Umfrage

Jeder zweite Berliner nutzt regelmäßig Bibliotheken

68 öffentliche Bibliotheken gibt es in Berlin. Und diese werden häufiger genutzt, als mancher denkt. Das ergab eine Umfrage. Der typische Besucher ist überdurchschnittlich häufig weiblich.

Die Spezies der Bibliotheksmaus oder der Leseratte sind in Berlins Büchereien eher selten anzutreffen. Vom Klischee des Stubenhockers, der sich hinter den Büchern verkriecht, sind die Hauptstädter weit entfernt. Der typische Bibliotheksnutzer ist in seiner Freizeit sehr aktiv, überdurchschnittlich häufig weiblich, hat einen höheren Bildungsabschluss und ist berufstätig. Das hat eine repräsentative Umfrage unter der Projektleitung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ergeben.

„In der Studie wollten wir wissen, wie zufrieden die Nutzer der Bibliotheken mit den Angeboten und dem Service sind“, sagt Volker Heller vom Vorstand der ZLB. Er ist der Geschäftsführer der Ständigen Konferenz der Leiter öffentlicher Bibliotheken. Wichtig seien die Ergebnisse, so Heller, für eine zukünftige erfolgreiche Bibliotheksarbeit in einer sich schnell verändernden Medienwelt.

Auch im Zeitalter der digitalen Medien sind die Bibliotheken ein nachgefragter Standort für Bildung und Freizeit. Mehr als 90 Prozent der Berliner finden die Existenz öffentlicher Bibliotheken wichtig, unabhängig davon, ob sie selbst Nutzer sind oder nicht. Fast die Hälfte der Berliner – 44 Prozent – nutzt die Büchereien in der Stadt. Die meisten (33 Prozent) gehen in die öffentlichen Bibliotheken, 13 Prozent suchen die Hochschulbibliotheken auf und zwölf Prozent die Staatsbibliothek.

Gute Noten für den Service

Aber die Berliner sind nicht nur eifrige Befürworter der Bibliotheken, sie geben ihnen auch gute Noten. An 68 Standorten wurden 14.000 Nutzer befragt, was ihre Motivation sei, eine Bücherei aufzusuchen und ob der Service ausreiche. Insgesamt 91 Prozent der Befragten gaben an, mit dem Angebot zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Allerdings wünschen sich viele mehr Zeit zum Lesen und Lernen. Insgesamt 52 Prozent fordern längere Öffnungszeiten. „Das ist eine Stellschraube, an der wir arbeiten werden“, sagt Projektleiterin Charlotta Hardtke-Flodell.

Der Großteil des Publikums, das an den Lesetischen und vor den Regalen anzutreffen ist, ist zwischen 30 und 49 Jahren alt. Fast zwei Drittel der Besucher hat einen hohen Bildungsabschluss, nur neun Prozent der weniger Gebildeten kommen in eine Bibliothek. „Das hat uns zu Denken gegeben“, sagt Charlotta Hardtke-Flodell. Man müsse etwas tun, um auch diese Bildungsschicht zu erreichen. Möglichkeiten wären Kooperationen mit Schulen und Kitas. Eine Überraschung sei für sie aber gewesen, dass viele Berufstätige die Bücherei aufsuchten. Fast 40 Prozent gehen einer Tätigkeit nach, 15 Prozent sind im Ruhestand, zwölf Prozent sind Schüler und elf Prozent Studenten.

Deutlich mehr Frauen (63 Prozent) als Männer nutzen die öffentlichen Bibliotheken. Viele verbringen dort ihre Freizeit, 46 Prozent jedoch suchen konkret Informationen für die Aus- und Weiterbildung. Auffällig ist, dass viele Besucher mit Migrationshintergrund – immerhin 48 Prozent – das Angebot für Schule und Studium nutzen. „Bibliotheken sind eine wichtige Säule der Willkommenskultur“, schlussfolgert Torsten Kühne (CDU), Kulturstadtrat in Pankow und stellvertretender Vorsitzender der Verbundkonferenz öffentlicher Bibliotheken. Das zeige, dass Bibliotheken weniger Medienausleihstation seien als vielmehr ein Bildungsort.

Bald weniger als 80 Standorte

Ein Blick an einem ganz normalen Wochentag in die Stadtbibliothek Steglitz an der Grunewaldstraße bestätigt diesen Eindruck. Schon vor Beginn der Öffnungszeit bildet sich ein Pulk vor der Tür. Der Sturm auf die Computerplätze, die Zeitschriften und die Regale setzt sofort ein. Am Nachmittag machen Gruppen von Jugendlichen Hausaufgaben an den Rechnern oder lernen zusammen.

Die letzte Befragung von Bibliotheksnutzern liegt 20 Jahre zurück. 1994 gab es noch 225 Bibliotheksstandorte in der Stadt – von der Kiez- bis zur Unibücherei. 2013 waren es noch 84. „Wir werden 2014 weniger als 80 haben“, sagt Volker Heller. Die Begründung liefert Pankows Kulturstadtrat. „Wir haben aufgrund der finanziellen Lage mit sehr vielen Einsparvorgaben zu kämpfen“, sagt Torsten Kühne. Weil die Bibliotheken eine freiwillige Leistung seien, würde immer weiter gekürzt. Allein in Pankow habe es 40 Büchereien gegeben, jetzt seien es noch sieben. „Die aktuelle Diskussion zum Standort der neuen Zentral- und Landesbibliothek darf nicht zu Schließungen führen“, sagt der Stadtrat. Eine wohnortnahe Versorgung in allen Bezirken sei wichtig.

Ohnehin war die Standortfrage der neuen ZLB nicht Bestandteil der Studie. In einer zweiten Untersuchung sollen die Daten jetzt konkretisiert werden. Eines steht aber fest: „Die digitale Medienwelt hat die Nachfrage nach den traditionellen Angeboten in Bibliotheken nicht verdrängt“, sagt Volker Heller vom Vorstand der ZLB. Stattdessen seien digitale Angebote dazugekommen.