Soziolinguistik

Wie die Berliner „Gettosprache“ in die Hochsprache fließt

Soziolinguistin Diana Marossek untersucht die „Gettosprache“ von Berliner Schülern. Dabei kommt sie zu erstaunlichen Ergebnissen. „Bist du mit Auto?“ haben wir doch alle schon mal gesagt.

Foto: Massimo Rodari

Wenn auch Sie sich in der U-Bahn bei jugendlichen Dialogen wie „Ey du Spast, du wohnst Klo!“ – „Fresse man, deine Mutter wohnt Klo!“ fragen, worüber da eigentlich gesprochen wird, sind Sie nicht allein. Auch Diana Marossek hat sich das gefragt und gleich eine Doktorarbeit über das Thema geschrieben. „Gehst Du Bahnhof oder bist Du mit Auto?“ heißt ihre Dissertation, die sie im vergangenen Jahr erfolgreich an der Technischen Universität (TU) verteidigte und wofür sie nun einen zweiten Preis des Deutschen Studienpreises der Hamburger Körber-Stiftung bekommen hat. Die 30-Jährige untersuchte den Sprachstil von Berliner Jugendlichen, der in Medien und Alltag gern als „Gettosprache“ oder „Türkendeutsch“ stigmatisiert wird.

Eigentlich ist Diana Marossek Wirtschaftswissenschaftlerin, doch im Laufe ihres Studiums an der TU stieß sie eher zufällig auf das Feld der Soziolinguistik. „Da dachte ich, da muss ich unbedingt eine Doktorarbeit drüber schreiben“, erzählt die lebhafte junge Frau mit den langen roten Locken. Und das tat sie dann auch.

Freunde der Schwester sprachen komisch

Doch wie kam es zu dieser Themenwahl? „Meine Schwester war damals 18, und ihre Freunde redeten plötzlich so komisch“, sagt Marossek. „‚Ich geh Kino, lass mal Schönhauser Allee Arcaden fahren, kommst du mit Schwimmhalle‘ und so. Als würde sie im tiefsten Wedding leben. Dabei wohnt sie in einer behüteten Einfamiliensiedlung in Karow.“ Marossek, selbst in Prenzlauer Berg aufgewachsen, nahm sich also dieser Mammutaufgabe an: zu untersuchen, wie Berliner Jugendliche sprechen und warum.

Bei ihren Vorrecherchen stellte sie fest, dass es zu diesem Thema schon mehrere Ansätze gab. „Aber die finde ich nicht repräsentativ, die haben immer nur drei bis zwölf Probanden. Außerdem wird meist nur auf die Sprache der Migrantenkinder geschaut.“ Auch die Potsdamer Linguistin Heike Wiese, sagt sie, habe für die Untersuchungen zu ihrem Buch „Kiezdeutsch“ nur wenige Testpersonen einbezogen. Und diesen ein Aufnahmegerät in die Hand gedrückt, was nach Marosseks Ansicht die sprachliche Authentizität sicher beeinflusst hat. Sie selbst hat inkognito geforscht. Bewusst hat sie für ihre Doktorarbeit nur den Sprachgebrauch von Kindern deutscher Herkunft untersucht, genauer, von insgesamt 1395 Berliner Schülern. „Ich wollte wissen, wie Leonard und Kevin sprechen, und nicht, wie Murat spricht“, sagt sie. „Denn Murat ist zweisprachig aufgewachsen, bei dem weiß man nicht, ob er nicht anders will oder nicht anders kann.“

2010 führte sie ihre Forschungen durch, im selben Jahr gründete sie einen eigenen Verlag für Kinderbücher. Außerdem veranstaltet sie Lesungen in Kitas und Bibliotheken. „Denn wenn die Kleinen nicht sprechen können, dann können die Großen nicht lesen“, konstatiert sie. Im Laufe des Jahres besuchte Marossek 30 Schulen in allen 23 ehemaligen Berliner Bezirken und gab sich bei den Schülern, in Absprache mit der Schulleitung, als Referendarin aus, die sich mal den Unterricht ansehen wolle. In der hintersten Reihe sitzend schrieb sie fleißig alles mit, was das Hörumfeld hergab. Heraus kamen „drei Postkisten und eine Einkaufskiste“ gefüllt mit Aufzeichnungen aus 78 achten und zehnten Klassen. Für ihre Forschungen ein ideales Alter. „Mit 13, 14 sind die Kinder in der Hochpubertät und schnell auch sprachlich zu beeinflussen, mit 16, 17 hingegen etwas gefestigter“, begründet Marossek ihre Auswahl.

Nicht Fuchshöhle gehen!

