Krebskrank

Wie eine Berlinerin gegen ihren Krebs namens „Henry“ kämpft

Die Berlinerin Janine Schmidt geht einen ungewöhnlichen Weg, um ihre Krebserkrankung zu verarbeiten und anderen Betroffenen Mut zu machen. Sie nennt den Krebs „Henry“, bloggt und druckt T-Shirts.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Mensch, die Frau muss ja einen furchtbaren Freund gehabt haben!“ Kommentare voller Mitleid bekam Janine Schmidt, als sie mit ihrem Blog #fuckoffhenry vor acht Monaten begann. Ein Missverständnis. Die 32-Jährige lächelt darüber. Henry ist nicht ihr Ex und sie wäre wohl auch nicht auf die Idee gekommen, ihr Beziehungsleben in einem Blog breitzutreten. Nein, Henry hat sie das Non-Hodgkin-Lymphom genannt, das bei ihr im Sommer 2013 diagnostiziert wurde. Es ist eine seltene Krebserkrankung, bei der das lymphatische System, das auch für das Immunsystem verantwortlich ist, befallen ist. In Deutschland macht das Non-Hodgkin-Lymphom etwa drei Prozent aller Krebserkrankungen aus. Betroffen sind meist ältere Menschen, Männer häufiger als Frauen.

Janine Schmidt, 31 Jahre, PR-Beraterin, viel unterwegs, selten krank, ein lebensfroher Mensch. Die Diagnose ist ein Schock für die junge Frau. Aber sie wollte sich nicht der Verzweiflung hingeben, sie wollte kämpfen. Darum hat sie ihrem Krebs, ihrem Gegner, einen Namen gegeben, Henry, und ihm eine Kampfansage gemacht: fuck off Henry. „Der Name ist Zufall, er kam mir auf einmal in den Sinn, ich kenne keinen Henry“, beteuert sie. Aber der Name hat ihr geholfen, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen, ihr auf Augenhöhe zu begegnen. „Es ist viel leichter für mich, über Henry zu sprechen als über den Tumor, den Krebs.“

Eine Chance, das Leben umzukrempeln

Sie hat viel mit Henry gesprochen. Mit sich, mit der Familie, mit Freunden, und dann fing sie an zu bloggen. „Der Blog ist für mich wie eine Selbsttherapie.“ Hier erzählt sie über den Umgang mit der Krankheit, über den Moment, als sie von der Krankheit erfuhr, von einem Leben ohne Haare und auch von den Momenten, die ihr Mut gemacht haben. Längst ist der Blog für Janine Schmidt zu einer Lebensaufgabe geworden. Sie will in ihm vor allem anderen Betroffenen Mut machen. Und als Mutmacher versteht sie auch die T-Shirts mit dem Aufdruck #fuckoffhenry, die sie seit Kurzem über die Internetplattform DaWanda verkauft. Geld verdienen mit der eigenen Krebserkrankung? Sie wehrt ab. Nein, es seien vielleicht 30 oder 40 Stück, ein Geschäft mache sie damit nicht. Außerdem fließt ein Teil des Erlöses an die DKMS Life, eine Schwester der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), die für Krebspatientinnen kostenlose Kosmetikseminare anbietet. Wie wichtig es für Betroffene ist, eine entsprechende Beratung zu bekommen, hat Janine Schmidt selbst erfahren.

Auf die Idee mit den T-Shirts kam sie durch ehemalige Kolleginnen. Sie hatten sich den Slogan „fuckoffhenry“ auf T-Shirts drucken lassen und sie angezogen, als sie Janine Schmidt in der Klinik besucht haben. „Damit haben Sie mir eine riesige Freude gemacht.“ Und von der Kraft, die sie daraus gezogen hat, möchte sie nun etwas weitergeben. Der Satz, kleingedruckt unter dem Slogan #fuckoffhenry meint sie positiv: Life is like a Rollercoaster. Das Leben ist eine Achterbahn. Auch wenn es mal im Steilflug nach unten geht, führt der Weg auch wieder nach oben. So war es ja auch bei ihr.

Zwei große weiße Punkte im Brustraum

Alles fing harmlos an. Sie hatte gerade viel Stress im Job und damit erklärte sie sich ihre Mattigkeit, die sie auf einmal im Frühjahr letzten Jahres überfiel. Sie bekam auch schlecht Luft und oft Seitenstiche, wenn sie mal schneller lief, das fand sie schon merkwürdiger, schließlich machte sie Sport. Also ging sie zum Hausarzt. Der fand das alles noch merkwürdiger als seine Patientin und machte ein Blutbild. Der Entzündungsmarker lag bei 300, normal ist unter fünf. Der Hausarzt schickte sie weiter zum Facharzt. „Auf dem Praxisschild stand Onkologie, Hämatologie, aber ich dachte, das hat nichts mit mir zu tun, die haben eben die richtigen Geräte.“ Sie wurde zur Computertomografie geschickt. Dann saß sie im Besprechungszimmer. Ihr Blick fiel auf das CT-Bild. „Zwei weiße große Punkte habe ich gesehen, und selbst ich als Laie habe gedacht: Die gehören da nicht hin.“ Zwei Ärzte saßen ihr gegenüber. Zwei gleich, dachte sie, als hätte das alles immer noch nichts mit ihr zu tun. Der eine Arzt kam um den Tisch herum, setzte sich neben sie, malte mit einem Stift einen großen Kreis auf das CT-Bild, das ihren Brustraum zeigte. Er sprach von Lymphom. „Was ist das?“, fragte sie. Dann fiel das Wort: Krebs.

