Berliner Prozess

Wie eine 17-Jährige zur Prostitution gezwungen wurde

Doreen V. lernte ihren Zuhälter über ein Chatportal kennen. Tarik H. gaukelte ihr Liebe vor und brachte sie zur Prostitution, sein Freund Mohammed M. half mit Gewalt nach. Nun stehen beide vor Gericht.

Sie wirken so gar nicht wie Zuhälter, eher wie zwei Gymnasiasten, Sorte „Streber“, die sich im Moabiter Kriminalgericht verirrt haben. Doch der Schein könnte trügen. Dem 19-jährigen Tarik H. und dem zwei Jahre älteren Mohammed M. wird vorgeworfen, ein Mädchen zur Prostitution gezwungen zu haben. Beide sind nun Angeklagte vor einer Jugendkammer. Der Vorwurf lautet Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung.

Tarik H. und die damals 17 Jahre alte Doreen V. (Name geändert) lernten sich im September 2012 über das Chatportal „Badoo“ kennen. Sie schrieben sich, trafen sich, die zierliche Doreen V. soll sich in Tarik H. verliebt haben und mit ihm schließlich auch eine sexuelle Beziehung eingegangen sein.

Bei Tarik H. war die Liebe offenkundig nicht ganz so groß. Er vermied einige Monate lang Begegnungen und hielt mir ihr nur noch Kontakt über das soziale Netzwerk WhatsApp. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen gab es dann doch wieder ein Treffen. Tarik H., so die Ermittlungen, verfolgte einen perfiden Plan: Er soll dem noch immer schwer verliebten Mädchen eine gemeinsame Zukunft vorgegaukelt haben. Allerdings benötige man dafür Geld. Und das wiederum, so sein Vorschlag, könne sie doch als Prostituierte verdienen.

Schläge nach Weigerung

Am 22. September 2013 empfing Doreen V. in ihrer Wohnung am Pieskower Weg in Prenzlauer Berg zum ersten Mal einen Freier. Ihr soll es danach sehr schlecht gegangen sein. Das soll sich auch später nicht geändert haben. Dennoch, so die Anklage, habe sie sechs Tage in der Woche arbeiten müssen. Das verdiente Geld hätten die Angeklagten an sich genommen – insgesamt mehr als 13.000 Euro.

Nach zwei Wochen soll das Mädchen Tarek H. zum ersten Mal mitgeteilt haben, dass sie das nicht aushalte und aufhören wolle. Er habe mit abweisendem Verhalten reagiert, heißt es. Und sein Freund Mohammed M. soll ihr vorgelogen haben, dass es Tarek H. sehr schlecht gehe und der ein Juweliergeschäft ausrauben wolle. Sie dürfe nicht zulassen, dass er sich sein Leben verbaue. Und es reiche ja, wenn sie pro Tag nur noch drei Kunden bediene.

Doreen V. wurde schwankend und empfing dann doch wieder Freier. Aber sie hielt es wieder nicht lange aus, bekam Schmerzen im Unterleib, wollte erneut aufhören. Diesmal soll es Mohammed M. nicht bei Überredungskünsten belassen, sondern sie auch geschlagen haben. In ihrer Angst, so der Anklagesatz, habe sie weitergemacht. Endgültig Schluss war dann erst Ende Dezember 2013.

Die beiden Angeklagten äußerten sich am ersten Prozesstag nicht zu den Vorwürfen. Ihre Verteidiger sagten, dass die Anklage aus Sicht ihrer Mandanten nicht richtig sei. Zwar habe es die Prostitution gegeben, aber es sei höchst freiwillig geschehen. Doreen V., die aus misslichen Verhältnissen stamme und vor Gericht als Nebenklägerin auftrete, liebe Tarek H. noch immer. Sie halte auch immer noch engen Kontakt zu ihm, obwohl er sich seit Mai in Untersuchungshaft befindet. Der Prozess wird fortgesetzt.