Entschleunigung

Die „Slow Living Conference“ feiert das langsame Leben

In Berlin beschäftigt sich die erste „Slow Living Conference“ in Deutschland mit einem entspannten Lebensstil in einer digitalen Welt. Unsere Reporterin Laura Réthy hat sich dort entschleunigen lassen.

Foto: Massimo Rodari

Als Laura Roschewitz sagt, sie sei zwar keine 17 mehr, aber doch erst 27, entspanne ich mich. Ich dachte schon, irgendwas sei nicht ganz in Ordnung mit mir. Um mich herum in einem ehemaligen Supermarkt an der Brunnenstraße in Wedding sitzen Menschen aus der Werbebranche, PR-Agenten, Unternehmer.

Gut gekleidete Menschen, erfolgreich, gestresst und älter als ich. Klar, dass die entschleunigen wollen. Aber ich? Ich bin jung, noch nicht lang im Job, keine Kinder. Und trotzdem spielt das Thema Entschleunigung eine Rolle in meinem Leben. Ich denke darüber nach, spreche aber nicht darüber. Tut man nicht. Wer entschleunigt, ist alt im Kopf. Aber Laura Roschewitz, 27, sagt: „So konnte es nicht weitergehen.“ Sie ist die erste Rednerin auf Deutschlands erster „Slow Living Conference“.

Ständig heißt es „Sorry, keine Zeit“

Studiert habe sie Wirtschaftspsychologie, nebenher zwei Jobs, viele Partys, „weil ich ja jung und Single war“. Irgendwann merkte sie, dass sie so lebte, wie es andere von ihr erwarteten, und sie ständig sagte, ‚sorry, keine Zeit‘. Also tat sie etwas, was ihre Kommilitonen nicht fassen konnten: Sie nahm ein Urlaubssemester und zog zu ihren Eltern aufs Land. Sie dachte nach, las in der Badewanne Magazine zum Thema Entschleunigung und kam mit der Idee nach Hamburg zurück, darüber ihre Abschlussarbeit an der Universität zu schreiben. In einer Studie wollte sie herausfinden, ob noch mehr Menschen fühlten wie sie.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass mehr als sechzig Prozent der Befragten ihr Leben eher stark bis sehr stark entschleunigen wollen. Und Frauen durch Zeitdruck stärker belastet sind als Männer. Ich gucke heimlich auf mein Handy. Wie in der Schule früher. Nur ein schneller Blick in meine Arbeitsmails. Eigentlich würde ich von mir behaupten, ich habe mich ganz gut im Griff.

Mein Laptop bleibt oft Tage im Schrank liegen. Mein Handy habe ich zwar immer bei mir, aber ich bekomme keine Push-Nachrichten, wenn in der richtigen oder meiner Facebook-Welt etwas passiert, und Apps nutze ich auch nicht.

Mailflut effizient bearbeiten

Trotzdem, das Erste, was ich tue, sobald sich die Bürotür hinter mir schließt, ist zu gucken, ob ich in den wenigen Minuten, in denen ich nicht am Schreibtisch saß, nicht noch eine E-Mail bekommen habe. Vor dem Zubettgehen kontrolliere ich das, morgens vor dem Duschen, im Urlaub, während der Wasserkocher mein Teewasser erhitzt.

Eine Studie hat herausgefunden, dass britische Angestellte im Schnitt 170 Mails pro Tag bearbeiten, US-Amerikaner um die 200. Bald werden es 500 sein und jemand wird sich wieder eine Lösung einfallen lassen, wie sich diese Menge effizient bearbeiten lässt. Sowieso geht es immer darum, mit neuen Technologien und Programmen Zeit einzusparen. Nur, wo bleibt diese eingesparte Zeit? Wir müssten Unmengen davon haben. Ich habe sie nicht. Oder ich weiß nicht, wann ich sie habe. Also plane ich erst gar nicht.

Laura Roschewitz hat vor Kurzem ihr Smartphone ab-, und sich einen Hund angeschafft, „obwohl ich immer gesagt habe, ‚keine Zeit, keinen Platz‘“. Sie ist einfach weiter raus an den Wald gezogen. Vorher wohnte sie dort, wo Studierende eben wohnen, obwohl es ihr dort gar nicht gefiel. Ich gehe in die Pause und denke: Ich will auch einen Hund haben. Verwerfe den Gedanken aber gleich wieder. Keine Zeit. Und Waldrand kommt nicht infrage.

Es gibt vegetarisches Essen von dem Contemporary Food Lab „Wild and Root“. Süßkartoffelchips, Kurkumasuppe, Dinkelsalat, Gemüsespieße in Sesam gerollt. Slow Living heißt nicht einfach Entschleunigung. Es reicht nicht, alles ein wenig langsamer anzugehen. Es geht auch um gutes Essen mit Qualität, wenn möglich regional, in Ruhe genossen.

Die Frage nach dem richtigen Leben

Es geht um die richtige, die gute Kleidung. Fair produziert, umweltschonend transportiert. Aber wirklich fair, kein Greenwashing, wie die Zwillingsschwestern von dem veganen Label „Umasan“ uns später erklären werden. Slow Travelling gibt es auch. Das alles ist Stress. Slow living ist anstrengend. Es stellt die Frage nach dem richtigen Leben.

Vor der Tür des Supermarkts werden Netzwerke geknüpft. Manfred Dörr und Stefan Wemhoener stehen allein an einem Tisch. Der Bürgermeister und sein Geschäftsführer der Tourismus GmbH sind aus dem rheinland-pfälzischen Deidesheim nach Berlin gekommen. Der kleine Ort mit 3700 Einwohnern ist seit 2009 Mitglied in der internationalen Vereinigung der lebenswerten Städte „Cittaslow“. Dörr und Wemhoener haben ihren Ort entschleunigt. Weniger Verkehr, kleinere Feste, Angebote für alle Generationen.

„Die Leute haben zuerst gesagt, der tickt doch nicht richtig“, sagt Dörr in breitem pfälzischem Dialekt. Dörr erzählt, das erste Fernsehteam, das nach Deidesheim gekommen sei, habe ihn gebeten, fürs Bild einmal ganz langsam über die Straße zu gehen und dazu die Arme ganz langsam zu schwingen. „Da hab ich gesagt: Wenn ihr mich verarschen wollt, dann kommt ihr im nächsten Jahr mal wieder und guckt, was daraus geworden ist.“ Mittlerweile sind die Stadtplaner aus Seoul und Peking schon nach Deidesheim gekommen.

Langsam ist Luxus

Auf einer Bank in der Sonne sitzt Gaby Trombello-Wirkus, aus der Werbebranche. Das Thema Entschleunigung interessiere sie immer mehr, je älter sie werde, erzählt sie. Sie habe sogar freiwillig Kunden abgegeben. Sie glaubt, dass Unternehmen auf diese Thematik eingehen müssen, wenn sie weiter bestehen wollen. Ich glaube, dass es nur ein kleiner Teil tun wird, und dass auch nur ein kleiner Teil der Menschen sich den Luxus herausnehmen kann, entschleunigt zu leben.

Ragnar Willer, Kultursoziologe und einer der Initiatoren der Konferenz, sagte in seinem Vortrag: „Eine extreme Umgebung löst extremes Verhalten aus.“

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