„Ab dem Moment habe ich nichts mehr mitbekommen. So als hätte jemand einen Rollladen in mir heruntergelassen.“ Tränen kamen ihr erst, als sie zu Hause in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg saß. Und da sagte sie auch wohl zum ersten Mal den Satz: „Fuck off Henry!“ Heute sagt sie: „Henry hat mir ja auch die Chance gegeben, mein Leben auf links zu krempeln.“ Dankbar sei sie Henry natürlich nicht, aber er ein Signal habe er ihr gegeben, dass sie so nicht weiterleben könne.

Aber viel Zeit zum Nachdenken und Umkrempeln hatte sie erst einmal nicht. Zwei Tage später schon hatte sie den Termin für die Biopsie. Als sie aus der Narkose erwachte, standen ihre Eltern an ihrem Bett. Dafür war sie dankbar, denn die Diagnose, die die Ärzte ihr gaben, war heftig: Ein Non-Hodgkin-Lymphom, viertes Stadium – in der Skala gibt es überhaupt nur vier Stadien. Die Chemotherapie müsse schnell beginnen und würde stationär stattfinden. „Wir müssen mit Kanonen auf Spatzen schießen“, sagte der Arzt.

18 Wochen Chemotherapie: „Es war die Hölle“

Janine Schmidt fühlte sich doch nicht krank, nur schlapp, und auf einmal sollte sie todkrank sein? Die 18 Wochen Chemotherapie haben sich angefühlt, als hätte jemand in ihrem Leben den Pausenknopf gedrückt, „als wären die Gehirnzellen eingefroren“. Sechs mal musste sie in die Klinik, jeweils fünf Tage am Stück bekam sie Infusionen. „Es war die Hölle.“ Vielleicht wie ein Doppellooping ohne Haltegriff. Aber ans Aufgeben, daran habe sie nie gedacht. Und ihren Humor hat sie sich auch nicht nehmen lassen. Die Infusionen zum Beispiel, die nannte sie wegen der Farbe immer Aperol Spritz.

Sie sprach offen über ihre Gefühle und das machte es auch für ihr Umfeld leichter, mit der Krankheit umzugehen, glaubt sie. Das gab dann auch den Anstoß für den Blog. So viele hatten Anteil an ihrem Schicksal, aber als sie aus dem Krankenhaus war, schaffte sie es nicht, jedem eine E-Mail zu schreiben. Sie fing an auf Facebook zu posten und als sie merkte, dass auch Menschen, die sie gar nicht kannte, darauf positiv reagierten, entschloss sie sich zu bloggen.

Auch über den Tag hat sie geschrieben, der für sie wie ein zweiter Geburtstag ist: der 9. Mai. An diesem Tag erfuhr sie, dass sich das Non-Hodgkin-Lymphom zurückgebildet hat. „Henry ist nicht weg, seine Hülle ist noch als vernarbtes Gewebe da, aber er ist nicht mehr aktiv“, beschreibt sie. Das Gefühl nach diesem Arztbesuch ist für sie wohl der schönste Teil auf der Achterbahn: die Fahrt nach oben mit dem Blick in die Weite, in die Zukunft. Ihr erster Impuls nach diesem Arzttermin ist ein Klassiker: Sie wollte zum Friseur. Aber ein neuer Haarschnitt funktionierte im Mai mangels Masse nicht wirklich. Also entschloss sie sich, ein Tattoo machen zu lassen. Weil ihr davon aber so bald nach der Krebsbehandlung abgeraten wurde, hat sie eben eine eigene Geschäftsidee entwickelt: Fonry, abgeleitet von Fuckoffhenry, temporäre Tattoos.

Ein neues Leben in Entschleunigung

Entschleunigung und Diese Idee ist nur ein Beispiel für die Energie, die Janine Schmidt heute wieder hat. „Ich bin glücklich“, sagt sie und habe viel in den vergangenen Monaten gelernt: „Ich höre mehr auf mich und nehme alles bewusster wahr.“ Aber das heiße nicht, dass sie ihr Leben deshalb auf den Kopf stellen müsse. Noch im September fängt sie wieder an, als PR-Beraterin zu arbeiten, wenn auch mit anderem Tempo. „Entschleunigung ist ganz wichtig für mich geworden.“

Ihren Blog will sie erst einmal weiterführen. „Henry ist Teil meines Lebens geworden, er wird mich immer begleiten, auch wenn er von Tag zu Tag mehr an Bedeutung verliert.“ Die Umschläge mit den großen Röntgenaufnahmen stehen an der Wand hinter ihrem Schreibtisch. Sie sind griffbereit, wenn sie sie brauchen sollte, aber sie sind nicht in ihrem Blickfeld.

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