Nahverkehr

„Berlin ist eine ganz besondere Stadt - und der Verkehr ist es auch“

Busse und Straßenbahnen der BVG werden jetzt von einer gemeinsamen Leitstelle von Lichtenberg aus gesteuert. Bus-Chef Martin Koller hofft auf mehr Pünktlichkeit und bessere Fahrgastinformation.

Foto: Amin Akhtar

Martin Koller kennt den Ärger seiner Fahrgäste. Wenn sie wieder mal warten müssen, weil etwa der Bus zwar laut Plan alle fünf Minuten fährt, von ihm aber auch nach 15 Minuten weit und breit nichts zu sehen ist. „Berlin ist eine ganz besondere Stadt und der Verkehr ist es auch“, sagt Koller dazu. Und er meint: Beinahe jeden Tag erlebt er neue Überraschungen und Hindernisse, die den von seinen Fachleuten monatelang ausgetüftelten Fahrplan in kürzester Zeit durcheinander bringen.

„Mal ist es ein Verkehrsunfall, dann steht plötzlich ein Lieferwagen mitten in der Busspur, und kurz darauf legt eine Demonstration für Stunden die halbe Innenstadt lahm“, sagt er. Von den zahllosen Baustellen in der Stadt mag Koller gar nicht erst reden. Und mittendrin, da stecken sie - seine Busse. Und die, die gerade an der nächsten Haltestelle vergeblich auf einen von ihnen warten, schimpfen über die wieder mal so unzuverlässige BVG. So ungerecht kann die Welt manchmal sein.

Eine der größten Busflotten in Europa

Seit Herbst 2010 ist Martin Koller Direktor des BVG-Betriebsbereichs Omnibus. Der 47 Jahre alte Ingenieur ist damit Chef einer der größten Busflotten in Europa. Mehr als 1300 große und kleine „Gelbe“ sind in Berlin unterwegs, um jeden Tag deutlich mehr als eine Million Stadtbewohner und Touristen kreuz und quer durch die Stadt zu transportieren. Mehr schafft in Berlin nur noch die U-Bahn, die an Spitzentagen bis zu 1,6 Millionen Fahrgäste befördert.

Die U-Bahn ist dabei nicht nur schneller, sondern oft auch viel pünktlicher als der Omnibus. Knapp 98 Prozent aller Züge fahren laut Plan, bei den Bussen kommt jeder sechste zu spät an. „Aber die Kollegen haben es auch ein wenig leichter“, sagt Koller mit einem Augenzwinkern. Bei ihnen falle höchstens mal bei einem Sturm ein Baum auf die Schienen, seine Busse hingegen stehen im alltäglichen Stau.

Eine logistische Herausforderung

Diejenigen, die trotz des Trubels auf Berlins Straßen dafür sorgen, dass immerhin doch noch rund 85 Prozent der Busse ihr Ziel pünktlich erreichen, sind die rund 70 Mitarbeiter der Leitstelle. Gerade sind sie umgezogen, so ziemlich als Letzte aus der alten BVG-Zentrale am Kleistpark in Schöneberg raus nach Lichtenberg. Ein solcher Umzug mitten im normalen Tagesgeschäft ist laut Koller „eine riesige logistische Herausforderung“. Die BVG-Kunden hätten ihn aber so gut wie nicht zu spüren bekommen. „Gerade mal zwei Stunden war Daisy, unser Fahrgastinformationssystem an den Haltestellen, abgeschaltet gewesen“, berichtet Projektleiter Andreas Veit. Allerdings gab es in der Folgezeit Ausfälle bei den Anzeigen – wegen der Softwareumstellung.

Komplette Neustrukturierung

Der Bus-Chef der BVG selbst erhofft sich viel von dem Umzug seiner Leitzentrale: „Mehr Pünktlichkeit, eine bessere Information der Fahrgäste und vor allem auch zufriedenere Mitarbeiter.“ Es habe schließlich nicht nur einen einfachen Ortswechsel gegeben, sondern eine komplette Neustrukturierung. Vorher habe es bei der BVG außerhalb des U-Bahn-Bereichs fünf Leitstellen an vier verschiedenen Standorten gegeben.

Eine für den Bus, eine für die Straßenbahn, eine für die Infrastruktur, eine für die Technik und noch eine Zentrale Leitstelle. Jetzt gibt es eine gemeinsame Leistelle für den gesamten Oberflächen-Verkehr der BVG, nur die Untergrund-Bahn wird als relativ autarkes System mit besonderen rechtlichen Vorschriften weiterhin extra gesteuert. „Alle anderen sitzen jetzt hier unter einem Dach“, sagt Koller.

Direkter Kontakt zu den Busfahrern

Dieses Dach gehört zu einem schlichten Zweckbau auf dem BVG-Betriebshof an der Lichtenberger Siegfriedstraße. Dort war vorher schon die Leitstelle für die Tram, nun sind die Kollegen vom Bus und von der Infrastruktur mit eingezogen. Wenn sie aus den Fenstern schauen, können sie auf der einen Seite die Straßenbahnen vom Hof fahren sehen, auf der anderen stehen die Busse in Reih und Glied. Für Thomas Unger, Chef der Leitstelle, ist das eine ganz wichtige Änderung im Arbeitsalltag. „In der alten, verwinkelten Zentrale haben die Kollegen meist nur auf eine Hauswand und wenn sie Glück hatten, in den Park geschaut. Jetzt haben sie einen direkten Kontakt zu denen, deren Arbeit sie tagtäglich koordinieren“, sagt er.

