BVG

Mit Fahrgefühl - Berlins dienstältester Busfahrer geht in Rente

Mehr als 40 Jahr war Detlef Hilbrecht Busfahrer bei der BVG. Er kennt die Stadt wie kein anderer, hat Promis und Touris erlebt und wurde zusammengeschlagen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Foto: Reto Klar

Ein Doppeldecker wurde ihm zugeteilt, Detlef Hilbrecht zögert nicht lang, Scheibe auf, der Arm hängt lässig raus. So kurvt er über den Betriebshof Cicerostraße. Gelernt ist gelernt. 41 Jahre ist Hilbrecht als Busfahrer für die BVG gefahren, am letzten Sonntag ging es mit 65 Jahren in die Rente. Damit hat die BVG ihren dienstältesten Fahrer verloren.

Und ein Berliner Original. Und Original nicht nur, weil er in den letzten Jahren ständig mit Wolfgang Thierse verwechselt wurde. Der Bart, die etwas zauseligen Haare, die Baskenmütze.

„Tach, Herr Thierse. Wie oft habe ich det jehört. Wenn Fahrgäste sagten: ,Sie sehen ja aus wie Wolfgang Thierse’, sach ich: „Irrtum! Thierse sieht aus wie ich.“

Was genau ist ein Berliner Original? Selbstbewusst, schnell im Kopf und ein bisschen knorzig. Lässt sich die Butter nicht vom Brot klauen. Und meckern?

„Meckern ist wichtig. Nett sein kann jeder“, sagt Hilbrecht. Könnte glatt das Motto Berlins sein.

Die Berliner Busfahrer – eine Spezies für sich. Jeder, der hier länger lebt, hat eine Geschichte auf Lager. Von Busfahrern, die am Flughafen Tegel durch das Mikro arme ausländische Touristen zusammenstauchen, weil die nicht nur mit dem Jetlag, sondern auch mit der hochempfindlichen Türschranke kämpfen. Von Fahrern, die einen erbarmungslos im Regen an der Haltestelle stehen lassen; man kam angerannt, eben war die Tür noch offen, aber als der Bus nur noch eine Armlänge entfernt war, schlossen sich plötzlich die Türen und der Fahrer gab Gas. Aber auch von Fahrern, die einen – völlig unerwartet – anlächeln und durchwinken. Freifahrt. Einmal, bei einem Fahrerwechsel, stieg am Wittenbergplatz morgens ein frischer Fahrer ein. Er hatte so unverschämt gute Laune, plauderte mit jedem Fahrgast, dass seine Fracht völlig verschüchtert hinten im Bus saß. Ein BVG-Busfahrer als Feuerwerk der guten Laune? Das kann schon ziemlich verunsichern. Aber meistens kann man sich ja drauf verlassen, dass Berliner Busfahrer eher schlecht gelaunt sind.

„Ich gestehe, auch ich bin davon nicht ganz frei. Jeder Mensch ist nicht immer gut drauf. Fünfmal ist er mit dem linken Bein aufgestanden. Ist mir auch passiert.“

Manchmal ist das auch verständlich. Seit 1973 fuhr Hilbrecht für die BVG, aber so wie jetzt war es noch nie. „Auf der Straße herrscht seit mehreren Jahren Krieg“, erzählt der ehemalige Busfahrer. Autofahrer, Busfahrer, Fahrradfahrer – alle schneiden sich gegenseitig. Man nehme kaum mehr Rücksicht aufeinander. Die Busspur ist zugeparkt, die Radfahrer rasen bei Rot über die Kreuzung. Dazu kommt, dass die Menschen beim Autofahren zunehmend abgelenkt sind. Pizza auf dem Schoß, Handy am Ohr, Zigarette im Mund. Da sei doch kein Autofahren, schimpft Hilbrecht. Beim Autofahren müsse man sich konzentrieren. Nein, das eigene Auto hat er längst abgeschafft. Auf den täglichen Straßenkampf hat er keine Lust mehr.

