Berlin ist eine Insel

Die unsichtbare Grenze zwischen Treptow und Neukölln

Die Berliner Mauer machte aus den Kleingärten entlang der Kiefholzstraße zwei Inseln. Zusammengewachsen sind die Laubenpieper in Treptow und Neukölln bis heute nicht.

Foto: David Heerde

Zwei Teile, die früher zusammengehörten. Dann kam die Mauer, die Nachbarn, Freunde, Familien trennte. Und als sie nach 28 Jahren fiel, hatten sich die Menschen in Ost und West oft nicht mehr viel zu sagen. Die Geschichte Berlins? Auch. Und die der Kleingärten links und rechts der Kiefholzstraße in Neukölln beziehungsweise Treptow.

„Schlimm war das“, sagt Bernhard Pilz aus der Kolonie Am Heidekampgraben und zeigt auf den Grünstreifen neben der Straße. „Hier fing die letzte Mauer an. Da war der Stacheldraht. Dahinter kamen die Spanischen Reiter und die Hundestaffeln.“ Er erinnert sich an Querschläger, wenn die Grenzer schossen „manchmal gingen die in die Lauben“.

Mittendrin der junge Bernhard Pilz, dessen Oma 1921 eines der ersten Gartengrundstücke bezogen hatte, und seine Eltern, in deren Laube er 1950 geboren wurde. Pilz erzählt von Menschen, die nachts durch die Kolonie schlichen, in der Hoffnung, irgendwie über die Grenze zu kommen. „Da konnte man immer nur sagen: ‚Lass es lieber. Das klappt nicht‘“. 15 Menschen starben beim Versuch, die Mauer zwischen Treptow und Neukölln zu überwinden.

„Die sind anders als wir“

Auf der anderen, der Westseite ging Karin Höft oft spazieren. „Mit meiner Mutti, das war schön“, sagt die 72-Jährige versonnen. Nicht die Mauer, die nicht natürlich, fügt sie hinzu und erzählt von den Jugendfreundinnen, die am Potsdamer Platz wohnten und die sie nach 1961 nicht mehr besuchen konnte. Aber irgendwann nahmen sie den Betonwall neben den Kleingärten gar nicht mehr war. Heute fallen ihr vor allem Anekdoten ein, wie die, als sie damals die Luke entdeckte, „die konnte man aufmachen und durchgehen. Da haben sie die Bonzen durchgeschleust, damit die im Westen einkaufen konnten“.

Seit fast einem Vierteljahrhundert ist alles weg. Stacheldraht, Spanische Reiter, Hundestaffeln. Nur die Mauer steht noch auf dem breiten Grünstreifen zwischen den Kleingärten. Unsichtbar zwar, aber fast so undurchlässig wie einst. „Nee“, sagt Karin Höft, „da gibt es keine Kontakte. Ich kenne keinen, der rübergeht. Und da kommt auch keiner.“ Sie sei mal da gewesen, „da haben die gesagt: ‚Bist ‘n Wessi?’ Das ist doch komisch. So was gibt’s gar nicht mehr, Wessi, Ossi.“

Nicht mal 500 Meter entfernt steht eine Kleingärtnerin, 75, in der Treptower Kolonie Sternwarte 1911 und gießt die Blumen. „Da drüben ist doch alles Westen“, sagt Gerda Brandt-Weiß. „Die sind anders als wir.“ Die Kleingartenverordnung müsse zum Beispiel dort nicht so streng eingehalten werden. Sie selbst gehört erst seit 1991 zu diesem „Wir“, ihr Mann habe damals den Garten schon gehabt, „nach acht Jahren Wartezeit“. Das ist wichtig, denn „eigentlich haben nur Kommunisten einen Garten bekommen, das war ja hier Grenzgebiet, da kam man nur mit Passierschein rein“. Ihr Mann aber habe jemanden gekannt, der bei der Vergabe der Gärten etwas zu sagen hatte. So bekam er eine der 55 Parzellen.

Dass „alles alte Kameraden“ in den Gärten jenseits der Straße leben, daran besteht auf der Westseite wenig Zweifel. „Wer so dicht an der Mauer gelebt hat …“, sagt ein 64-Jähriger, der in der Kolonie Neuköllnische Wiesen am Gartenzaun lehnt. Die „alten Kameraden“ machten die Sache mit der guten Nachbarschaft schwierig, und deshalb sei „die Trennung geistig immer noch da“.

Häuser mit Dachpappe, Gartenzwerge und Planschbecken, Aushänge in den Schaukästen am Eingang, die über die „Begehung der Gärten“ informieren, über den neuen Standort der Mülltonnen oder die Leihgebühren für Häcksler: Lägen nicht die viel befahrene Kiefholzstraße und der breite Grünstreifen zwischen Neukölln und Treptow, wäre der Wechsel zwischen Ost und West bei einem Spaziergang durch die Kolonien nicht zu merken.