Ein ganz neues Gefühl sei das. Doch auch die unmittelbaren Arbeitsbedingungen hätten sich gegenüber der alten Leitstelle an der Potsdamer Straße spürbar verbessert. „Es gibt mehr Licht, mehr Platz, einen tollen Rundumblick und zudem einen modernen Sozialraum für die Pausen.“ All das, so hofft Projektleiter Veit, entschädige für den längeren Weg zur Arbeit, den viele Kollegen nun hätten. Er selbst benötige von Zehlendorf aus bis zu anderthalb Stunden, um nach Lichtenberg zu kommen. „Aber das Arbeiten hier ist schon ein ganz anderes Niveau.“

24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr

Die Leitstelle ist komplett neu ausgerüstet, modernste Technik wurde eingebaut. Gearbeitet wird hier im Schichtbetrieb - 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Jeder Disponent hat sechs Monitore vor sich, über die koordiniert er den Einsatz von bis zu 200 Kollegen. Über Funk gibt es Kontakt mit jedem Bus, der in der Stadt unterwegs ist. Jede Abweichung vom Plan wird auf dem Bildschirm angezeigt. Und wie wird da reagiert? „Wenn da einer über längere Zeit die Busspur zustellt, wird die Polizei gerufen. Wenn es auf einer Linie dann doch zur Pulkbildung kommt, wird auch schon mal eine Kurzwende veranlasst“, so Unger.

Dauerärgernis Rudelbildung

Die Pulk- oder auch Rudelbildung ist eines der Dauerärgernisse im Berliner Busverkehr. Busse, die eigentlich im Abstand von vier, fünf oder zehn Minuten fahren sollen, kommen erst minutenlang überhaupt nicht und fahren dann einer hinter dem anderen. Betroffen sind vor allem sehr lange Linien, die quer durch die Stadt führen, wie etwa der berühmte „Bus der Hölle“, der M29. Bekannte „Problemlinien“ sind aber auch der M27 oder der M41. Eine Baustelle, ein Unfall, eine kurze Demonstration oder einfach nur eine ungünstig programmierte Ampel reichen schon aus, um einen Bus aus dem Plan zu bringen.

Kommt er einige Minuten später, warten an den Haltestellen dann oft mehr Fahrgäste als normal. Genervt vom Warten, drängen diese dann natürlich in den häufig bereits vollen Bus hinein. Die Folge: Der Halt dauert deutlich länger als eingeplant, die Verspätung wird immer größer. Dahinter fahrende, wiederum oft fast leere Busse schließen dann auf den langen Strecken irgendwann auf. Das bei allen Verkehrsleitern gefürchtete Rudel ist da.

Eines der wenigen Gegenmittel ist dann die Kurzwende. Das heißt, der Bus fährt nicht bis zur Endhaltestelle, sondern dreht früher schon um und fährt in die Gegenrichtung. „Aber das ist auch keine einfache Sache. Sagen Sie den Fahrgästen mal, dass sie aussteigen und auf den nächsten Bus warten sollen“, sagt Andreas Veit, der viele Jahre selbst als Busfahrer in der Stadt unterwegs war.

Bessere Fahrgastinformation

Die allermeisten Umstände, die zur Pulkbildung führen, könnten von der BVG nicht beeinflusst werden, betont Bus-Chef Koller. Von der Neuorganisation der Leitstelle erhofft er sich aber dennoch, im Alltagsbetrieb besser auf die unterschiedlichen Probleme reagieren zu können. Dazu haben Koller und sein Straßenbahn-Kollege Klaus-Dietrich Matschke auch drei ganz neue Funktionen in der Leitstelle geschaffen. Zum Beispiel die eines Multidisponenten, der bei größeren Störungen verkehrsmittelübergreifend reagieren kann.

Wenn etwa eine Straßenbahn entgleist und eine komplette Strecke blockiert, können nur rasch eingesetzte Busse helfen. Ebenfalls neu sind die seit dem 1. September besetzten Stellen eines zentralen Manager für die interne Kommunikation sowie eines Managers für die Fahrgastinformation. Der soll sich vor allem um einen besseren Einsatz der rund 700 Daisy-Anzeigen an den Haltestellen kümmern, mit denen die Fahrgäste nicht nur über die nächste Abfahrtszeit, sondern auch über Betriebsstörungen und Fahralternativen informiert werden können.

Neues Info-System

Zu seinen Aufgaben gehört auch die schnelle Information auf der gerade neu gestaltete Webseite der BVG (www.bvg.de) und über die vor Kurzem gestarteten BVG-App für Smartphones. Noch Zukunftsmusik ist der Ausbau der Information in den Fahrzeugen selbst. Dort sollen künftig nicht nur das Linienziel und die nächsten Haltestellen angezeigt werden, sondern auch Störungsfälle und Umsteigemöglichkeiten. Die Flexity-Straßenbahnen und alle neuen Busse haben schon die dafür notwendigen Rechner und Bildschirme an Bord. Einen Starttermin für das neue Info-System will Koller noch nicht nennen: „Aber das wird keine fünf Jahre mehr dauern.“