Neuerscheinung

Mit Distanz zum Tod – Das Leben Berliner Feuerwehrmänner

15 Jahre Dienstzeit und mehr als 15.000 Einsätze: Andreas Eschke gibt in seinem Buch „Asche – Aus dem Leben eines Feuerwehrmanns“ seltene Einblicke in das Leben auf einer Berliner Rettungswache.

Foto: Jakob Hoff

Mit fünf Jahren träumte er von einem Leben als Cowboy. Fragt man Andreas Eschke, warum er Feuerwehrmann geworden ist, bekommt man nur eine vage Antwort. „Ich bin da einfach so reingerutscht“, sagt der kräftige Mann mit den kurz geschorenen Haaren. Sein Traumberuf sei es nie gewesen. Andreas Eschke ist 1969 in Berlin geboren. Seinen Einstieg in die Arbeitswelt machte er als Polsterer in der DDR, bevor er später, mit 22 Jahren, im wiedervereinigten Berlin zusätzlich Feuerwehrmann wurde.

Zehn Tage im Monat arbeitete er bei der Berliner Feuerwehr und fuhr in seinen 15 Jahren dort mehr als 15.000 Einsätze. „Ich habe verdammt viel in dieser Zeit erlebt. Ich kenne jetzt die vielen Dramen, die sich hinter verschlossenen Wohnungstüren abspielen“, sagt Eschke. In seinem Buch „Asche – Aus dem Leben eines Feuerwehrmanns“ hat der 44-Jährige – zusammen mit dem Journalisten und Autor Rocco Thiede – diese Erfahrungen zusammengetragen.

Am heutigen Freitag, 19 Uhr, stellen sie das Buch im Theater Aufbau Kreuzberg (TAK) an der Prinzenstraße 85 vor. Das nah an der Wirklichkeit bleibende Werk beschreibt nicht nur die abenteuerlichen Einsätze, sondern schildert auch den teils schwierigen Alltag auf seiner Wache in Lichtenberg und die eher unspektakulären Erfahrungen, die Feuerwehrmänner machen.

Da sind zum Beispiel die sogenannten „verrückten Brüder“: Zwei arbeitslose Männer, die zusammen wohnten und mehrmals die Woche wegen Lappalien bei der Notrufzentrale anriefen. Oder die Dutzenden voreiligen Notfallmeldungen, weil Opa oder Oma nicht rechtzeitig zum Kaffee am Sonntag kamen. Etwa 80 Prozent der Einsätze der Feuerwehr fänden im Rahmen der Rettung statt, schreibt Eschke. Viele entpuppen sich als Fehlalarme. Bei anderen geht es wirklich um Leben und Tod.

Schädel-Hirn-Trauma in der Disco

So zum Beispiel ein Einsatz in Lichtenberg an einem Wochenende. „Ein Discounfall“, wie ihn Eschke nennt. Dabei wurde ein 19-jähriges Mädchen schwer verletzt. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Eschke hielt ihren Kopf die ganze Fahrt bis ins Virchow-Klinikum fest. „Das war so ein Ereignis, das ich nie vergessen habe“, sagt Eschke. Es war auch einer der wenigen Einsätze, wo er sich im Nachhinein nach dem Zustand einer Person erkundigte. Ansonsten verfolgt er eine andere Devise.

Als Feuerwehrmann benötigt man eine gewisse Distanz, sagt er. Nur so könne man handlungsfähig bleiben. Und nur so könne man lernen, mit dem Tod umzugehen. Schuldgefühle, weil jemand nicht überlebt hat, sollten gar nicht erst aufkommen. „Solange wir unseren Job gut gemacht haben, ist alles in Ordnung“, meint er. Manchmal sterben eben Menschen. Manchmal nehmen sie sich das Leben. Beides hat er schon oft gesehen.

In seinem Buch wird deutlich, wie Eschke und seine Kollegen mit Witzen selbst die ernstesten Momente durchbrochen haben. Sicher sei das eine Art Galgenhumor. Aber als Abbaumechanismus oder Ausgleich für die belastende Arbeit hat Eschke es nie empfunden.

Seine Sprache zeigt, wie nahe er mit seinem Einsatzteam verbunden war. Nicht auf „einen Kollegen“ wird verwiesen, sondern „Uwe“ oder „Steffen“ werden zitiert. „Auf der Wache war es wie im Ferienlager“, sagt Eschke. Dagegen hätten es Frauen bei der Feuerwehr schwer. „Bist du hübsch, wirst du angemacht. Lässt du das nicht zu, bist du eine Eingebildete. Lässt du es schon zu, hast du auch irgendwann verloren“, so der 44-Jährige. Gut findet er das nicht, aber vertretbar. Als Feuerwehrmann sollte man eben einiges aushalten können. „Früher gab es auch mehr so Typen. Die haben mit angepackt, aber nicht nach dem Regelwerk“, sagt Eschke.

Risiken hinterlassen Spuren

Er selber sei auch „so ein Typ“ gewesen. Seinen Spitznamen „Asche“ bekam er, weil er so selten wie möglich seine Uniform und seinen Helm gereinigt hat. Und vorsichtig war er auch nicht immer. Bei einem großen Dachstuhlbrand ist Eschke ungesichert auf einen Schornstein geklettert.

Doch die Risiken, die Feuerwehrmänner eingehen, hinterlassen ihre Spuren. Nach zwei Arbeitsunfällen war sein Knie kaputt, und er ging in Rente. „Das ist halt so“, sagt er achselzuckend. Auf seine Leistung als Feuerwehrmann und die seiner Kollegen sei er immer noch stolz und er spricht gerne über die alten Zeiten. So kam er auch zum Schreiben. Und Geschichten aus dem wahren Leben, so meint Eschke, sind spannender als jeder Roman. Nun ist der Cowboy-Träumer also auch Autor.

Andreas Eschke: „Asche – Aus dem Leben eines Feuerwehrmanns“, Aufbau Verlag, 8,99 Euro