Neues Chaos erwartet

Bahn und Lokführer streiten weiter – Berlin droht neuer Streik

Der Streik vom Montag könnte der Auftakt für weitere Ausfälle gewesen sein. Denn die Fronten zwischen Gewerkschaft und Bahn sind verhärtet. Die GDL spricht von weiteren „ein, zwei Warnstreiks“.

Foto: Paul Zinken / dpa

Am Morgen danach waren die Folgen noch spürbar: Ein Zug der Linie S7 trat seine Fahrt gar nicht erst an; auch auf die S45 zwischen Südkreuz und Flughafen Schönefeld war nicht wirklich Verlass. „Nur in Einzelfällen ist mit Verspätungen und Ausfällen zu rechnen“, teilte die S-Bahn um 7.15 Uhr mit. Man sei nach dem Streik insgesamt ganz gut in den Tag gekommen.

Wirklich zufrieden konnte die S-Bahn aber nicht sein. Zumal ein Ende nicht in Sicht ist. Der dreistündige Streik vom Montag, der auch den Berliner S-Bahnverkehr ab 18 Uhr weitestgehend lahmgelegt hatte, könnte der Auftakt für weitere Ausfälle gewesen sein. Denn im Tarifkonflikt haben sich die Fronten zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) verhärtet, mehr als ein böses Wort ist bereits gefallen. Beide warten jetzt auf ein Entgegenkommen der Gegenseite.

„Ein, zwei Warnstreiks“

„Wir hoffen, dass die Bahn einlenkt. Wir werden nicht ewig warten“, sagte Frank Nachtigall, GDL-Bezirksvorsitzender für Brandenburg, Sachsen und Berlin. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Lokführer ein neues Angebot erwarten – ansonsten wollen sie den Arbeitskampf fortsetzen. Wann genau es wieder so weit sein könnte, ließ Nachtigall offen. GDL-Chef Claus Weselsky aber ist sicher: „Wir gehen davon aus, dass wir eventuell noch ein, zwei Warnstreiks durchführen.“

Ein verbessertes Angebot hatte die Bahn bereits am Montag vorgelegt. Die GDL, die mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten und besser planbare Dienstzeiten will, lehnte ab. „Wir erwarten, dass die GDL an den Verhandlungstisch zurückkehrt“, sagte DB-Personalsprecherin Dagmar Kaiser. „Wir werden nicht stündlich verbesserte Angebote vorlegen.“ Die Bahn wirft der Gewerkschaft vor allem „Wortbruch“ vor: Noch am Montagmorgen war nur von Streiks überwiegend im Güterverkehr die Rede gewesen – am Ende traf es auch die Berufspendler mit voller Wucht. Wer so mit Kunden und Öffentlichkeit umgehe, sei kein seriöser Partner, erklärte die Bahn. Den Vorwurf der Irreführung konterte die GDL: „Wir haben von Anfang an alle Bereiche zum Streik aufgerufen. Das wollen wir in Zukunft aber besser kommunizieren“, sagte Nachtigall, was bereits wie die Ankündigung für den nächsten Streiks klingt.

Kritik an GDL, aber auch an der S-Bahn

Wie sehr das Berlin treffen kann, war am Montag zu erahnen. Zehntausende Berufstätige waren betroffen, allen voran Brandenburger, die die ausgefallenen Strecken nicht mit U-Bahn oder Bus umfahren konnten. „Die Fahrgäste wurden regelrecht überfahren, keiner konnte sich vorbereiten“, kritisierte Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb. „Das Argument der GDL, dass um 18 Uhr keine Pendler mehr unterwegs sind, ist Unsinn.“ Weil der Streik so kurzfristig kam, konnten den Fahrgästen keine zuverlässigen Abfahrtszeiten mitgeteilt werden. „Dieser Streik war nicht wie eine unserer Baumaßnahmen. Wir konnten nichts planen, sondern nur versuchen, das Beste aus der Situation zu machen“, sagte ein S-Bahn-Sprecher.

Doch auch die S-Bahn muss sich Kritik gefallen lassen. Die Informationen an vielen Bahnhöfen waren mangelhaft, oft wussten die Fahrgäste nicht mal, dass gestreikt wurde. Die nötigen Durchsagen fehlten, auch auf den Anzeigetafeln wurde nicht überall über den Streik informiert. Besonders Touristen waren überfordert. Auch die Idee, einige Fahrzeuge für den planmäßigen Berufsverkehr am Dienstagmorgen frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen, war möglicherweise nicht die beste. Der erst ab 21 Uhr geltende Fahrplan trat so schon um 16.30 Uhr in Kraft. „Das hätte man vielleicht anders lösen müssen“, so Wieseke. „Außerdem hätte die S-Bahn schon vor 16 Uhr umfangreich über den Streik informieren müssen.“ Dazu kam: Es galt nicht mal der angekündigte 21-Uhr-Fahrplan. Die Züge fuhren deutlich seltener, was bei vielen Fahrgästen für Verwirrung sorgte.

Der Streik kratzt am Image der ohnehin oft gescholtenen S-Bahn, und ein weiterer würde dem Unternehmen auch in anderer Hinsicht wehtun: Zugausfälle von über 90 Prozent, wie es sie am Montag gab, vermiesen auch die Pünktlichkeitsstatistik. In dieser hatte die S-Bahn im April erstmals seit Dezember 2008 den im Verkehrsvertrag vereinbarten Zielwert von 96 Prozent erreicht. Liegt sie darunter, werden Strafzahlungen an den Senat fällig.