann, ein Buch über ihn schreiben zu dürfen. „Ihr Anliegen hat mich sehr berührt“, schrieb er später im Geleitwort.

Einige Schüler schlossen sich zur „Joseph-Gruppe“ zusammen. Es blieb ein harter Kern von sechs Jugendlichen. In den folgenden Monaten und Jahren besuchte die Gruppe Rolf Joseph etwa einmal im Monat. Eine Herausforderung. „Zuerst hatten wir gedacht, wir hören einfach nur zu und schreiben das dann später auf“, erzählt Pia Sösemann, doch so einfach sei es nicht gewesen. „Wenn wir ihm eine Frage gestellt haben, hat er auf seinen Manuskriptseiten die passende Antwort gesucht“, führt Simon Strauß weiter aus, „aber wir wollten, dass er frei erzählt, dass wir ganz nah an ihn herankommen“.

Geduld, Einfühlungsvermögen und gegenseitige Motivation habe es gebraucht, um eine Beziehung zu dem Holocaust-Überlebenden aufzubauen. Eine Beziehung, die dann bis zu Josephs Lebensende blieb. Auch als das 80-seitige Buch mit dem Titel „Ich muss weitermachen“ 2008 gedruckt vor ihnen lag, als die Jugendlichen Abitur gemacht und die Stadt fürs Studium verlassen hatten, besuchten sie ihn immer noch, wenn sie in Berlin waren.

Auf Spurensuche in Berlin

Als er dann Ende 2012 starb, hatten die ehemaligen Schüler auf einmal eine Idee, wie sie den Erlös des Buches sinnvoll einsetzen könnten, um die Erinnerung an diesen mutigen Mann wachzuhalten. Sie beschlossen, den „Rolf-Joseph-Preis“ auszuloben. Ende August haben sie die ersten Preisträger auf Schloss Gollwitz in Brandenburg ausgezeichnet: Den ersten Preis – mit 300 Euro dotiert – bekam eine Gruppe Achtklässler des Canisius-Kollegs, die sich in Berlin auf Spurensuche begeben und Dinge gesammelt haben, die jüdisches Leben in der Stadt heute ausmachen: von koscheren Gummibärchen bis zu Berichten über Begegnungen mit Juden.

Bis sie den Preis vergeben konnten, war es für die „Joseph-Gruppe“ allerdings ein harter Weg. „Wir dachten, wir werden in den Schulen mit offenen Armen empfangen, aber es gibt so viele Preise, bei denen sich Schüler heute bewerben können, viele Schulen haben daher gleich abgeblockt“, erzählt Simon Strauß. Das war frustrierend, aber das Durchhalten hatten sie schon beim Schreiben des Buches gelernt, und ein Preis, der von Jugendlichen ausgelobt, von ihnen organisiert und finanziert wird, ist ja doch etwas Besonderes, darum haben sie auch nicht aufgegeben.

Suche nach Unterstützern

Auf Dauer können die sechs Studenten das alles aber nicht allein stemmen. Im Moment sind sie auf der Suche nach Geldgebern, damit sich der Preis fest etablieren kann. Und sie sind dankbar für die Unterstützung ihrer früheren Lehrer, die schon die Entstehung des Buches als Korrektoren begleitet hatten und ihnen jetzt erste Kontakte zu Schulen vermittelt haben. „Eingegriffen in unsere Arbeit haben die Lehrer aber nie“, sagt Simon Strauß. Das Buch sei ein reines Schülerprojekt gewesen und der Preis nun ein reines Studentenprojekt.

Viel Zeit und Energie hat die Joseph-Gruppe in dieses Projekt gesteckt. „Aber keine Stunde davon will ich missen“, so Pia Sösemann, „die Begegnung mit Rolf Joseph hat uns allen viel mehr gebracht als 1000 Schulstunden.“ Und sie hat ihre Spuren hinterlassen. Simon Strauß und Pia Sösemann haben beide Geschichte studiert, die 26-Jährige hat das Buch über Rolf Joseph sogar in den USA ins Englische übersetzt. Sie haben gelernt, Netzwerke aufzubauen, sich im Team immer wieder neu zu finden und zu motivieren. Und vor allem haben sie gelernt, etwas zu bewegen. Es ist ein gutes Gefühl, das sie mit dem Rolf-Joseph-Preis nun weitertragen wollen.

Mehr zum Rolf-Joseph-Preis und zu den Teilnahmevoraussetzungen am Wettbewerb unter facebook.com/RJPreis

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