Jason Stanley

300 Mails auf einen offenen Brief zu Deutschland

Jason Stanley, 44, ist Philosoph und Professor an der US-Universität Yale. Kürzlich schrieb Stanley in der „FAZ“ einen Brief an Demonstranten, die in Berlin antisemitische Parolen skandierten.

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Jason Stanley, 44, ist Philosoph und Professor an der US-Universität Yale. Er hat in Berlin gelebt und an der Humboldt-Universität gearbeitet. Kürzlich schrieb Stanley in der „FAZ“ einen Brief an Demonstranten, die in Berlin antisemitische Parolen skandierten. Vor dem Interview sagte Stanley, seine Großmutter wäre stolz auf ihn gewesen, dass er in der Berliner Morgenpost erscheint. Seine Großeltern und sein Vater sind vor den Nazis aus Berlin in die USA geflohen.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie in Amerika erfahren, dass in Berlin offen antisemitische Parolen gerufen wurden?

Jason Stanley: Ich habe auf Facebook davon gelesen. Berlin ist ein Symbol. Es war die Hauptstadt Hitlers, hier ist die Weimarer Republik untergegangen. Wenn Leute denken, dass solche Sprüche dort auf den Straßen erlaubt sind, ist das problematisch. Viele in Amerika haben sich gefragt: Was machen die Deutschen da?

Spielt es eine Rolle, dass viele der Protestler arabische Wurzeln haben?

Ich habe auf meinen offenen Brief mehr als 300 E-Mails bekommen. Viele haben geschrieben, dass die Protestler gar keine Deutschen gewesen seien. Aber diese Unterscheidung macht die Weltöffentlichkeit nicht. Deutsche arabischer Herkunft sind deutsche Bürger. Schauen Sie mich an: Meine Vorfahren sind Deutsche, keine Amerikaner. Sie haben keine Sklaven gehalten, aber trotzdem kümmere ich mich um die aktuellen Probleme der USA. Um alle, die eine Geschichte der Unterdrückung haben. Wir sind Bürger des Landes, in dem wir wohnen und aufwachsen. Mich hat es gefreut, dass die Deutsch-Arabische-Gesellschaft meinen Brief im Internet veröffentlicht hat.

Sie haben geschrieben: Wer Juden droht, stärke die Kräfte jener, die keine Gnade walten lassen. Sie machten sich mitschuldig an Bomben, die in Krankenhäusern landen.

Es geht um die Grundidee von Demokratie. Israel ist ein Land, das auf Zurückweisung beruht, auf der begründeten Annahme, dass Juden nur in einem jüdischen Staat sicher seien. Eine religiöse Demokratie kann es aber nicht geben, diese Staatsform darf keine Gruppen bevorzugen. Das ist ein Problem vom Israelischen Staat. Unterstützer des Gaza-Krieges haben die antisemitischen Parolen in Berlin prompt dazu benutzt, den Krieg zu rechtfertigen: Sie sagten, dass Juden nur innerhalb ihrer Gruppe sicher seien. Das zeigt, wie wenig zielführend diese radikalen Proteste in Berlin sind.

Berlin ist auch Ort der Versöhnung geworden, zwischen Nachkommen der Täter und Opfer des Holocaust. Welchen Platz sehen Sie für die Palästinenser?

In den 80er-Jahren habe ich ein Deutsches Gymnasium in der Nähe von Dortmund besucht. Meine Freunde waren fast alle Deutsche türkischer Herkunft. Wir hatten alle dunkle Haare. Für mich waren diese Deutschtürken aber vor allem Deutsch. Sie spielten Fußball und prägten die Ruhrpottkultur. Ich will sagen: Es ist im Ansatz falsch, Menschen in einer Demokratie in Gruppen mit unterschiedlicher Legitimation einzuteilen. Berlin ist eine Weltstadt auf Augenhöhe. Hier können sich Menschen aus dem Libanon und Israel treffen und darüber sprechen, warum sie 1982 und 2006 gegeneinander gekämpft haben. Das ist die Chance.

Es gibt viele Bürger, die vor allem Palästinenser als Opfer sehen und sogar stillschweigend antisemitischen Parolen zustimmen.

Diese Menschen machen mit. Das zu begreifen ist wichtig. Ich bin auch teilweise wütend über das Vorgehen Israels und fühle mit den Palästinensern. Kritik muss aber auf Kenntnis beruhen, nicht auf Emotion.

Wie viel Protest passt in eine Demokratie?

Mein neues Buch „Propaganda“ beginnt mit einem Goebbels-Zitat. „Das wird immer einer der besten Witze der Demokratie bleiben, dass sie ihren Todfeinden die Mittel selbst stellte, durch die sie vernichtet wurde.“ Goebbels meinte freie Rede. Ich meine, dass Deutschland eine gesunde Demokratie ist, weil die Rede ein bisschen begrenzt ist. Weil einige Parolen nicht Teil der rationalen Debatte sind. Man sieht das in Ungarn: Die Zeitungen sind voll mit Beleidigungen gegen Roma. Hass füttern – so haben auch die Nazis ihre Wahl gewonnen. In demokratischen Gesellschaften darf das nicht passieren.

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