Wowereit-Rücktritt

„Ein Gorilla, der von seinem Hügel auf sein Rudel blickt“

Der Experte für Körpersprache Stefan Verra hat die Gesten von Klaus Wowereit während seiner Rücktrittsrede analysiert. Wowereit habe nur wenige Stress-Signale verraten.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Die wesentlichen Dinge geschehen oft am Anfang eines öffentlichen Auftritts – so wie jetzt bei der Rücktrittserklärung von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Insofern reichen Stefan Verra, Experte für Körpersprache und Dozent an der Berliner Steinbeis Hochschule, schon wenige Minuten, um Wowereits Haltung zu seinem Amtsverzicht zu deuten.

„Wowereit nimmt die große Bühne gern für sich in Anspruch“, urteilt der 41-Jährige. „Für die deutsche Politik-Landschaft ist es schade, einen solchen Medien-Profi zu verlieren.“ In der deutschen Politik bis hinein in die höchsten Ebenen gebe es nur wenige Persönlichkeiten mit diesem Profil.

Verra vergleicht Wowereit in dieser Situation vor allem mit Christian Wulff, als dieser an der Seite seiner Frau Bettina auf Schloss Bellevue seinen Rücktritt als Bundespräsident bekannt gab. Im Gegensatz zu diesem habe Wowereit zu einem Zeitpunkt seiner Karriere, der keinesfalls zu ihren Höhepunkten gezählt werden könne, erstaunlich souverän und sehr professionell gewirkt. Für Wowereit typisch sei beispielsweise sein beinah ständiges „asymmetrisches Lächeln“.

Man könnte auch sagen, sein süffisanter Ausdruck beim Sprechen. Wowereits linker Mundwinkel stehe fast immer etwas höher als der rechte. Das wirkt auf die einen überheblich, auf die anderen schlicht überlegen: „Das wird seine Gegner zur Weißglut treiben, aber ihm bei seinen Unterstützern Sympathiepunkte einbringen“, so Verra, der Wowereit seit vielen Jahren etwa bei seinem Auftritt mit US-Präsident Barack-Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor dem Brandenburger Tor beobachtet hat.

Nur wenige europäische Bürgermeister hätten diese Fähigkeit. Londons Bürgermeister Boris Johnson etwa oder Wowereits Wiener Kollege, Michael Häupl. „Diese Menschen bieten immer auch ein wenig Unterhaltungswert“ – und das will Verra nicht nur positiv verstanden wissen.

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Wowereit, so analysiert Verra, verfüge offenbar über eine für Führungspersonen beinah ideale hormonelle Zusammenstellung. Vermutlich sei sein Cortisol-Spiegel während der Erklärung relativ gering gewesen. Dieser sei verantwortlich für das Maß an Panik. Zugleich vermutet Verra einen hohen Testosteron-Wert. Dieser erlaube es einem Menschen, in so einer Situation überhaupt locker zu lächeln.

„Sie müssen sich das vorstellen wie ein Gorilla, der von einem Hügel auf sein Rudel hinunterblickt.“ Wowereits Blick schweift während der Erklärung locker von ganz weit rechts nach ganz weit links. Tunnelblick geht anders: „Erst in Panik ist man nur noch in der Lage, starr geradeaus zu blicken.“ Verra greift zu einem großen Namen, um dieses Verhalten zu vergleichen: „Das hat er mit Obama gemeinsam.“

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Nur wenige Stress-Signale seien überhaupt zu erkennen gewesen. So habe Wowereit noch vor Beginn der eigentlichen Pressekonferenz sein Mikrofon zweimal gerichtet – eine völlig unnötige Übersprungshandlung, schließlich hatte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts gesagt. Verräterisch auch, dass Wowereit am Anfang seiner Ausführungen einen Arm vollständig auf den anderen gelegt habe: „Menschen suchen in solchen Situationen nach Sicherheit – und die bietet dann vor allem der eigene Körper“, so Verra. Zudem sei er phasenweise etwas kurzatmig gewesen.

Ein winziges Zugeständnis an seine Gegner macht Wowereit unbewusst: Als er darauf zu sprechen kommt, dass er die Entscheidung für den Amtsverzicht freiwillig getroffen habe und sich keinesfalls habe vom Hof treiben lassen. „Da musste er deutlich mehr ablesen“, so Verras Beobachtung.

Der Kopf sei eingeknickt, er habe mehr Hals gezeigt – eindeutige Anzeichen von Unterwürfigkeit. Bei seinem neuen Thema, der Olympiabewerbung, schlichen sich deutlich mehr „Ähs“ in seine Erläuterungen ein, welche Rolle er selbst in dieser Berliner Zukunftsfrage spielen wolle: „Das Hirn ist noch nicht soweit, die richtigen Worte zu finden“, sagt Verra.

Insgesamt aber, so glaubt der Körpersprach-Experte, seien Politiker wie Wowereit in Deutschland dünn gesät. „Egal in welcher Führungsperson sich Wowereit wiederfindet – er wird es gut machen“ sagt Verra, Autor des Buches „Die Macht der Körpersprache im Verkauf“, dessen zweites Buch „Hey, mein Körper spricht!“ im Januar erscheinen wird. In diesem Sinne muss man dieses Fazit wohl verstanden wissen: Wowereit – der gute Verkäufer, der Medienprofi, der Machtmensch.