„Ich bin ein romantisches Fossil. Ich habe kein Mobiltelefon, noch nie gehabt. Ich habe keinen Computer. Ich habe keinen Fernseher.“

Damit kommt man dem Charme von Detlef Hilbrecht schon viel näher. Denn auch das macht ein Berliner Original aus – es ist charmant. Und das ist Herr Hilbrecht. Nicht nur wegen seiner schiefen Baskenmütze, die schon Ernst Reuter so gerne trug. Und seiner Doppeldecker-Krawattennadel, die einen Nostalgiebus zeigt. Sondern weil er so wunderbar erzählen kann.

„Manchmal habe ich die Linie 29 gehabt, mit der bin ich abends zum Flötenbimmbamm gefahren – zur Philharmonie. Die Philharmonie war immer sehr begehrt, bei mir jedenfalls. Ich bin nicht so sehr für Fußball, andere Kollegen haben sich immer gefreut, wenn es zum Olympiastadion ging. Ich bin immer lieber Philharmonie gefahren. Weil, der Wagen blieb stehen, bis das Konzert zu Ende war. Und was haben se gemacht? Se sind in die Kantine gegangen. Von der Kantine der Philharmonie gibt es einen Gang nach unten zur Bühne. Und Hilbrecht hat immer, wenn es ging, da unten gestanden im Gang zur Bühne. Und hat den Philharmonikern zugehört.“

Ein Busfahrer, der gerne klassische Musik hört. In die Wiege gelegt wurde dem geborenen Reinickendorfer das nicht. Nur 9 Klassen hat er in der Schule gehabt, Volksschule. Noch nicht mal die Mittlere Reife war drin. Denn die Eltern fanden, der Junge sollte schnell Geld verdienen. Also ging er mit 14 Jahren in die Lehre – als Metzger. Die Mutter hatte alles organisiert, da gab es Verdienst und Fleisch umsonst. Wie man halt dachte Anfang der 60er Jahre. „Da stand ich mit vierzehn mit meinen Gummistiefeln, meiner Schürze, meinen Messern in der Fleischerei.“ Seitdem wisse er, was Maloche ist. Richtige körperliche Maloche. „Nach drei Jahren habe ich als Geselle die Schnauze voll gehabt.“ Nie wieder Fleischer. Ein kurzer Abstecher als Kraftfahrer über die Post, dann landete er bei der BVG. Sein Schwiegervater war auch schon da.

„Die Bezeichnung: die BVG ist eine Familie, das ist nicht aus dem Eimer geholt. Das war damals wirklich so. Da hat der Vater hier gearbeitet, der Sohn hat hier gearbeitet. Das war ein Familienbetrieb. Ähnlich wie bei der Mülle.“

Die 70er- und 80er-Jahre sind ein anderes Jahrhundert. Die BVG hatte viel mehr Mitarbeiter. Auch auf dem Betriebshof Cicerostraße war damals deutlich mehr los. Es gab eigene Hoffahrer – Busfahrer, deren einzige Aufgabe war, die Fahrzeuge auf dem Gelände einzuparken und in Schuss zu halten. Das Wort „outsourcing“ kannte damals noch niemand. Manchmal tue es ihm leid, sagt Hilbrecht, dass es für die Kollegen, die dienstuntauglich geschrieben werden, die also nicht mehr im Alltag auf der Straße fahren können, innerhalb der BVG kaum mehr sinnvolle Aufgaben gebe. Weil so viele Arbeitsbereiche inzwischen an Außenfirmen abgegeben wurden. Und Michael Raphaélian, der stellvertretende Sachgebietsleiter vom Cicero-Gelände, steht daneben und nickt. Die Zeiten sind anders. Für Busfahrer heißt das konkret: mehr arbeiten, weniger kosten. Das ist die Realität.

Aber um noch mal auf die Philharmonie zurückzukommen – wenn Karajan dirigierte, war es für die Busfahrer immer ideal. „Wenn Karajan gesagt hat, das Konzert geht bis 22.12 Uhr, dann konnte man um 22.13 Uhr den Motor anlassen.“ Der große Maestro machte pünktlich Schluss, auf die Minute.

