Operation in Buch

Zum ersten Mal den Geschmack von Eis auf der Zunge

Die beiden Mädchen Veronika und Nastasja kamen mit einer Fehlbildung der Speiseröhre auf die Welt. Die Ärzte hatten sie schon aufgegeben. Jetzt wurden sie erfolgreich im Klinikum Berlin-Buch operiert.

Foto: HELIOS Klinikum Berlin-Buch/Thomas Oberländer

Aufgeregt zeigt Veronika auf die Wand, mit wachen Augen betrachtet sie das Bild, das dort gerade erscheint: Das Foto zeigt sie selbst vor nur wenigen Wochen. Doch das Kind auf dem Bild und das dreijährige blonde Mädchen mit dem gepunkteten Kleid und dem Zöpfchen auf dem Kopf, das da auf dem Schoss seiner Mutter herumturnt, haben kaum Ähnlichkeit. Zwischen ihnen liegt eine der kompliziertesten Operationen, die sich Klaus Schaarschmidt vorstellen kann. „Deshalb ist unser Beruf so schön“, sagt der Chefarzt der Kinderchirurgie im Klinikum Berlin-Buch. „Weil wir schwerkranke Kinder gesund machen können.“

Im August lag Veronika zwölfeineinhalb Stunden vor ihm auf dem Operationstisch. Das kleine Mädchen aus Sibirien litt seit seiner Geburt an einer sehr seltenen und schweren Fehlbildung: Sie kam mit einer zerstörten Speiseröhre auf die Welt. Mit dieser sogenannten Ösophagusatresie wird weltweit ein Kind von etwa 3.500 geboren. Veronikas Fall wurde von Ärzten auf der ganzen Welt bereits aufgegeben und für unheilbar erklärt, ebenso der der zweijährigen Nastasja, die Schaarschmidt mit seinem interdisziplinären Expertenteam ebenfalls im August operierte.

Die Kinder konnten nicht schlucken

Nastasja kam wie Veronika mit einem angeborenen Speiseröhrenverschluss auf die Welt, bisher konnten beide Mädchen weder schlucken noch selbstständig essen und trinken. „Wir haben sie immer mit Spritzen durch eine Öffnung am Bauch gefüttert“, erzählt die sichtlich erleichterte Mutter von Nastasja, Nataša S. „Aber sie wollte oft unbedingt alleine essen. So fiel ihr alles, was sie sich in den Mund steckte, durch die Öffnung am Hals wieder heraus.“

Denn bei nicht funktionierenden Speiseröhren ist die Medizin heute etwa so weit wie vor 100 Jahren, meint Klaus Schaarschmidt. „Schon 1913 ersetzte man die Speiseröhre durch einen vor dem Körper verlaufenden Gummischlauch, der von einem Loch am Hals zu einem Loch im Bauch in den Magen führte.“ Auch Nastasja wurde zwischenzeitlich durch solch eine Vorrichtung versorgt. Allerdings nicht ausreichend. „Als ich die Dreijährige das erste Mal sah, hatte sie Gewicht und Größe eines sieben Monate alten Kindes“, schildert Schaarschmidt. „Beide Kinder waren unterernährt und wuchsen nicht.“

Viele Operationen ohne Erfolg

Viele Operationen mussten Nastasja und Veronika bereits über sich ergehen lassen. Zunächst wurde versucht, die zerstörten Speiseröhren zu nähen, doch die Nähte wurden undicht, bei Nastasja auch nach dem zweiten Versuch. Eiter lief in Brustkorb und Bauch, sie bekam 42 Grad Fieber. Schließlich wurde ihre Speiseröhre komplett entfernt und besagter externer Magenschlauch angebracht. „Durch die vorhergegangenen Operationen gab es bei beiden Mädchen Verwachsungen, deshalb dauerten die OPs noch länger“, erinnert sich Anästhesist Jochen Strauß. „Außerdem reagieren solche Kinder durch die extreme Unterernährung sehr empfindlich auf die Narkose und bekommen leichter Herz-Rhythmus-Störungen.“

Doch beide Operationen verliefen komplikationslos. Die Ärzte entschieden sich in beiden Fällen für einen sogenannten Magenhochzug. Dabei entfernten sie einen Teil des Magens und nähten den verbliebenen Teil, zu einem Rohr geformt, an den Hals. „Das Magengewebe ist der beste Speiseröhrenersatz, denn er wächst genauso schnell wie das Kind“, weiß Schaarschmidt. Das sei beim Dickdarm, der bei Veronika zuvor als Ersatz eingenäht wurde, nicht so. Außerdem stinke es, denn der Kot werde am Hals produziert.

Mädchen können essen, trinken und schlucken

Nun aber können die Mädchen endlich selbst essen, trinken und schlucken. Durch das verkleinerte Magenvolumen müssen sie das häufiger und in kleineren Mengen tun, doch dies wird wohl die einzige Einschränkung in ihrem Leben bleiben. „Das Schlucken klappt gut“, sagt Veronikas Mutter Svetlana U. „Wir haben vorher auch viel trainiert.“ Seit der Operation haben beide Kinder bereits ein Kilo zugenommen. „Ich kann es noch gar nicht glauben“, sagt Nataša S. mit einem Blick auf ihre Tochter. „Dass sie jetzt einfach so alleine nach Essen verlangt. Wir sind so glücklich und dankbar.“ Was Nastasja am liebsten isst? Schokolade? Nein, lacht ihre Mutter. „Würstchen und Schinken!“