Sowohl formelle Situationen wie den Unterricht als auch informelle wie Nebenkommunikation oder Pausendialoge, die wichtig seien für das Sozialgefüge und die Identitätsfindung der Schüler, gibt sie in ihrer Arbeit wider. Und häufig kann man sich bei der Lektüre ein Lachen nicht verkneifen. „Ja, die Dialoge sind der Hammer“, stimmt die Autorin zu. Im Deutschunterricht einer achten Klasse eines Neuköllner Gymnasiums etwa geht es um Fabeln. Samira: „An der Stelle des Hasen würde ich nicht Fuchshöhle gehen.“ Lehrer: „Das nennt man einen Bau. Fuchsbau.“ Samira: „Dann würde ich nicht Fuchsbau gehen.“ Nebenbei macht Katrin in einem Privatgespräch ihre Banknachbarin auf die körperlichen Defizite einer Dritten aufmerksam: „Wenn ich ihre Figur hätte, würde ich nicht Freibad gehen.“

Doch entgegen gängiger Vorurteile beschränkt sich dieser reduzierte Sprachstil längst nicht nur auf Neukölln und Kreuzberg. Schüler einer zehnten Klasse eines Wilmersdorfer Gymnasiums etwa unterhalten sich in der Pause über Pauls Strafarbeit. Leonard: „Paul muss Hof putzen. Er hat zwei Stunden Sozialarbeit gekriegt, als er gestern Rektorzimmer war.“ Helen: „Ja, haben alle schon erzählt. Erzähl mal, was war’n? Alle haben gesagt, du warst Rektor und keiner wusste warum.“

Eine der überraschendsten Erkenntnisse dieser Doktorarbeit ist aber, dass der als „Türkenslang“ abgewertete Ethnolekt nicht an der Altersgrenze haltmacht. Selbst im Lehrerzimmer konnte Marossek Dialoge wie diesen an einer Schöneberger Hauptschule belauschen: Lehrer: „Karin, ich geh mal schnell Bäcker, willst du was?“ Lehrerin: „Nein, danke, ich war heute Morgen Kamps, davon hab ich noch viel übrig.“ Dabei ließen die ernsthafte Mimik und Gestik beider Pädagogen keinerlei Ironie erkennen.

„Zum“ und „ins“ fallen einfach weg

Als wohl markantestes Phänomen benennt Marossek die sogenannte Kontraktionsvermeidung, das Weglassen also des Satzbausteins aus Artikel und Präposition wie „zum“ oder „ins“. Entgegen landläufiger Meinungen, diese Sprachreduzierung entstehe durch den Einfluss des Türkischen, das keine Artikel und Präpositionen kennt, vermutet Marossek noch einen weiteren Ursprung. „Wir Berliner, und nicht nur wir, kennen solche Formulierungen doch seit Jahrhunderten“, erklärt sie. „wir sagen ‚bist du mit Auto, ich geh auf Arbeit‘, oder in der U-Bahn ‚ich bin jetzt Zoo‘.“ Deshalb sei es für Berliner oder zum Beispiel auch Kölner einfacher, dieses Stilmittel zu übernehmen.

Aber auch rituelle Beschimpfungen analysierte sie, etwa diesen relativ inhaltsfreien Dialog: Jonas: „Paul, du Spast, Alter!“ Paul: „Du Behindi musst dich melden. Vollspast, man.“ Philipp: „Ihr seid beide die größten Oberspasten, man!“ Jonas: „Sackgesicht, du!“ Paul: „Behindert ohne Ende, man.“ Meist dienten diese Schlagabtausche der „Festigung der Stellung innerhalb der Gruppe beziehungsweise der Gruppe selbst“, schreibt Marossek. Besonders beeindruckte sie das Code-Switching, also das plötzliche Wechseln von einer Sprache in die andere, der deutschen Jugendlichen.

In Friedrichshain etwa saß sie neben einer Schülerin, die ihr eine gemischtsprachliche Entschuldigungstirade eines türkischen Schülers übersetzte. „Das lernt man hier“, kommentierte sie dann knapp. „Die Schüler nutzen das auch, um sich von den Lehrern abzugrenzen“, vermutet Marossek. Denn die verstehen den Sprachmix meist nicht.

Im Osten wird heftig berlinert

Ihre Erkenntnis: Alle Berliner Schüler, seien es Zehlendorfer Gymnasiasten oder Weddinger Hauptschüler, kennen dieses Phänomen der Kontraktionsvermeidung und wenden es an. Nur wann, darin unterscheiden sie sich. „Je niedriger der Schultyp, umso durchgängiger wird es benutzt“, fasst die Wissenschaftlerin zusammen. Gymnasiasten etwa und vor allem auch Schüler in Außenseiterrollen würden, sobald sie jemand beleidigt und sie sich in ihrer Identität angegriffen fühlen, anfangen, wie ein „großer, unnahbarer Getto-Jugendlicher“ zu sprechen. Denn das „in den Medien vermittelte Bild des Jugendlichen aus dem Migrationsmilieu, der sich nichts sagen lässt und eine gewisse Gesetzlosigkeit verkörpert, ist ein attraktives Bild für Jugendliche deutscher Herkunft in ihrer Selbstfindungsphase“, wie Marossek schreibt. Im Westen Berlins sei dies sehr viel häufiger als im Osten anzutreffen. Dort werde heftiger berlinert.

Wo soll denn das alles hinführen, werden Sie nun vielleicht verzweifelt ausrufen. Auch darauf hat Soziolinguistin Diana Marossek eine Antwort. „Entweder verliert sich das Phänomen irgendwann, so wie ja auch Facebook bei Jugendlichen plötzlich uncool wurde, oder es bleibt die Generationssprache der jetzigen Jugendlichen.“ Oder aber – und das halte sie für am wahrscheinlichsten – es bürgern sich bestimmte Formulierungen in der Umgangssprache ein. In diesem Sinne: „Geh mal Regal und hol Duden“.