Konzert

Auch Klassik kann Mob – Symphonie-Orchester spielt mit Laien

Ungewöhnliches Konzertformat: Beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung hatte das Deutsche Symphonie Orchester zum „Symphonic Mob“ geladen. Jeder der wollte, konnte spontan mitspielen oder mitsingen.

Foto: Reto Klar

Sie kommen schon morgens um 10 Uhr. Zu Hunderten. Die Besucher strömen an diesem Sonntag ins Auswärtige Amt. Allerdings scheinen sie sich am Tag der offenen Tür der Bundesregierung weniger für das Haus und seine Aufgaben zu interessieren, als vielmehr für das, was sie selbst in diesem Haus gleich vorhaben.

Sie tragen sperrige Kunstlederkoffer, darin alle Arten von Streich- und Blasinstrumenten. Sogar ein Akkordeon und ein Sousafon, eine Art überdimensionale Tuba, werden zur Sicherheitsschleuse gebracht. Das ungewöhnliche Treiben hat einen Grund: Das Deutsche Symphonie Orchester (DSO) hat zu Deutschlands erstem „Symphonic Mob“ geladen, bei dem Profimusiker des Orchesters zusammen mit Laien ein Konzert geben. Mitmachen kann jeder – gleich ob mit einem Instrument oder seiner Stimme. Gefolgt sind dem Aufruf etwa 350 Berliner.

Dass dieses Ereignis nun ausgerechnet im Auswärtigen Amt stattfindet, hat auch einen Grund: Denn die Idee zum Symphonic Mob kommt von der Diplomatin Sabine Sparwasser, die bis 2013 Generalkonsulin in Toronto war und dort zum ersten Mal dieses ungewöhnliche Konzertformat kennengelernt hat. Das dortige Symphonie-Orchester veranstaltet seit drei Jahren im Rahmen eines Festivals auf öffentlichen Plätzen einen sogenannten Music Mob, bei dem jeder mitspielen oder mitsingen kann. Zurück in Berlin hat sich Sabine Sparwasser gefragt, ob so ein Spontanorchester auch in Berlin möglich wäre. Ist es, wie sich an diesem Sonntag zeigt.

Beethoven auf dem Akkordeon

Auf dem Programm stehen der Torero-Marsch aus Bizets Oper „Carmen“ und der berühmte Finalsatz aus Beethovens neunter Sinfonie mit der „Ode an die Freude“. Ziemlich anspruchsvolle Konzertliteratur – das lässt Katzenmusik fürchten. Aber die wollte natürlich auch das DSO nicht haben, darum ließ es Beethovens Werk etwas „frisieren“, also so umschreiben, dass das Werk sich für den Laien immer noch anhört wie gewohnt, aber einfacher zu spielen ist.

Verantwortlich dafür war der in Berlin lebende finnische Komponist Jarkko Riihimäki. Und wo er schon beim Arbeiten war, hat er das Werk gleich so arrangiert, dass wirklich jedes Instrument mitmachen kann. Etwa auch Saxofon, Mundharmonika, Gitarre, Blockflöte oder Akkordeon – also Instrumente, die es zu Beethovens Zeit noch gar nicht gab oder die zumindest nicht zum klassischen Orchester gehören.

Auch ein Sousafon findet man sonst kaum im Konzertsaal. Darum freut sich Henrich Achenbach aus Charlottenburg, dass er sein Instrument ins Auswärtige Amt bringen konnte. Früher hat der EDV-Spezialist Alt-Posaune gespielt, aber dann hat er in seinem Posaunenchor beschlossen: Wir brauchen einen Tiefbass. Da Tuba klanglich nicht passte, entdeckte er das Sousafon für sich.

Wer beim Symphonic Mob mitmachen wollte, konnte sich über die Website des DSO anmelden, musste es aber nicht. Es gab Noten zum Download und Video-Tutorials für die einzelnen Instrumentengruppen und eine Probe am Sonnabend im Haus des Rundfunks. Drei Stunden hat Dirigent Manuel Nawri da mit 40 Spielern seines Orchesters sowie Laienmusikern jeder Altersgruppe geprobt, die alle auf ganz unterschiedlichen Niveaus stehen. Aber auch Spontanentschlossene können am Sonntag noch mitmachen. „Eine wilde Mischung wird das werden“, hat DSO-Sprecher Benjamin Dries im Vorfeld angekündigt.

Katzenmusik nur vor der eigentlichen Probe

Zu den jüngsten Musikern zählt Felicia. Seit drei Jahren spielt die Neunjährige aus Mariendorf Geige, das hier ist ihr erstes großes Konzert. Aufgeregt? Nicht wirklich, „aber ein bisschen schwer sind die Stücke schon“ gibt sie zu. Die Musiker, gleich ob Profi oder Laie, tragen alle grüne T-Shirts, auf dem Rücken die Aufschrift: „Symphonic Mob – Ihr spielt die Musik.“ Bei Felicia reicht es bis zur Kniekehle. Arnd Henze füllt das Shirt schon besser aus, dafür ist er aber deutlich aufgeregter: „Seit 30 Jahren habe ich nicht mehr Geige gespielt“, verrät er, erst vor zwei Jahren habe er wieder angefangen, als seine Tochter auf die Welt kam und er ihr Wiegenlieder vorgespielt hat. Aber vom Wiegenlied zu Beethovens Neunter sei das ein ganz schöner Sprung, sagt der 52-Jährige. Da hat er vorher schon viel geübt, um sich nicht zu blamieren.

Die meisten Musiker, die beim Symphonic Mob dabei sind, spielen oder singen auch sonst in einem der vielen Laien-Orchester oder -Chöre Berlins. Auch Dirigent Manuel Nawri betont in seiner Ansprache die hohe musikalische Qualität seines Spontanorchesters: „Es ist großartig, mit so vielen musikbegeisterten Leuten zusammenzuspielen.“ Und tatsächlich gibt es Katzenmusik nur, bevor die eigentliche Probe beginnt und die Musiker in jeder Ecke ihre Partie üben. Als dann aber Manuel Nawri das Dirigentenpult betritt und alle Instrumente gestimmt sind, kommt schnell Ordnung in das musikalische Durcheinander.

Aber blamieren will sich natürlich auch niemand, zumal sich sogar noch der Chef des Hauses, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), angekündigt hat. Erst weiß keiner so recht, aus welcher Richtung er denn kommen wird, schließlich musste ja angesichts des Regens kurzfristig umgeplant und das Konzert vom großen Protokollhof unter freiem Himmel in den deutlich beengteren Weltsaal verlegt werden. Als Steinmeier in blauem Hemd und blauem Anzug dann endlich da ist, hält er sich erst einmal dezent in der Ecke, so als sei ihm das ungewohnte Treiben in seinem Haus doch etwas fremd. Aber dann ermuntert er: „Na, legt doch mal los!“, und noch einmal gibt es den Torero-Marsch und dann auch noch eine Wiederholung des Beethoven.

Manch einer hat sogar gehofft, dass Steinmeier dabei selbst zum Taktstock greifen würde – zur Sicherheit hat der Dirigent einen zweiten mitgebracht. Doch das will der Außenminister dann doch nicht. Er hört lieber zu und sagt, dass er sich freue, es heute mal mit so viel Harmonie zu tun zu haben.

Foto: Reto Klar