Kongress

„Ohne Fliegen würden wir auf einem Haufen Kot sitzen“

Für viele sind Fliegen nur Ungeziefer. Für andere der Lebensmittelpunkt. Beim 8. Internationalen Kongress für Dipterologie in Potsdam tauschen sich in Berlin Wissenschaftler über die Tiere aus.

Foto: Ina Fassbender / dpa

Für viele sind es nur nervige Plagegeister, die per Fliegenklatsche oder Mückenspray schnell und wirkungsvoll außer Gefecht gesetzt werden. Die Rede ist von Fliegen und Mücken, von denen es allein in Deutschland rund 9100 verschiedene Arten gibt.

Doch für andere sind die sechsbeinigen und zweiflügligen Insekten mehr als nur lästiges Ungeziefer. Mehr noch: Sie sind ihr Lebensmittelpunkt. Beim 8. Internationalen Kongress für Dipterologie tauschen sich derzeit im Potsdamer Kongresshotel fast 400 Wissenschaftler und Experten aus mehr als 40 Ländern über alle biologischen Aspekte der Tiere aus.

Frank Menzel, Entomologe und Mitorganisator des Kongresses, über dieses besondere Treffen.

Berliner Morgenpost: Viele Menschen würden sich wahrscheinlich freuen, wenn es keine Fliegen und Mücken mehr gäbe. Auf das laute Summen der dicken Schmeißfliegen und das furchtbare Mückengeräusch in der Nacht könnte man sicher gut verzichten. Was ist also für Sie und die anderen Kongressteilnehmer so faszinierend an diesen Insekten?

Frank Menzel: Das Faszinierende an den Zweiflüglern, zu deren Ordnung die Mücken und Fliegen zählen, ist die hohe Arten- und Formenvielfalt: Es gibt von ihnen mehr als 155.000 beschriebene Arten, davon allein in Deutschland rund 9500. Für Biologen, aber auch in der Genetik, handelt es sich bei der Gruppe der Diptera um ein schier unermessliches Untersuchungs- und Forschungsfeld. Und so umfangreich und vielfältig sind auch die Themen des Kongresses: Die Diskussionen und Vorträge reichen von den automatischen Identifikationssystemen über die Geschlechtsorgane bis zur ökologischen Spezialisierung der Zweiflügler. Die große Teilnehmerzahl des erstmals in Deutschland stattfindenden Kongresses spricht für sich. Waren es auf dem letzten Kongress in Costa Rica vor vier Jahren noch etwa 280 Teilnehmer, sind es nun fast 400.

Wann haben Sie Ihr Interesse für Zweiflügler entdeckt?

Schon als kleiner Junge habe ich angefangen, mich für Schmetterlinge zu interessieren und sie zu fangen. Doch hier hatte ich dann eigentlich alles, was es an Schmetterlingen in Deutschland zu sammeln gab, und habe mich nach einer anderen Herausforderung umgesehen. Meine Liebe gilt seit meinem Biologie-Lehramtsstudium den Mücken, und zwar den 0,5 bis 7 Millimeter großen Mückenarten. Die Mücke an sich und ihren Lebenszyklus zu entdecken, ihr Fressverhalten zu erkunden und außerdem die unterschiedlichen Geschlechtsorgane der Tiere zu bestimmen und zu katalogisieren, fasziniert mich nicht nur während meiner alltäglichen Arbeit als Entomologe in Müncheberg, sondern auch am Wochenende in meiner Freizeit. Mücken gehen immer vor – auch im Urlaub. Egal ob am Mittelmeer oder in Afrika: Ich schnappe mir das Netz und gehe auf Insektenfang.

Wie würde eine Welt ohne Zweiflügler aussehen?

Ohne Fliegen würden wir auf einem Haufen Kot sitzen, denn niemand würde die biologischen Abfallprodukte beseitigen. Doch auch auf andere Art und Weise sind sie ungemein nützlich: Sie bestäuben beispielsweise die Blumen und Blüten von Obstbäumen, und sie vertilgen die Schädlinge von Saat und Pflanzen. Zudem sind sie auch von großer Bedeutung für Forensiker, für die die Entwicklungsbiologie von Fliegen und ihren Larven bei der Ermittlung von Tathergängen und Todeszeitpunkt sehr nützlich sind.

Wie sieht denn die Entwicklung der Mücken und Fliegen im Zeitalter von Pflanzenschutzmitteln, Monokulturen und Klimaveränderung aus?

Es sind nicht so sehr die Pflanzenschutzmittel als der Anbau großer Monokulturen genmanipulierter Pflanzen wie Mais und Raps. Diese machen den Mücken und Fliegen schon zu schaffen. In dieser Kulturlandschaft verringert sich die Artenvielfalt drastisch. Beispielsweise findet man in Rapsfeldern heute fast ausschließlich den Rapsglanzkäfer, der den Bauern Probleme bereitet. Hier muss entgegengewirkt werden, um eine Vielfalt zu erhalten. Aber es gibt noch weitere Veränderungen: Mit der leichten Klimaveränderung wandern Insektenarten, die eher in wärmeren Gebieten zu Hause sind, weiter nach Norden und kommen auch in unsere Region. So verbreitet sich beispielsweise die Asiatische Tigermücke, die das Denguefieber überträgt, mittlerweile auch in Europa.