Und sonst, die Prominenten der Stadt? Mit Heinz Berggruen, dem berühmten Kunstsammler, hat er eine hübsche Geschichte erlebt, als der am Ku’ damm in seinen Bus stieg. Hilbrecht erkannte ihn gleich und sprach ihn namentlich an. Mit dem Hintergedanken, womöglich eine Führung von Berggruen durch seine Sammlung zu kriegen. „Der machte das manchmal.“ Doch das war dem Kunstkenner zu viel des Guten. Also öffnete er einen Umschlag und zog ein Blatt des Malers Paul Klee heraus, das er gerade an der Fasanenstraße erworben hatte. Ein echter Klee, eine Mini-mini-Führung am Kassenschalter des Busses. Und dann forderte er noch seine 10 Cent Wechselgeld ein, die Hilbrecht in der Aufregung vergessen hatte.

Ku’ damm, Tauentzien. Hilbrecht liebte diese Strecke, hier gab es immer was zu gucken. „Hautewolaute“, sagt er dazu. Mit dem französischen „Hautevolee“ hat das nur entfernt zu tun. Harald Juhnke sei bei ihm auch oft im Bus mitgefahren, vom Grunewald bis zum Theater am Kurfürstendamm. Am Ende mit Seniorenkarte. Aber der wollte nie erkannt werden. Das Ritual war immer gleich: „Juhnke stieg ein, hat immer seinen Hut so ins Gesicht, Kopf runter, zack, Treppe hoch, erster Platz links.“ Das müsse man respektieren, sagt Hilbrecht. Wenn einer sich so zurückzieht.

Und sein letzter Promi? Das war vor wenigen Wochen Ilja Richter. Den hat er gleich beim Einstieg erkannt. „Tach, Herr Richter“, hat er zu ihm gesagt. Man plauderte kurz, „sehr aufgeschlossen“. Richter erkundigte, an welcher Haltestelle er umsteigen müsse, Hilbrecht verspricht, ihn per Mikro zu informieren.

„Und da habe ich gesacht: ,Herr Richter,’ sach ich, ,Spot an – nächste Station.“

Ja, so ein Busfahrer kann für alle ein großer Spaß sein. Mancher Tourist, der auf der Linie 100 mitfuhr, wird sich sicherlich noch gerne an den Mann mit dem Thierse-Bart und der Baskenmütze erinnern.

„Da habe ich manchmal über Mikrofon gefragt: Besteht Interesse an einer Kurzführung? Kinder, wollt Ihr? Oder wollt Ihr nicht? Wenn nein, halte ich die Klappe.“

Meistens war das Interesse da, und dann hat Detlef Hilbrecht kurz erläutert, was links und rechts zu sehen ist. Denn Hilbrecht hat eine weitere Gabe. „Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich nicht das, was ist. Ich sehe das, was war.“ Berlin, diese große Stadt, diese Metropole, deren große Zeit in der Vergangenheit liegt. Dafür hat Hilbrecht ein Auge, Berlin sei seine Leidenschaft, von Kindesbeinen an. Für ihn ist die Historie das Wesentliche. Zur Freude der Touris, die er am Reichstag vorbeikutschierte.

Und so erstaunt es kaum, dass sein größter Moment bei der BVG ein historischer war. „Ich kriege immer noch Gänsehaut“, sagt er. Mit der Linie 100 durch das Brandenburger Tor zu fahren, das hat ihn geprägt. „Die absolute Krönung meines Arbeitslebens.“ Überhaupt sei diese Zeit um die Wende herum eine verrückte gewesen.

