SEK-Einsatz

Bewaffneter Mann droht von Kran an der Charité zu springen

Auf einem Baukran an der Charité hatte sich ein Mann verschanzt. Der Bewaffnete drohte, sich in die Tiefe zu stürzen. Erst das SEK konnte ihn nach vielen Stunden Verhandlungen schließlich festnehmen.

Ein offenbar geistig verwirrter Mann hat am Freitag die Berliner Polizei über Stunden beschäftigt. Gegen 23 Uhr am Donnerstagabend erklomm der 39 Jahre alte Mann einen Baukran auf dem Gelände der Charité in Mitte unweit des Bettenhauses und verschanzte sich in dem Führerhaus.

Der Mann behauptete gegenüber der Polizei, im Besitz von scharfen Schusswaffen zu sein. Er drohte, sich aus 100 Metern in die Tiefe zu stürzen. Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) konnten den Mann schließlich nach stundenlangen Verhandlungen zur Aufgabe bewegen und festnehmen. Was der 39-Jährige mit der Aktion erreichen wollte, blieb zunächst unklar.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll es sich bei dem Mann um den bereits polizeibekannten Kai Q. handeln. Er meldete sich selbst telefonisch bei der Polizei und behauptete, drei Schusswaffen bei sich zu haben.

Spezialisten der Polizei verhandelten über ein Mobiltelefon mit dem Mann. „Wir versuchen, ihn so sicher wie möglich herunterzubekommen“, sagte eine Polizeisprecherin am Morgen. Der Mann verlangte telefonisch, einen Rechtsanwalt, einen Arzt und eine Psychologin zu sprechen.

Der skurrile Auftritt des 39-Jährigen zog sich über Stunden hin. Die Polizei hatte das Gelände rings um den Baukran weitläufig abgesperrt. Die Luisenstraße war zwischen Schumannstraße und Robert-Koch-Platz gesperrt worden, auch die Philippstraße blieb abgeriegelt. Das bedeutete eine erhebliche Beeinträchtigung für den morgendlichen Berufsverkehr in dem Bereich. Der Unterricht an der Grundschule Neues Tor musste aus Sicherheitsgründen ausfallen, weil der Kran mit dem mutmaßlich bewaffneten Mann zu nahe an der Bildungseinrichtung steht.

Erfolgreiche Verhandlungen

Nach mehr als zwölf Stunden auf dem Kran konnte der 39-Jährige am Mittag schließlich dazu bewegt werden, die Kabine zu verlassen und sich zum hinteren, kürzeren Teil des Kranauslegers zu bewegen. Danach stieg ein erster SEK-Beamter in die Höhe und überprüfte die Kanzel. Dabei stellte der Polizist zwei nicht scharfe Faustfeuerwaffen sowie zwei Handgranaten-Attrappen sicher. Zwei weitere SEK-Männer kletterten auf den Kran und erreichten die Kabine, einer von ihnen sprach dann den 39-Jährigen an und sicherte ihn schließlich mit einem Seil. Nachdem die Gefahr eines Sturzes weitgehend gebannt war, stiegen die vier Männer nacheinander wieder den Kran herunter.

Etliche Angestellte und Patienten der Charité, deren Bettenhaus derzeit aufwendig saniert wird, verfolgten die Aktion von Fenstern aus und atmeten nach der geglückten Rettung auf. Nachdem der 39-Jährige unversehrt unten angekommen war, wurde er umgehend in einen Notarztwagen geleitet, untersucht und psychologisch betreut. Anschließend wurde der scheinbar verwirrte Mann in ein Krankenhaus eingeliefert.

Mehrfach auf Baukräne gestiegen

Kai Q. war bereits in der Vergangenheit mehrfach auf Baukräne gestiegen und hatte mit Selbstmord gedroht. Wie diese Zeitung erfuhr, hatte Q. im Jahr 2006 einen Kran am Schloßplatz bestiegen und dort zwölf Stunden ausgeharrt. Im selben Jahr war der Mann auf einen Kran in Neuruppin (Kreis Ostprignitz-Ruppin) geklettert und blieb 14 Stunden in der Höhe.

Ebenfalls 2006 stieg Q. auf das Dach der Charité und drohte dabei, sich in die Tiefe zu stürzen. Er wurde daraufhin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Bereits 2002 war Kai Q. nach einem Fahrraddiebstahl von der Polizei gestellt worden. Damals hielt er sich eine Pistole an den Kopf und drohte abzudrücken.

Trotz Polizeiabsperrungen gab es am Freitag nach Angaben der Klinik keine Behinderungen ihrer Arbeit. Der medizinische Betrieb laufe „ohne Einschränkungen routinemäßig“ weiter, hieß es in einer Mitteilung. Gefahr für Patienten bestehe nicht. Weder die Notfallversorgung noch der Operationsbetrieb seien betroffen, sagte Charité-Sprecher Uwe Dolderer. Auch der Zugang zur Rettungsstelle sei für Krankenwagen und Patienten jederzeit gewährleistet gewesen, so Uwe Dolderer weiter.

Richtfest fiel ins Wasser

Abgesagt werden musste allerdings das Richtfest für den Neubau eines Forschungs- und Laborgebäudes für Lebenswissenschaften an der Humboldt-Universität (HU). Es sollte um 11 Uhr auf dem Campus der HU an der Philippstraße in Anwesenheit von zwei Senatoren und dem Universitätspräsidenten stattfinden. Um 10.30 Uhr kam die offizielle Mitteilung, dass das Richtfest „aus aktuellem Anlass“ nicht stattfinden könne. Die Musikband hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Instrumente gestimmt, und auch das Catering war bereits aufgebaut, als plötzlich das Aus für die geplante Zeremonie kam. „Wir haben nicht geglaubt, dass das Gelände so weiträumig abgesperrt wird“, sagte der Projektverantwortliche für den Neubau.

Aber die Philippstraße war weder mit Auto noch zu Fuß zu erreichen. Bereits an der Hannoverschen Straße hatte die Polizei das rot-weiße Flatterband gespannt und die Straße für den Verkehr gesperrt.

Bevor die endgültige Absage kam, hatten die Bauleute noch einen Ersatzstandort für das Richtfest gesucht und gefunden. Der Richtkranz hätte allerdings nicht an dem Gebäude im Rohbau, sondern auf einer grünen Wiese hochgezogen werden müssen. Schließlich fiel das Ereignis ganz aus. Die Sektkorken knallten trotzdem: „Wir können das Buffet ja nicht verkommen lassen“, so der Projektleiter.

Zahlreiche Passanten, die noch ein Stück die Hannoversche Straße nutzen konnten, aber wenige Meter weiter vor der Straßensperre der Polizei standen, waren sauer. „Wir können nicht ins Museum, da oben ist ein Verrückter“, sagte etwa ein Tourist zu seiner Frau. Eine eilige Studentin versuchte verzweifelt, das abgesperrte Gebiet des Charité-Campus Mitte über das Gelände der Humboldt-Uni zu umfahren. Zumeist herrschte aber bei den Schaulustigen die Neugier vor. Sie tauschten Gerüchte um den Mann auf dem Kran aus und schauten furchtsam nach oben.