BVG-Busse

Opposition will Einstieg durch Hintertür wieder erlauben

Seit 2004 dürfen Fahrgäste in den Bussen nur noch durch die Vordertür einsteigen. Laut BVG bringt das Millionen an Mehreinnahmen. Doch Grüne und Piraten wollen die Regel kippen – weil sie Zeit kostet.

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Der Mann will einen Fahrschein für eine Kurzstrecke. Der Busfahrer guckt skeptisch auf den 50-Euro-Schein: „Und darauf soll ich jetzt rausgeben?“ Aber er hat heute gute Laune. Während er nach Scheinen zum Wechseln kramt, wartet gleichzeitig ein Dutzend anderer Fahrgäste in der Schlange auf Einlass. Die Zeit verrinnt.

Das Warten gehört dazu. Seit 2004 ist der Einstieg in die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nur noch durch die Vordertür erlaubt. Fahrgäste mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer ausgenommen. „Gefühlt hat sich die Aufenthaltsdauer an den Haltestellen dadurch verlängert, und die Busse sind unpünktlicher geworden“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der Piraten, Andreas Baum.

Der Opposition im Abgeordnetenhaus brennt das Thema auf den Nägeln. Nach den Grünen erwägen nun auch die Piraten, einen Antrag auf Abschaffung der Regelung einzureichen.

Schwierig dabei ist, dass das Problem tatsächlich ein gefühltes und offenbar nicht zu beziffern ist. Das geht zumindest aus den Antworten des Senats auf eine schriftliche Anfrage von Baum hervor. So sei es nicht möglich, die Auswirkungen des obligatorischen Vordereinstiegs auf die Durchschnittsgeschwindigkeit der Busse darzustellen.

Keine Verspätungen laut BVG

Dabei hatte Baum lediglich nach den Geschwindigkeiten vor und nach der Einführung gefragt. „Die Antworten waren sehr allgemein gehalten und nicht besonders hilfreich“, sagt Baum.

Laut BVG sind die Busse in den letzten zehn Jahren höchstens zwei Kilometer pro Stunde langsamer geworden. Dafür kann es viele Gründe geben: mehr Baustellen, mehr Staus, mehr zugeparkte Busspuren. Das Unternehmen ist sicher: Die Regelung verursacht keine Verspätungen. Und die Einnahmen sind gestiegen, die Schwarzfahrerquote dagegen gesunken.

Denn die BVG vertraut darauf, dass ihre Fahrer an der Vordertür als Kontrolleure durchgehen. Obwohl man den meisten bekanntermaßen auch seinen Bibliotheksausweis hinhalten kann – und trotzdem durchgewunken wird. „Es gibt dennoch einen psychologischen Effekt“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Im Unternehmen reagiert man inzwischen fast genervt auf das Dauerthema. „Durch den Vordereinstieg haben wir ein Plus von 4,6 Millionen Euro“, sagt Reetz. Viel Geld.

Eine zusätzliche Einstiegsmöglichkeit in den hinteren Türen würde nichts bringen, schließlich müsste man auch dort warten, bis alle Fahrgäste ausgestiegen seien. Außerdem hätten die Fahrer die Möglichkeit, die Fahrgäste in Sonderfällen auch hinten reinzulassen. Bei großen Reisegruppen etwa.

Ungünstige „Flaschenhalssituation“

Die Berliner Grünen begründen ihre Ablehnung so: Durch den Vordereinstieg stauen sich die Fahrgäste, obwohl im hinteren Bereich des Busse noch ausreichend Platz ist. Diese „Flaschenhalssituation“ verursacht Verzögerungen und Verspätungen. Die 4,6 Millionen Euro Zusatzeinnahmen hält der Grünen-Verkehrsexperte Stefan Gelbhaar zudem für „nicht real“. Gerade in großem Gedränge seien Kontrollen durch die Fahrer eben nicht möglich.

Zudem sei die Angst, vom Fahrer wegen eines ungültigen Fahrscheins abgewiesen zu werden, nicht so groß wie die Folgen einer „echten Kontrolle“. Mit denen hält sich die BVG aber bislang zurück, pro Tag sind Kontrolleure auf gerade mal einer Buslinie unterwegs. In Expertenkreisen wird auch angezweifelt, dass die BVG in den letzten zehn Jahren nicht doch mit Fahrplananpassungen reagiert hat.

Unterstützung erhält die Berliner Opposition vom Fahrgastverband Igeb. „Besonders bei den Gelenkbussen tritt der Längenvorteil erst dann auf, wenn alle Türen genutzt werden können“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Zudem setzt die BVG in Zukunft auf Busse, die nicht für Gedränge gemacht sind. Die neuen Leichtbau-Busse aus den Niederlanden haben einen sehr engen Eingangsbereich; der kürzere Doppeldecker, der ab Dezember erprobt wird, nur eine Treppe zum Oberdeck. Die gegenseitige Behinderung von ein- und aussteigende Fahrgästen könnte die Folge sein – inklusive Verspätungen.

Leipzig als Vorbild

Im Mai wurde ein Antrag der Grünen abgelehnt. Gelbhaar berichtet von einer chaotischen Sitzung des Verkehrsausschusses. „Das einzige echte Argument war das finanzielle“, sagt er. Daneben hätte Rot-Schwarz auch Sicherheitsgründe angeführt. Etwa, dass Graffiti-Sprayer sich unbemerkt durch die hinteren Türen schmuggeln würden. „Also ob ein Sprayer mit der Dose in der Hand in den Bus steigt“, so Gelbhaar.

Igeb und Opposition könnten sich eine Zwischenlösung vorstellen. So müssen Fahrgäste in Leipzig seit ein paar Jahren zwar auch durch die Vordertür. Auf stark frequentierten Linien aber nur zwischen 20 und 6 Uhr. Funktioniert super, sagen sie bei den Leipziger Verkehrsbetrieben. Es habe aber gedauert, bis alle Fahrgäste die Ausnahme kannten.

Die BVG schaut lieber nach London und Paris. Dort werde der Vordereinstieg sehr erfolgreich gelebt. Allerdings werden dort auch weniger Tickets direkt beim Fahrer gekauft. In London ist dies bei manchen Linien gar nicht möglich, in Paris darf man mit dem Ticket nicht mehr umsteigen, es ist also weniger attraktiv.

Doch Automaten an allen 5733 Bushaltestellen sind für die BVG wohl keine Option, ebenso in den rund 1300 Fahrzeugen. Die BVG-Fahrer müssen also vielseitig bleiben, als Kontrolleure und Verkäufer. So wurde im Jahr 2013 jeder dritte Bus-Fahrschein beim Fahrer gekauft.