Kommentar

So geht man nicht mit den Berliner Fahrgästen um

Zunächst war vom Güterverkehr die Rede. Doch dann kam die Kehrtwende: Die Lokführergewerkschaft GDL kündigte die „volle Breitseite“ an - inklusive S-Bahn. Gilbert Schomaker über die Streik-Strategie.

Foto: Paul Zinken / dpa

„Der erste Streik soll im Schwerpunkt den Güterverkehr treffen, weniger die Fahrgäste.“ Das war die Nachricht am Montagmorgen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer wollte sich kulant zeigen. In der Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber Bahn sollte der Streik nicht die Kunden, sondern in erster Linie das Unternehmen treffen. Eine solche Streikstrategie macht auch insofern Sinn, als dass sich die Gewerkschaft auch für Verbesserungen bei den Lokrangierführern und den Zugbegleitern einsetzt.

Doch dann die Kehrtwende. Am Vormittag hieß es auf einmal: Auch die Regional- und Fernzüge der Bahn sowie die Berliner S-Bahn werden bestreikt – bei Letzterer gibt es ja auch so viele Zugbegleiter. Die Arbeitsniederlegungen sollen das Unternehmen mit Wucht treffen. Drei Stunden Stillstand. Gewerkschafter sprachen von „voller Breitseite“ gegen die Bahn.

Aber der Ausstand traf nun also diejenigen mit voller Breitseite, die abends nach einem langen Arbeitstag einfach nur nach Hause wollten. Oder diejenigen Kinder und Jugendlichen, die vom Fußballtraining oder vom Musikunterricht die S-Bahn nach Hause nehmen wollten. So geht man nicht mit den Kunden um. Denn das sind doch die Fahrgäste. Die Kunden, die auch die Arbeitsplätze der Lokführer der S-Bahn sichern.

Durch solche kurzfristigen Änderungen der Streikstrategie verliert die Gewerkschaft an Glaubwürdigkeit – und damit schnell jegliche Sympathie in der Bevölkerung.