Berliner Spaziergang

Richard Hilmer will wissen, was die Deutschen denken

Wer weiß noch, was am 13. August 1961 geschah? Wie viele Deutsche sind stolz auf den WM-Titel? Richard Hilmer von infratest dimap erforscht Stimmungen und Meinungen. Wir haben ihn getroffen.

Foto: KRAUTHOEFER

Sind wir noch Freunde? Richard Hilmer schaut auf die amerikanische Botschaft, sein Blick gleitet auf das Dach. „Früher war das mal ein respektierter Ort. Heute fragt man sich: was machen die da oben?“ Vor kurzem hat er messen lassen, wie es um das Vertrauen – was ja bei einer Freundschaft ganz wichtig ist – der Deutschen zu anderen Ländern steht. Bei den Amerikanern, dem großen Bündnispartner, stand das Wort Misstrauen ganz oben. War ja kein Wunder, nach den NSA-Ausspäh-Aktionen, die bis ins nahe gelegene Kanzleramt reichten. Aber trotzdem – die Zahlen zeigen einen Absturz der Beziehung wie zu Zeiten von George Bush jr. Nur den Russen traut man noch weniger.

Zauber der Zahlen

Zahlen! Sie gehören zu Richard Hilmers Berufsbeschreibung. Er ist Geschäftsführer von infratest dimap, einem der renommiertesten Meinungsforschungsinstitute in Deutschland. Hier wird gefragt: Welches Ereignis verbinden Sie mit dem 13. August 1961? (die Hälfte der Deutschen weiß es nicht); Sind Sie stolz auf den vierten WM-Titel Deutschlands? (sehr stolz sind 57 Prozent, überhaupt nicht stolz sieben Prozent); Sind Sie für die Rente mit 63 nach 45 Berufsjahren? (73 Prozent meinen, dass es der richtige Weg ist). Hilmer ist in gewisser Weise ein Mittler zwischen Politik und Volk, er ermittelt Stimmungen.

Aber er legt auch Wunden offen. Wenn beispielsweise die Hälfte der Deutschen nicht mehr weiß, dass am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, gibt es ein Bildungsproblem. Darüber hinaus stellt infratest dimap natürlich wie auch andere Meinungsforschungsinstitute die Frage nach dem Wahlverhalten, die sogenannte Sonntagsfrage. Dort nimmt das Institut, das am Treptower Park sitzt, einen prominenten Platz ein, es darf das für die ARD machen. Auf regionaler Berliner Ebene ermittelt es die Zahlen für den RBB und die Berliner Morgenpost. Aber wie wird man so ein Meinungsforscher? Und: Schlägt einem das ganze Zahlengeklingel nicht irgendwann aufs Gemüt?

Treffen im alten Einstein

Richard Hilmer wirkt nicht wie ein Rumpelstilzchen, das wütend in einem Zahlensalat herumstampft, er hat eher ein sonniges, entspanntes Gemüt. Was vielleicht mit dem Sommerurlaub auf dem Darß zusammenhängt, vielleicht aber auch mit bayerischen Idiom, das immer wieder in seiner Sprache durchkommt. Er hat als Treffpunkt das Café Einstein in der Kurfürstenstraße vorgeschlagen, das „alte“ Einstein, das Stammhaus, hat er am Telefon betont, nicht das neue, wo sich politische Prominenz und Medienschaffende Unter den Linden gern treffen.

Er steigt gerade aus dem Auto, zieht, obwohl es heiß ist, das braune Sakko über das weiße Hemd. Eine gewisse Förmlichkeit soll anscheinend sein. Wir lästern aber erst mal über die Gegend. 50 Meter weiter sind am helllichten Tag Prostituierte auf Kundenfang, wir lassen den Blick über die schönen alten Villen des alten Diplomatenviertels schweifen. Hilmer amüsiert sich über die „unglaubliche Mischung aus Dingen", die kaum zueinander zu passen scheinen. Er kennt den Ort schon aus Zeiten vor der Maueröffnung. Da war er noch nicht fest in Berlin, aber das Einstein galt als attraktiver Treffpunkt. Heute ist es für ihn Rückzugsgebiet, man fällt nicht auf, im Gegensatz zum anderen Einstein, wo man hingeht, „wenn man gesehen werden will“. Wir sind also passend zur Gegend quasi im Hinterzimmer.

