Nahverkehr

Nach dem Warnstreik fährt die Berliner S-Bahn wieder

Nach dem dreistündigen Streik der Lokführergewerkschaft GDL am Montagabend hat sich die Lage im Bahnverkehr wieder normalisiert. Der Ausstand traf die Berliner im Berufsverkehr unerwartet und heftig.

Foto: Glanze

Nach dem dreistündigen Warnstreik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fährt die Berliner S-Bahn am Dienstag wieder nach Fahrplan. Bereits im Laufe des späten Abends hatte sich nach Angaben des Unternehmens die Lage entspannt. Auch der Regionalbahn- und Fernbahnverkehr in der Region läuft nach Angaben eines Bahnsprechers weitgehend normal.

Ein Unternehmenssprecher der Deutschen Bahn sagte, es sei eine große Herausforderung, alle Züge dorthin zu bringen, wo sie laut Fahrplan sein müssten. Am Abend und in der Nacht seien in ganz Deutschland Zehntausende Fahrgäste betroffen gewesen.

Bundesweit sollen Zehntausende Bahn-Reisende von den Arbeitsniederlegungen betroffen gewesen sein. Berufspendler und Fernreisende hätten stundenlang in Zügen oder auf Bahnhöfen ausharren müssen, teilte die Bahn mit. Inzwischen habe sich der Zugverkehr weitestgehend normalisiert. Vereinzelt könne es aber auch noch zu Ausfällen und Verspätungen kommen.

Mit dem am Montagabend um 18 Uhr begonnenen Streik wollte die GDL Druck in den Tarifverhandlungen mit der Bahn machen. Die Gewerkschaft hatte vor Beginn des Streiks ein Verhandlungsangebot der Arbeitgeber abgelehnt.

Beeinträchtigungen schon vor 18 Uhr

Der Warnstreik hatte am Montagabend den Bahnverkehr in Berlin und Brandenburg weitgehend lahmgelegt. Zwischen 18 und 21 Uhr waren die Lokführer aufgerufen, die Züge stehen zu lassen. Danach rollte der Verkehr bei Fern-, Regional- und S-Bahn nur langsam wieder an. Da mit Streikende die Züge nicht da standen, wo sie laut Fahrplan sein sollten, kam es weiter zu Verspätungen und Ausfällen, wie die Berliner S-Bahn mitteilte.

Bei den bundesweiten Aktionen standen laut GDL 90 Prozent der Güter- und Personenzüge still oder hatten Verspätung. Wie stark das Außmaß in Berlin war, ließ sich am frühen Dienstagmorgen noch nicht beziffern. Die Mitglieder hätten einmal mehr gezeigt, dass „sie es satt haben, Überstunden zu machen und ihre berechtigten Interessen dann mit Füßen getreten werden“, sagte der GDL-Bundesvorsitzende Claus Weselsky nach dem Streik.

Nachdem es am Montagmorgen noch geheißen hatte, dass vor allem der Güterverkehr betroffen sei, teilte die GDL dann am Vormittag mit, dass auch der Personenverkehr bestreikt werde, darunter auch die Berliner S-Bahn. Die Auswirkungen waren schon um 16.30 Uhr zu spüren. Die ersten S-Bahn-Züge fuhren nicht mehr planmäßig, sondern nach dem sonst erst ab 21 Uhr geltenden Fahrplan.

„Der angekündigte Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer stellt Risiken für die zeitgerechte Instandhaltung der rot-gelben Züge in den Abend- und Nachtstunden dar. Um den planmäßigen Berufsverkehr am Dienstagmorgen zu gewährleisten, müssen die entsprechenden Züge bereits vor 18 Uhr an die entsprechenden Standorte gebracht werden“, konnte man auf der Homepage der S-Bahn lesen.