Sogar die Probleme teilen sie: zu wenig Regen, zu viel Regen, Käfer, Schnecken, Raupen. Und die Sorge, wie es mit der Kolonie weitergeht. Um die 300 Kleingärten sind auf Neuköllner Seite schon verloren gegangen. Für den 16. Abschnitt der A100 sind die Bagger durch die Kolonien gerollt und haben die Lauben eingerissen. Hinter dem Garten in der Kolonie Helmutstal wächst nur noch Unkraut.

Platzhalter für die A100

Im Jahr 2022, so der Plan, sollen dort die Autos auf der Autobahn fahren. Deshalb mussten die Kleingärtner der Kolonien Alt-Ruhleben und Stadtbär vor fünf Jahren ihre Lauben und Gärten verlassen. Vor einem Jahr wurde alles eingeebnet, ebenso wie in den Gärten der Kolonie Schmidts Ruh, Heinrichs Ruh oder Treue Seele, die der A100 im Weg waren. Die grüne Insel im Dreieck zwischen der Ringbahn und den S-Bahn-Linien nach Schönefeld ist kleiner geworden, das Leben dort muss sich neu sortieren.

Auf dem schmalen Grundstück in der Nähe der Dieselstraße zum Beispiel. Die ältere Dame, die es bewirtschaftet, will ihren Namen lieber nicht sagen. Einen großen Teil ihres Grundstücks musste sie abgeben, dort werden gerade Wasserrohre für die Autobahn verlegt. Ihr verbliebener Garten ist an der schmalsten Stelle nur noch einen halben Meter breit, auf die breiteste passt gerade eben ihr kleines Häuschen. „Wo sollen denn da noch Obst und Gemüse hin?“, fragt sie. Die Rosen konnte sie umpflanzen, ein paar Obstbäume setzen.

Mit der Ruhe ist es so eine Sache, wenn ein paar Meter weiter hinter der grünen Sichtschutzfolie ein Bagger scheppernd und röhrend meterlange Metallteile aus dem Boden zieht und die Erde unter dem frisch gemähten Rasen alle paar Minuten zittert. Immerhin durfte sie bleiben, nachdem es zuerst geheißen hatte, sie müsste raus. Vielleicht hätte sie einen neuen Garten bekommen, aber nach 30 Jahren ein anderes Grundstück? Da findet sie sich lieber mit allem ab, mit dem winzigen Garten und dem Lärm.

Auf dem östlichen Teil der Insel gibt es keine Autobahn-Baustelle. Und dennoch müssen auch die Bewohner dort um ihre Gärten bangen. Die Grundstücke in der Sternwarte 1911 zum Beispiel wurden vor vier Jahren verkauft, wie es weitergeht, wissen die Bewohner nicht. Grün, direkt an der S-Bahn, und künftig auch noch mit Autobahnanschluss: Das sei ja eine günstige Lage für Investoren, sagt Gerda Brandt-Weiß besorgt. Sicherungsstufe 1a hat die Kolonie im Kleingartenentwicklungsplan, das bedeutet: „Kleingärten auf privaten Flächen, die nach den Darstellungen des FNP für eine andere Nutzung vorgesehen sind.“

FNP steht für Flächennutzungsplan, und der macht den Berliner Laubenpiepern zu schaffen. Im Flächennutzungsplan legt Berlin fest, was an welcher Stelle gebaut werden darf – die Treptower Grundstücke zwischen S-Bahn und Kiefholzstraße sind dort rosa markiert, als „Wohnbaufläche“. Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) hatte schon vor mehr als einem Jahr angekündigt, dass auch Kleingärten für neue Wohnungen weichen müssten.

Ost und West aber bringt die Angst um die Gärten nicht zusammen. Die Vorstände der Vereine träfen sich manchmal, erzählt Bernhard Pilz, und habe es da nicht sogar mal einen gemeinsamen Arbeitseinsatz gegeben? Gegenüber, auf der Westseite, kann sich Rudolf, seit 50 Jahren Neuköllner Kleingärtner, nicht an grenzübergreifendes Arbeiten in den Kolonien erinnern. „Als die Mauer fiel, war die Begeisterung natürlich da“, sagt der 84-Jährige, der nur seinen Vornamen verraten will. „Aber die drüben haben sich zurückgezogen.“

Streng getrennte Sommerfeste

Vielleicht liegt es auch einfach nur an der Kiefholzstraße, die bei Stau auf der Köpenicker Landstraße zur Ausweichstrecke wird. Joel und Jeremy, acht und neun Jahre alt, dürfen jedenfalls nur wegen der Autos nicht einfach mal auf die andere Seite rennen, um dort nach anderen Jungs zum Fußballspielen zu suchen. Von einer unsichtbaren Mauer haben die beiden Kinder noch nie etwas gehört.

Und dennoch: Nicht einmal zu den Sommerfesten, Höhepunkt des Kolonie-Jahres, nimmt der Grenzverkehr zu. Karin Höft zum Beispiel feiert gern in der Märkischen Schweiz oder bei den Nachbarn von Alt-Ruhleben mit. Beim Sommerfest der Sternwarte 1911 war sie noch nie. Wie auch? Sogar die Flyer an den Laternen, die zu den Partys mit Bratwurst und Kinderschminken einladen, hängen streng nach Ost und West getrennt. Auf beiden Seiten.

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