Die indirekten Wege

Als Hilmer sich in den 80-er Jahren im Einstein traf, lebte er noch in München. Er arbeitete aber an einem Projekt, das weniger mit der bayerischen Metropole, sondern mehr mit Berlin zu tun hatte: der DDR-Forschung. 1967 von der damaligen Bundesregierung eingeführt, waren es sogenannte Besucher-Bewohner-Erhebungen. „Die Menschen in der DDR konnten wir ja nicht direkt befragen, also mussten wir indirekte Wege finden.“ So wurden Westdeutsche nach einem Besuch bei Verwandten oder Freunden im anderen Teil Deutschlands interviewt, sie sollten ihre Eindrücke wiedergeben. Den bundesdeutschen Regierungen haben diese Schilderungen immer einige wichtige Anhaltspunkte gebracht. „Man redete ja immer von den den Brüdern und Schwestern in der DDR, aber man wusste relativ wenig von ihnen. Und über das ,Neue Deutschland’ und sonstige Publikationen hat man nur wenig erfahren.“

Mit dem Fall der Mauer löste sich auch Hilmers Untersuchungsgegenstand auf. Nur bestand jetzt ein neuer, viel größerer Informationsbedarf. Was sind das für Leute in den Neuen Bundesländern? Welche Sorgen, Nöte, Erwartungen haben sie? Aus Infratest-Sicht schien Hilmer durch seine berufliche Vergangenheit prädestiniert, die Meinungsforschung in der ehemaligen DDR zu etablieren und ein eigenes Institut im Ostteil der Stadt aufzubauen. Also weg aus der bayerischen Heimat in das quirlige, sich gerade neu erfindende Berlin.

Eine politische Generation

Er hat einen schlendernden Schritt, bleibt immer wieder zwischendurch stehen, redet und gestikuliert. Keine Eile, obwohl der Weg noch lang ist, unser Ziel ist das politische Berlin, das Kanzleramt und der Reichstag. Sein Thema. Hilmer ist Jahrgang 1952. Als er in München zur Schule ging und später studierte, war die Zeit des 68-er-Aufbegehrens. Gehörte er, der heute so stark mit politischen Themen verbunden ist, dazu? Hat es ihn beeinflusst? „In Berlin wäre ich sicher mehr geprägt worden. München war sehr gemäßigt. Wir hatten beispielsweise auch Hausbesetzungen, nur dauerten sie in Berlin zehn, zwanzig Jahre, in München dagegen waren sie nach einem Tag zu Ende, dann wurde geräumt.“ Aber es war eine Generation, die um ein vielfaches politischer war als die heutige, sagt er. „Es gab ja auch nicht viel Abwechslung damals. Man hatte weniger Geld und viel Zeit.“

An der Gedenkstätte Deutsche Widerstand stoppen wir. Vor uns öffnet sich der graue Hof, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter vor 70 Jahren erschossen wurden. „Hier ist Politik exekutiert worden, im wortwörtlichen Sinne. Ihr Widerstand war ein Hoffnungszeichen damals. Das war nicht die Opposition gegen den Faschismus, das waren ja gutbürgerliche Kreise, die auch eingebunden waren. Sie haben aber eben irgendwann gemerkt, wohin die Reise geht. Und dann spät noch versucht, die Dinge zu verändern“, sagt Hilmer. Und: „Es ist ein wichtiger Beweis dafür, dass man immer wieder versuchen sollte, gegen Diktaturen aufzubegehren. Diese Männer und Frauen haben sehr viel riskiert und ihr Leben gelassen dafür.“

Wie auch der studentische Widerstand in seiner Heimatstadt München, die Weiße Rose. Der Kreis um die junge Sophie Scholl, auch sie wurden hingerichtet. Hilmer erinnert sich an das Schweigen nach dem Krieg über den Nationalsozialismus, auch in seiner Familie. Über ihre Zeit beim BDM wollte die Mutter kaum etwas erzählen. Jahre später, als er studierte und in München gerade die Olympischen Spiele stattfanden, hat er einmal junge Leute durch das Konzentrationslager Dachau geführt. Ein einschneidendes Erlebnis. „Wenn man als Spätgeborener allein dorthin geht, hat man die Distanz. Aber mit den ausländischen Jugendlichen fühlte ich mich als Teil dieses Deutschlands, das dieses Grauen auch verursacht hat.“ Das ist damals schwer für ihn gewesen. Er habe, sagt er, den Umgang mit dieser Situation deutlich unterschätzt.

