„Teach First“

Wie junge Akademiker Bewegung in den Schulalltag bringen

Mit der Schulklasse auf dem Rad nach Paris: Das ist nur eines der vielen Projekte, mit der junge Akademiker den Schulalltag in Berlin bereichern. Die Bezahlung der Fellows ist aber nicht gesichert.

Foto: Massimo Rodari

Schaffen Achtklässer es, mit dem Rad von Berlin nach Paris zu fahren? Immerhin sind das rund 1200 Kilometer. 14 Schüler der Pankower Heinz-Brandt-Sekundarschule haben es probiert. Zwei Wochen lang waren sie zu Beginn dieses Schuljahres fast täglich von 8 bis 19 Uhr unterwegs, 70 bis 100 Kilometer haben sie pro Tag dabei zurückgelegt. Und sie haben es geschafft.

Bela gehörte zu dieser Gruppe. „Der schönste Moment war, als wir am Eiffelturm angekommen sind“, sagt er. Der Gedanke daran, dass sie die ganze Strecke gefahren seien, sei einfach unglaublich gewesen.

In der Aula der Heinz-Brandt-Schule ist es an diesem Donnerstagvormittag ziemlich still, obwohl viele Schüler dort sitzen. Keiner will verpassen, was Bela und die anderen zu berichten haben. Nach den Radfahrern erzählen Schüler von ihren Erlebnissen als Steinbildhauer. Zwei Wochen lang haben sie in einem Steinbruch bei Dresden gearbeitet. Zum Schluss berichtet eine dritte Gruppe von ihrer Tour über die Alpen. „Herausforderung“ nennen sie diese Projekte an der Heinz-Brandt-Schule. 42 Schüler der siebten und achten Klassen haben dieses Mal daran teilgenommen.

Während dieser besonderen Unternehmungen sollen die Kinder ihre Grenzen austesten können und lernen, Schwierigkeiten zu überwinden und Teamgeist zu entwickeln – und nicht aufzugeben, auch wenn es mal richtig schlimm wird.

„Engagiert und voller Ideen“

An der Heinz-Brandt-Schule haben zwei junge Akademiker, Julia Stratmann und Johannes Wießner, diese besondere Form des Lernens auf den Weg gebracht. Beide waren im vergangenen Schuljahr als Fellows an der Schule tätig, von Teach First Deutschland vermittelt. Die Organisation bringt Hochschulabsolventen für zwei Jahre an Schulen, wo sie soziale Erfahrungen sammeln können, bevor sie in ihr Berufsleben starten. Teach First engagiert sich vor allem an Brennpunktschulen. Dort, wo viele Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern stammen und für sich selbst kaum eine Perspektive sehen, sollen die Absolventen Vorbilder sein und Schüler wie Lehrer auf unorthodoxe Art unterstützen.

Die Schulleiterin der Heinz-Brandt-Schule, Miriam Pech, ist begeistert von den Fellows. „Die jungen Leute bereichern mit ihren Erfahrungen das Leben an der Schule, sind engagiert und voller Ideen“, sagt sie. Dieser Meinung ist auch Thomas Schuman, Schulleiter der Herbert-Hoover-Sekundarschule im Wedding. „Die Fellows sind gut ausgesucht, gut vorbereitet und eine große Hilfe für unsere Schüler.“

Bezirke zögern bei Einstellung von Fellows

Doch die Schulleiter haben ein Problem. In Berlin ist die Bezahlung der Fellows nicht gesichert. Die Schulen können die jungen Akademiker zwar aus dem Etat bezahlen, der ihnen für Vertretungskräfte zur Verfügung steht. Von Seiten der Bildungsverwaltung ist das genehmigt. Dem Einsatz dieser Mittel müssen jedoch die bezirklichen Personalräte zustimmen. Die haben sich aber von Anfang an quer gestellt und der vorübergehenden Einstellung von Fellows an Schulen nur zögerlich und unter viel Druck zugestimmt.

Für die Schulleiter bedeutete das jedes Mal viel Stress. Sie waren deshalb froh, als 2013 ein Bonusprogramm aufgelegt wurde, über das Brennpunktschulen zusätzliche Millionen abrufen können. „Wir dachten, dass das Problem damit ein für alle Mal vom Tisch ist“, sagt Schumann. Auch Miriam Pech war davon ausgegangen, die Fellows auf diese Weise endlich unbürokratisch einstellen zu können. Doch das ist nicht möglich, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Personalräte machen Stress

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), erklärt die Sache so: „Für die Einstellung von Teach-First-Fellows gilt das Mitbestimmungsrecht der Personalräte.“ Würde die Einstellung aber über das Bonusprogramm abgewickelt, wäre das Mitbestimmungsrecht ausgehebelt. „Wenn in diesem Rahmen Personal eingestellt wird, läuft das über Freie Träger. Die Zustimmung der Personalräte ist dann nicht nötig.“

Die Schulleiter wollen sich mit dieser Erklärung allerdings nicht zufrieden geben. Sie fordern eine grundsätzliche Lösung des Problems. „Das Bonusprogramm ist doch genau für solche Unterstützungen ausgelegt, zumal die Schulen selbst entscheiden sollen, welche Art der Unterstützung sie am nötigsten brauchen“, sagt Thomas Schumann.

An der Heinz-Brandt-Schule wollen sie am ersten Oktober einen weiteren Fellow begrüßen: Franziska Kramer ist 29 Jahre alt. Sie hat Afrikanistik studiert und eine Zeit lang in Simbabwe gelebt. „Ich bin eine Weltverbesserin“, sagt sie. Das sei auch ihr Ansatz bei Teach First. „Schule braucht Menschen, die viel erlebt haben und in der Welt unterwegs waren.“ Franziska glaubt zum Beispiel fest daran, dass Schüler, die es mit dem Fahrrad bis Paris geschafft haben, irgendwann auch die Bruchrechnung schaffen werden.