Baustelle U5

Tonnenschwere Teile für „Bärlinde“ schweben durch Berlin

Kolosse fahren durch Berlin: Drei je 104 Tonnen schwere Bauteile des Tunnelbohrers „Bärlinde“ sind durch die Stadt zur Baustelle der U5 transportiert worden - auch logistisch eine Schwerstaufgabe.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Staus zu später Stunde, so etwas passiert den Autofahrern in Berlin nicht allzuoft. Doch in den vergangenen beiden Nächten kam der Autoverkehr gleich an mehreren Stellen in Moabit, Tiergarten und Mitte erheblich ins Stocken. Verantwortlich dafür waren insgesamt vier nicht alltägliche Transporte. Tieflader transportierten riesige, insgesamt über 200 Tonnen schwere Stahlteile quer durch die Stadt. Ihr Ziel: die Baustelle für die Verlängerung der U-Bahnlinie 5 schräg gegenüber vom Roten Rathaus in Mitte.

Von dort aus hatte die Tunnelvortriebsmaschine „Bärlinde“ in den vergangenen Monaten einen ersten, exakt 1617 Meter langen Tunnel bis kurz vor den Bahnhof Brandenburger Tor gebohrt. Doch da die U-Bahn üblicherweise auf zwei Gleisen fahren wird, ist noch eine zweite Röhre erforderlich. Anders als etwa eine Schneefräse auf der Straße kann „Bärlinde“ jedoch nicht einfach umkehren und zurückfahren. Der insgesamt 700 Tonnen schwere und 75 Meter lange Koloss wird für die neue Tunnelfahrt vielmehr in seine vielen Einzelteile zerlegt und zum Startschacht am Roten Rathaus zurückgebracht.

Teile bleiben unter der Erde

Doch einige der wichtigsten Teile des Riesenbohrers können den Umzug nicht mitmachen. Dazu gehört etwa das 54 Tonnen schwere Schneidrad, mit dem sich „Bärlinde“ durch den mit Findlingen und Geschiebemergel durchsetzten märkischen Sand gefressen hat. Auch weitere Bauteile wie eine dicke Stahlhülse (47 Tonnen) unmittelbar hinter dem Schneidrad gehören dazu, ebenso der Schildschneider und der sogenannte Schildschwanz, die zusammen 112 Tonnen auf die Wage bringen. Sie alle können den Umzug zum Ausgangspunkt der Tunnelbohrung nicht mitmachen und bleiben in 20 Metern Tiefe stecken.

Der Grund: Die Teile haben mit einem Durchmesser von fast sieben Metern größere Ausmaße als die mit Betonteilen – sogenannten Tübbingen – verkleidete Tunnelröhre (Innendurchmesser 5,70 Meter) dahinter, sie passen schlicht und einfach nicht hindurch. „Das Schneidrad wird daher mit Schneidbrennern direkt an Ort und Stelle zerlegt und wandert dann anschließend in den Schrott“, beschreibt Benjamin Sokolowski von der Baufirma Bilfinger Construction den weiteren Fortgang der Arbeiten.

Ersatz muss also her. Und der traf in der Nacht zu Mittwoch zunächst per Schiff im Berliner Westhafen ein. Dort wurden die tonnenschwere Bauteile, geliefert vom „Bärlinde“-Hersteller Herrenknecht, auf Tieflader gepackt. Verantwortlich für den gesamten Transport war DB Schenker, das Logistikunternehmen der Deutschen Bahn. Die Route für den Fahrzeugkonvoi mit Überbreite wurde kurzfristig noch einmal verlegt und führte über die Stadtautobahn sowie über die Leipziger Straße und den Mühlendamm bis zum Startschacht am Roten Rathaus. „Der Transport lief ganz nach Zeitplan, wir sind sehr gut durchgekommen“, berichtete Bilfinger-Sprecher Sokolowski im Anschluss.

In der Nacht zum Donnerstag sollte noch das neue Schneidrad mit seinen fast sieben Meter Durchmesser angeliefert werden. „Das Schneidrad kommt jedoch aus Dresden und wird direkt über die Autobahn nach Berlin transportiert“, so Sokolowski. Alle Bauteile werden zunächst auf der großen U-Bahn-Baustelle am Spreeufer gegenüber dem Schloßplatz zwischengelagert. Im September sollen sie dann von Spezialkränen in den Startschacht gehievt und in der Tiefe zusammengebaut werden. „Nach der jetzigen Planung werden wir Ende Oktober mit dem Vortrieb für die zweite Tunnelröhre beginnen“, sagte Sokolowski.

Nur noch eineinhalb Meter

Die erste Röhre ist derweil quasi fertig – dank eines ordentlichen Endspurts von „Bärlinde“. In den vergangenen Wochen schaffte der Bohrer bis zu 20 Meter am Tag, die Durchschnittsgeschwindigkeit für die 1,6 Kilometer liegt bei rund elf Metern. So konnten die Verantwortlichen rund fünf Wochen der insgesamt sechs verlorenen Monate wieder aufholen. Wegen Problemen mit dem Grundwasser am künftigen U-Bahnhof Museumsinsel mussten die Arbeiten für ein halbes Jahr gestoppt werden. Jetzt fehlen nur noch eineinhalb Meter bis zum U-Bahnhof Brandenburger Tor, wo die U5 mit der U55 dann Ende 2019 zur neuen U-Bahnlinie 5 zusammengeführt werden soll.

Die letzte Wand durchbrechen die Arbeiter im Februar von Hand. Bis dahin wird „Bärlinde“ wahrscheinlich gut voran gekommen sein, der zweite Tunnel soll im Frühjahr 2015 gebohrt sein. Die Tunnelbauer profitieren dabei von den Erfahrungen, die sie mit Röhre Nummer eins machten. So wurde die Spree allein zweimal unterquert – einmal auf Höhe der Schlossbrücke bei der Museumsinsel. Damit der Druck des Bohrers die Sohle des Spreekanals an dieser Stelle nicht anhob, wurde das Flussbett mit insgesamt 233 Tonnen schweren Sandsäcken ballastiert. Unter dem Humboldt-Forum mussten sich die Ingenieure auf ständig wechselndes Gewicht über ihnen einstellen. Ursache waren die Baufortschritte beim neuen Stadtschloss.

Foto: Rainer Jensen / dpa