Keine genauen Hinweise zum geänderten Fahrplan

Die Fahrgäste ärgerten sich über mangelnde Informationen seitens der S-Bahn. Auf vielen Bahnhöfen sah es dann am Abend so aus: 18.58 Uhr, S-Bahnhof Innsbrucker Platz: Der Bahnsteig war ungewöhnlich voll. Ala M. stand bereits seit 20 Minuten dort und wartete auf die S41. „Es gibt keine Durchsage. Was ist los?“, fragte sie. Von einem Streik wusste sie nichts. „Natürlich ärgert mich das, aber ich hätte mich auch mal informieren können.“ Die Anzeigetafeln kündigten immer neue Züge an. Dann: Zug fällt aus. Eine Mutter mit zwei großen Einkaufstüten kam kopfschüttelnd den Bahnsteig entlang. „Mir reicht das jetzt. Man weiß überhaupt nicht, wo was fährt“, sagte sie. Dann fuhr ein Zug der Linie S42 auf dem falschen Gleis ein. Es gab keine Durchsage. Ein Gruppe Asiaten, die auf die seit 20 Minuten angekündigte S42 warteten, bemerkte es nicht. Dann war der überfüllte Zug auch schon wieder weg. Schließlich doch noch die Durchsage: „Die S-Bahn Berlin wird derzeit durch die Gewerkschaft Deutscher Lokführer bestreikt. Wir bitten um Entschuldigung.“ Genaue Hinweise zum geänderten Fahrplan gab es nicht.

Bahnhof Friedrichstraße, 18 Uhr. Die Bahnsteige waren voller als sonst. Silke Achillius, 50, Versicherungskauffrau, stand mit verschränkten Armen an die Brüstung gelehnt. „Ich finde es ungeheuerlich, mir reicht’s langsam! Nach den ganzen Baumaßnahmen der letzten Wochen jetzt auch noch Streik. Ein schöner Feierabend ist das.“

Fahrgastverband Igeb kritisiert kurzfristigen Streik

Als zu kurzfristig kritisierte Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb die Aktion. „Ein Warnstreik muss 24 Stunden vorher angekündigt werden, damit die Leute sich darauf einstellen können“, sagte er. „Und er war entschieden zu lang. Drei Stunden Streik bringen gerade für Berufspendler, die zum Beispiel nach Erkner oder Hoppegarten wollen, erhebliche Probleme. Die konnten sich nicht darauf vorbereiten.“ Auch die Information auf den Bahnhöfen sei unzureichend gewesen. „Die Deutsche Bahn muss in dieser Hinsicht besser werden“, forderte Wieseke.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) blieb man am Montag halbwegs gelassen. „Wir tun unser Möglichstes, um den Streik bei der S-Bahn auszugleichen und die Fahrgäste zu informieren“, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Er sagte, dass die BVG angesichts der Beeinträchtigungen bei der S-Bahn zusätzliches Personal im Einsatz habe. Ein Schienenersatzverkehr wurde jedoch nicht eingerichtet. Nach Angaben des BVG-Sprechers benötige man mindestens zwölf bis 15 Busse, um allein die Fahrgäste einer vollen S-Bahn im Ersatzverkehr unterzubringen.

GDL droht mit neuen Streiks

Der Landesbezirksvorsitzende der GDL in Brandenburg-Sachsen-Berlin schloss für Berlin weitere Warnstreiks in naher Zukunft nicht aus. „Wenn die Deutsche Bahn AG unsere Forderungen nicht umsetzt, kämpfen wir weiter“, so Frank Nachtigall. Wann mit neuen Beeinträchtigungen im S-Bahn- sowie im Regional- und Fernverkehr zu rechnen sei, wollte der Gewerkschafter am Montag noch nicht bekannt geben.

Die GDL fordert bundesweit für das gesamte Zugpersonal bei der DB AG und der S-Bahn eine Lohnerhöhung von fünf Prozent sowie auch die Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden auf 37 Wochenstunden. Ein weiterer Punkt im Forderungskatalog der Gewerkschafter ist die Verbesserung der Planbarkeit von Dienstzeiten. Gewerkschafter Frank Nachtigall: „Es wird viel über Familienfreundlichkeit geredet, aber sie muss auch realisierbar sein und dafür braucht es planbare Arbeitszeiten.“

Die Deutsche Bahn AG warf der Gewerkschaft vage und widersprüchliche Informationen über das Ausmaß des Arbeitskampfes, der unter anderem in Hamburg, München, Essen, Düsseldorf, Leipzig und Köln geführt wurde, vor. Die Bahn weist die Forderungen nach steigendem Lohn bei sinkender Arbeitszeit zurück. Sie verlangt von der GDL, sich mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf eine gemeinsame Linie zu verständigen.

So war der Streikabend in Berlin:


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