"Eurofurence"

Die Furries machen Berlin zum Spielplatz der Kuscheltiere

Überlebensgroßen Füchse, Katzen, Wölfe und Hunde in allen Farben: Im Neuköllner „Estrel Hostel“ treffen sich die Furries – Menschen, die sich mit knallbunten Tierkostümen verkleiden.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Eigentlich heißt er Thorsten. Aber hier ist er Coltlan. Wie die meisten hat er seine echte Identität an der Eingangstür abgelegt. Thorsten ist schüchtern, hat kaum Freunde, ist menschenscheu. Coltlan hingegen ist kommunikativ, lächelt allen zu, ist zugänglich. Zutraulich, müsste man sagen, denn Coltlan ist ein Husky in Menschengröße. In ihm steckt Thorsten, doch das ist hier nicht wichtig, hier ist jeder, wie und was er sein will. Ein 1,80 Meter großer Kuschelhusky auf zwei Beinen ist nichts, was die mehr als 2000 Menschen, die sich im Neuköllner "Estrel Hotel" an der Sonnenallee zur "Eurofurence" zusammengefunden haben, irritieren würde.

Seit Mittwoch wird die Lobby von überlebensgroßen Füchsen, Katzen, Wölfen und Hunden in allen Farben dominiert. Sie stehen in Grüppchen beieinander, unterhalten und umarmen sich, es herrscht eine gemeinschaftliche Atmosphäre. Zum 20. Mal findet das europaweit größte Treffen von Anhängern des sogenannten Furry-Genres bereits statt, und es dient noch bis Sonntag all den Liebhabern "anthropomorpher Tierwesen oder Tieren mit menschlichen Attributen", wie Mitorganisator Jörg Reuter es beschreibt, dazu, sich auch mal persönlich kennenzulernen. Denn der Austausch läuft normalerweise über Social Media.

"Furries, das sind Menschen im Tierkostüm", erklärt Reuter. Der Begriff beschreibt aber auch die ganze Gemeinschaft, die sich seit ihrer Entstehung in den 80er-Jahren durch ein Interesse an Fantasietieren in Schrift, Ton und Bild definiert. Etwa die Hälfte der Furries ist deutschsprachig, der Rest kommt aus aller Welt. "Wir haben hier Amis, Russen, Weißrussen und Ukrainer, die problemlos gemeinsam Frühstück essen und sich über Kunst unterhalten", schildert Reuter begeistert. "Das fasziniert mich so, wie die Liebe zu den Tierwesen die Leute zusammenbringt." Wie ein harmonisches Familientreffen sei es hier, die Furries sieht er eigentlich als Künstlercommunity. Es sind Grafikdesigner und Illustratoren, aber auch Bäcker, Kaufleute und IT-Spezialisten, die sich hier treffen.

Seminare, Geschichten, Party

Auf der Convention tun die Furries gemeinsam das, was sie sonst zu Hause allein tun, hier in Form von Vorträgen, Workshops und Seminaren. Man kann lernen, ein Kostüm zu nähen, sich im Kostüm zu bewegen, Charaktere zu zeichnen und sich Geschichten um sie herum auszudenken. Und bei allem Lernen ganz wichtig: Party! Die Furries sind nachtaktiv, und abends geht das Leben erst richtig los. "Es ist schon anfangs surreal, wenn ein Haufen Menschen im Fell sich zu Techno bewegt, aber dann ist es einfach nur großartig", schwärmt Reuter. Dass sich hier einfach ein paar Freaks als ihre Lieblingsstofftiere verkleiden, empfindet er als "unzulässige Zuspitzung". Es gebe schon einige, die sich "sehr" mit ihrer Figur identifizieren würden. "Aber für alle ist es natürlich das Nonplusultra, in einem Kostüm herumzulaufen", weiß er. Und auch eine echte Herausforderung.

Das beweist eindrucksvoll ein grüner Fuchs auf dem Weg treppab zur Toilette, gekrümmt wie eine Sichel, da nur ein senkrechter Blick auf die Stufen ihn vor dem Hinfallen bewahrt. "Man muss sich das vorstellen, als blicke man durch zwei Klorollen", beschreibt Kathi aka Sinea, die noch in zivil herumläuft, ihren Ausblick aus dem Fell. "Die Sehschlitze sind klein und man muss wirklich aufpassen, dass man nicht hinfällt." Darauf muss sie als Furry-Betreuerin achten. Sie führt die Furries durch die Gegend, sorgt dafür, dass sie genug trinken und räumt Stühle aus dem Weg. Für WereFox, einen relativ naturnahen, rot-braunen Riesenfuchs, ist das sehr wichtig. Er ist taubstumm und ist so in seiner Sinneswahrnehmung lediglich auf diese Sehschlitze angewiesen. Aber er sei mit Herzblut dabei, seit drei Jahren, signalisiert er mit seinen großen Tatzen.

Als Menschen kaum Freunde

WereFox genieße die Freiheit, hier sein zu können, wer er will, übersetzt Sinea. "Es herrscht eine tolerante Atmosphäre, weshalb wir auch einen großen Anteil von schwulen und bisexuellen Männern hier haben." Der Damenanteil hingegen beträgt etwa zehn Prozent, und Sinea weiß, warum sich Frauen von solchen Treffen eher fernhalten. "Im Kostüm fühlen sich die Menschen freier", erzählt sie. Und manchen weiblichen Furries gingen die Kuschelambitionen ihrer männlichen Artgenossen einfach zu weit. So bleiben die Männer also weitgehend unter sich, und Thorsten aka Coltlan genießt das Gemeinschaftsgefühl.

"Als Mensch hatte ich früher kaum Freunde", sagt er. "Durch einen Fernsehbeitrag bin ich auf die Furries aufmerksam geworden und hab mich im März bei Furbase, einer Internetplattform, angemeldet." Seitdem trifft er, der unter der Woche Gärtner ist, sich am Wochenende mit anderen Furries und läuft im Kostüm durch die Stadt. "Ich trau mir im Kostüm viel mehr zu, kann besser auf Menschen zugehen und hab mehr Selbstvertrauen." Er genieße die Blicke der Menschen, vor allem die fröhlichen der Kinder, wenn sie das riesige Kuscheltier erblicken. Die Frage nach seiner wahren Identität kann er nicht eindeutig beantworten. "Ich bin ein Mensch. Und ein leidenschaftlicher Husky."

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