Abonnent der Philharmonie

Wie würden Jugendliche heute damit umgehen? „Das wäre sehr spannend. Wir waren noch die Generation, deren Eltern zum Teil unmittelbar beteiligt waren. auch wenn sie vielleicht ein Stück zu jung waren, um in verantwortlicher Position zu sein. Heute sind die Jugendlichen zwei, drei Generationen später. Ich denke, es ist ein bisschen leichter, die Verantwortung zu übernehmen.“

Bevor wir von der Geschichte in den Bereich der heutigen Politik wechseln, bleiben wir an der Philharmonie stehen. Ein Ort der Entspannung für den Herrn der Zahlen. Gleich als er in Berlin ankam, hat er versucht, ein Abonnement zu bekommen. Erst 1995 hat es geklappt. Er mag Mozart, Tschaikowsky, vor allem aber auch die „sehr modernen Aufführungen unter Simon Rattle, die sicher ein neues Hören erfordern, aber ungeheuer spannend sind“. Er selbst hat sich auch einmal an einem Instrument versucht, einer Gitarre allerdings, die er sich gewünscht hatte. Die Versuche blieben rudimentär. Für Richard Hilmer zählen noch die alten Rockhelden wie Bob Dylan und Mick Jagger. Vor ein paar Jahren war er auf einem Konzert der Stones in der Waldbühne und sah sich auf einmal unter den Besuchern seiner eigenen in die Jahre gekommenen Generation gegenüber. „Sie wirkten so gesettelt, kamen mit Pfeife und Zigarre daher.“

Fast so, als würde hier ein Konzert der Stones stattfinden, öffnet sich jetzt vor uns der weite Platz mit Reichstag und Kanzleramt. Nur sind die Gebäude selber die Bühne, vor ihnen tummeln sich zahlreiche Menschen, einer Art politisches Woodstock. Selbst auf dem Balkon des Kanzleramtes haben sich mehrere Leute versammelt. „Die Kanzlerin ist nicht da“, vermutet Hilmer. Ob sie ihn erkennen würde, wenn sie jetzt rauskäme? „Kann sein, ich wurde ihr einmal vorgestellt.“ Aber Horst Seehofer, der bayerische Ministerpräsident, der würde ihn sicher erkennen, wenn er jetzt über die Wiese käme, Sigmar Gabriel vermutlich auch.

Der große Wahlsonntag

Der große Tag in Hilmers Berufsleben ist immer die Wahl. 18 Uhr. Die Prognose vor der ersten Auszählung. Hier muss so vieles stimmen, dahinter steckt ein riesiger Aufwand. Hunderttausend Interviews werden von infratest dimap zwischen acht und 18 Uhr geführt, die Leute gefragt, wem sie ihre Stimme gegeben haben. „Das Entscheidende ist: Sie haben nicht wie bei normalen Entscheidungen die Möglichkeit, sich in die Ecke zu setzen und die Daten noch mal zu prüfen. Das muss einfach hunterprozentig stimmen.“

Aber auch für begleitende Fragen und Analysen, aus welchen Motiven man etwa eine Partei gewählt hat und welche Rollen die Kandidaten spielen, ist infratest dimap für die ARD im Einsatz. Und nicht immer stimmen bei Meinungsforschungsinstituten die letzten Umfragen mit dem Ergebnis am Wahlabend überein. 2005, als Gerhard Schröder noch Kanzler war, hatte man die SPD nicht so stark gesehen, wie sie am Wahltag tatsächlich war. Letztlich war sie nur einen Prozentpunkt hinter der siegesgewissen CDU. Hat man Schröder unterschätzt? „Auf jeden Fall.“

Damals war es auch, als man die Möglichkeit einer schwarz-gelb-grünen Koalition nachdachte. In den Medien war das Wort allein schon ein Zungenbrecher, und man suchte nach einem Ersatz. Hilmer ließ in seinem Institut nach der Farbenkombination in den Fahnen verschiedener Länder suchen. Mehrere kamen in Betracht, aber das witzigste war Jamaika. So wurde die Jamaika-Koalition geboren, wobei auch andere die Urheberschaft des Namens für sich geltend machen.

Hilmer schaut jetzt auf den Reichstag. Für ihn hat er noch eine andere Bedeutung. Vor 19 Jahren, als Christo ihn verhüllte, war er jeden Tag hier. Ein magischer Moment, „der die beiden Stadthälften Ost und West zusammenführte. Wir haben das bei unseren Kollegen aus dem Osten gemerkt. Am Anfang waren die noch unheimlich skeptisch, so viel Geld für so einen Mist. Dann sind sie alle hingepilgert und waren begeistert.“

Diese Momente lassen ihn in Berlin bleiben. „Es ist die einzige internationale Metropole, die wir haben. Schon in der Oper sieht man ein buntes Gemisch aus unterschiedlichsten Garderoben. In München wäre das völlig undenkbar. Ich weiß nicht, ob der Portier sie überhaupt reinlassen würde.“