„An der Grenze, am Heckmannufer, ich habe den 28er gehabt – und da haben sie die Mauer aufgemacht nach Treptow. Da kam einer raus und sacht zu mir: ,Mensch...’, sacht er, ,...macht doch nicht so ein Gewese...“, sacht er, ,...kauft uns doch auf!’ ,Oh’, sach ich. ,Junge’, sach ich, ,det wird schnell genuch passieren’, sach ich. ,Det wird eher passieren als du dir das erträumst.’“

Gute Busfahrer sind eben lebensklug, die sehen eine Menge auf dem Weg. Und spüren auch, wie sich eine Gesellschaft verändert. Die Menschen sind ungeduldiger geworden, unbeherrschter. „Jetzt machen Sie endlich. Ich bezahle Sie dafür!“ – so etwas musste er sich zuletzt häufiger anhören. Und zu Übergriffen kam es auch. Einmal schüttete ein Fahrgast Kaffee über ihn – Detlef Hilbrecht wollte ihn mit dem offenen Becher nicht mitnehmen. „Sie gerne, den Kaffee nicht.“ Ohne Deckel sei das verboten. „Das ist so. Pumpe.“ Und schwapp, hatte er den heißen Kaffee über Gesicht und Dienstkleidung. Was hat er da gemacht? „So Herrschaften, die Fahrt ist beendet“, hat er ins Mikro gesagt. „Sie können sich bei dem Herren bedanken.“ Der hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Nein, das sei früher nicht vorgekommen. Mit Reglementierung kämen die Menschen zunehmend schwer klar. Dank Handy und Internet können man sich ja jetzt überall beschweren. „M29 - Bus der Hölle“ heißt beispielsweise ein beliebter Blog im Netz. Alles wird fotografiert, gepostet, kommentiert.

Nur eingegriffen wird selten.

Früher, da hätten die Fahrgäste oft die Probleme selber geregelt. Wenn einige Jugendliche frech wurden, dann standen ein Paar Bauarbeiter auf und machten dem Spuk ein Ende. Doch das war das alte Berlin. Die Stadt hat heute kaum noch Arbeiter, weil sie kaum Industrie hat. Und die Handwerker? Die fahren meist Auto. Auch die jungen Türken lassen sich von den älteren Landsleuten nichts mehr sagen. Auf dem Betriebsgelände kommt Hilbrechts türkischer Kollege vorbei, ein guter Freund, der zusammen mit seinem Schwiegersohn den Dienst antritt. Vor rund acht Jahren haben zwei türkische Jugendliche ihn an der Charlottenstraße ganz übel zusammengeschlagen, weil er die Türen an der Ampel Kochstraße/Ecke Friedrichstraße für sie nicht geöffnet hatte. „Da war keine Haltestelle.“ Die Kerle liefen Amok, rannten dem Bus bis zur nächsten Haltestelle hinterher und droschen auf den Busfahrer an. „Da hat er noch mit zu tun. Bis heute“, erzählt Hilbrecht. Und er? Wurde auch vor wenigen Jahren in Steglitz zusammengeschlagen.

„Zwei Jugendliche. Das war der 186er. Da bin ich losgefahren vom Rathaus Richtung Hindenburgdamm. Die haben von oben Bierflaschen aus dem Fenster geworfen, habe ich nicht gemerkt.“

Jemand macht ihn von außen aufmerksam, er will die Kerle stellen und wird krankenhausreif geprügelt. Erst nach einem Jahr erwischt man die Typen. Ist irgendetwas juristisch gefolgt? Nein, Hilbrecht schüttelt den Kopf. Der Staatsanwalt hat die Anklage wegen Nichtigkeit fallen lassen. Besonders gut geschützt fühlt man sich als Busfahrer nicht. Von den Gästen aus dem vollen Bus habe ihm auch keiner geholfen. Bitter.

Verliert man da nicht den Glauben an die Menschheit? Nein, Hilbrecht bleibt gelassen. Nicht er persönlich wurde angegriffen, sondern die Institution – der Busfahrer, die BVG, der Senat. „Ich habe zu den Kollegen gesagt: Du hast eine Dienstkleidung an. Die meinen dich nicht persönlich.“ So sonderbar das klingt, tatsächlich liegt darin bei solchen Übergriffen ein gewisser Trost. Man ist nicht persönlich gemeint. Abends zieht man die Uniformjacke aus, hängt sie an den Haken und macht etwas völlig anderes. Nur so kann man am nächsten Tag wieder in den Bus steigen.

Jetzt hängt Hilbrechts Jacke für immer am Haken. „Es war eine schöne Zeit“, sagt er im Rückblick, trotz allem. Schade. Eine Original weniger.