Gegen Parkplätze

Am „Parking Day“ drängt es Berliner an den Straßenrand

Autofahrer beanspruchen Parkplätze wie selbstverständlich – und nehmen eine Menge Platz weg. Beim internationalen „Parking Day“ zeigen die Teilnehmer, welche Alternativen es gibt.

Foto: Massimo Rodari

Die Rechnung ist simpel: Auf zehn Quadratmeter passen ein Tisch, eine Topfpflanze, ein Bett. Zehn Quadratmeter benötigt auch: ein parkendes Auto. „Es gibt viele Anzeigen für WG-Zimmer dieser Größe“, sagt Ulrike. Die Studentin aus Neukölln hat sich in der Linienstraße häuslich eingerichtet. Normalerweise würde hier jetzt ein Auto parken.

Wem gehört der öffentliche Raum? Zum „Parking Day“ am vergangenen Freitag verlagert sich diese Berliner Dauerdebatte an den Straßenrand. Seit 2005 zeigen Engagierte weltweit, was sich mit Parkplätzen außer Parken noch so alles anstellen lässt. Und wie viel Platz sie eigentlich einnehmen. Die Idee kommt aus San Francisco, vor drei Jahren machten 162 Städte in 35 Ländern mit.

In Berlin treffen sich die Teilnehmer in Mitte. Um elf Uhr stehen die Autos hier noch dicht an dicht. „Und das ungenutzt, 23 Stunden am Tag durchschnittlich“, sagt Anja Hänel vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Hänel hält die Platzverteilung in der Stadt für nicht mehr zeitgemäß.

Fast 20 Prozent der Straßenfläche seien für Parkplätze reserviert. Dabei würden nur noch ein Drittel der Wege mit dem Auto zurückgelegt, während der Fahrradverkehr steige. „Wir brauchen ein Umdenken“, sagt sie.

Die Gärten mussten weichen

Dass Autofahrer den knappen Platz für sich einfordern, ist historisch bedingt. Nach Kriegsende stieg die Zahl der Autobesitzer, der Straßenraum für Gärten und Freizeit musste weichen. Der Trend hält an: In Berlin wurden seit 2010 rund 50.000 neue Fahrzeuge angemeldet. Der ADAC kritisiert, dass andere Städte besser mit ihren Blechkarawanen umgehen. In der Hauptstadt gebe es zu wenig Park&Ride-Flächen für Pendler und kein gutes Parkleitsystem.

Und nur 81.000 Parkplätze sind gebührenpflichtig – bei 1,3 Millionen Autos. Der Senat hat das Problem erkannt, wenn auch spät. Der im Koalitionsvertrag verankerte „Masterplan Parken Berlin“ sieht vor, dass die Parkraumbewirtschaftung weiter entwickelt wird. Beschlossen ist er aber noch nicht. Nur die Parkgebühren zu erheben, so der ADAC, werde nicht reichen. „In der Innenstadt werden die Leute immer parken“, sagt Experte Jörg Becker.

Der VCD fordert unter anderem Quartiersgaragen und mehr Anreize, ganz auf den eigenen Wagen zu verzichten. „Den freigewordenen Platz könnte man zum Beispiel für mehr Grünflächen nutzen. Aber besonders für Fahrradwege und -stellplätze“, sagt Anja Hänel. Der Fokus liegt bei diesem „Parking Day“ deshalb auf Lastenrädern, die bei vielen Familien schon länger im Trend sind, weil sich Kinder und Einkäufe ökologisch-praktisch transportieren lassen.

Lieferungen mit Pedalkraft

So langsam erkennt auch die Wirtschaft den Vorteil. Das Unternehmen „Velogista“ beliefert seit einiger Zeit Supermärkte. „Mit durschnittlich 25 Stundenkilometern sind wir genau so schnell wie Lieferwagen“, sagt Gründer Roland Naumann. Und während die motorisierte Konkurrenz penetrant in zweiter Reihe parkt und Straßen blockiert, können sie bei „Velogista“ auch auf dem Bürgersteig halten.

Das Unternehmen ist in Berlin das einzige seiner Art und steht erst am Anfang, der Fuhrpark besteht aus gerade mal zwei Rädern. „Der Markt hätte aber Potenzial für 100“, sagt Naumann.

Breites Verständnis der Autofahrer können die Aktivisten beim „Parking Day“ nicht erwarten. Ein Mann im Golf sucht verzweifelt nach einem Parkplatz, kurbelt das Fenster runter, pöbelt. Vergebens. Eine Kollegin von Hänel hat für den VCD-Stand ein Parkticket gelöst.