Außenwerbung

Die Berliner S-Bahnen werden wieder zu rollenden Werbetafeln

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Lorenz Vossen

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Seit 2002 gibt es ein Werbeverbot an Zügen der Deutschen Bahn. Das soll sich jetzt ändern. Statt der markanten Lackierung in Rubinrot und Ockergelb wird es demnächst Werbung auf den Zügen geben.

Vor gut 20 Jahren fuhr eine froschgrüne S-Bahn durch Berlin. Der ehemalige Radiosender „Hundert,6“, zu seiner Zeit einer der ersten Privatsender Berlins, buhlte auf den Zügen um Hörer. In recht ungewohnter Farbgebung außen; im Inneren war sogar das Programm zu hören.

Genau so wird es jetzt wieder kommen: Statt des bekannten Rubinrot und Ockergelb prangen auf den S-Bahnwagen bald die Farben von werbewilligen Unternehmen.

„Bis die Werbung auf die Züge kommt, ist es nur noch eine Frage der Zeit“, sagt Marc Sausen, Sprecher der Ströer Media AG, die sich um die Vermarktung kümmert. Gebucht werden können jeweils ein oder mehrere Viertelzüge, die Laufzeit muss mindestens drei Monate betragen.

Werbeverbot seit 2002

Es ist ein plötzlicher Kurswechsel. Ende 2001 entschied die Deutsche Bahn, Mutterkonzern der Berliner S-Bahn, keine Außenwerbung mehr auf ihren Zügen zu erlauben. In einem TV-Interview äußerte der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn, er wolle keine rollenden Werbetafeln in seiner Flotte.

Durch die Abkehr werden in naher Zukunft neben Berlin auch S-Bahn-Züge in München, Hamburg, Hannover, den Regionen Rhein-Neckar und Nordrhein-Westfalen sowie verschiedene Regionalzüge mit Werbefolien beklebt.

„Mit den Werbeflächen an den Außenseiten unserer Züge möchten wir unsere vorhandenen Werbeflächen in den Zuginnenräumen sinnvoll erweitern“, heißt es bei der Berliner S-Bahn.

Bis zu 1700 Euro pro Monat

Noch ist unklar, in welchem Umfang die Werbung in Berlin auf die Züge kommt. Im Verkehrsvertrag ist festgeschrieben, dass Tür- und Fensterflächen frei bleiben müssen, auch die Zugköpfe werden nicht bedeckt. Ströer unterscheidet zwischen Ganz- und Teilgestaltung, wobei der Viertelzug entweder nur bis zum Fenster – oder komplett beklebt wird.

Für einen Viertelzug werden je nachdem 1300 oder 1700 Euro pro Monat fällig. Allerdings will die S-Bahn nicht die komplette Flotte zur Vermarktung freigeben.

Seit drei Wochen prüft Ströer die Angebote für Berlin, Namen von potentiellen Werbekunden werden noch keine genannt. Das Unternehmen mit Sitz in Köln – 2200 Mitarbeiter, Jahresumsatz 635 Millionen Euro – kaufte der Bahn 2005 ihr Tochterunternehmen Deutsche Eisenbahn-Reklame GmbH ab, das bis dahin für die Werbung verantwortlich war.

Seitdem fungiert es unter dem Namen Ströer DERG Media GmbH. Kunden von Ströer bekommen auf Wunsch auch Werbefläche auf Haltegriffen oder den Heckscheiben von Bussen. Im Bereich der Außenwerbung – zu der auch Verkehrsmittelmedien zählen – sei Ströer in Deutschland Marktführer, so Sausen.

Wenig Text, auffällige Farben und Logos

Aus Sicht der Unternehmen ist Werbung auf Verkehrsmitteln natürlich attraktiv. Die Botschaft ist ständig unterwegs und hat eine hohe Reichweite. „Wir erreichen die hoch mobile Zielgruppe der Pendler“, sagt Sausen, durch diese Form der Werbung könne eine Marke zum „Gesprächsstoff“ werden.

Eine Devise sei: wenig Text, auffällige Farben und Logos. Für jeden Kunden muss die Bahn am Ende ihr Okay geben, erlaubt sein soll alles, außer „rechtswidrige, rassistische, sexistische oder gegen die guten Sitten verstoßende Motive“. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben das für ihre Werbung übrigens so definiert: keine Tabakwaren, keine Erotik, keine Parteien und Religionen.

Doch egal, wer am Ende wirbt: Vielen Berliner wird das neue Aussehen der Züge nicht gefallen. „Wir haben damit Bauchschmerzen“, sagt auch Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb. „Die klassische Gestaltung leidet.“ Zudem sei nicht klar, was mit den zusätzlichen Einnahmen passiere. Sie müssten sich eigentlich im Fahrpreis widerspiegeln, was wohl nicht der Fall sein werde, so Wieseke.

Berlinern ist Aussehen heilig

Versuche, das Aussehen der S-Bahn zu ändern, gab es oft. Im Rahmen eines Modernisierungsversuchs brachte die Deutsche Reichsbahn 1959 die ersten Wagen der Nachkriegsbaureihe auf die Strecke – blau-weiß mit goldenem Streifen.

Von dem „Blaues Wunder“ genannten Modell waren die Berliner nicht sonderlich begeistert, Mitte der 60er-Jahre tauchte es wieder in den gewohnten Farben auf. Die Wagen der Baureihe 485, die heute noch fahren, kamen in den 80er-Jahren in Rot und Grau daher, was ihnen den Spitznamen „Coladosen“ einbrachte. Sie wurden ab 2007 wieder umlackiert. Auch ein Prototyp der Baureihe 480 in Kristallblau hielt nicht lange durch: In einer Umfrage stimmte ein Großteil der Berliner gegen die eigenwillige Farbe.

Gegen Werbung konnten aber auch die passioniertesten S-Bahnfahrer nichts ausrichten. Bis zum Verbot 2002 warben etwa die „Süddeutsche Zeitung“, das „Freizeit- und Erholungszentrum Wuhlheide“ oder diverse Radiosender. Zur Einführung des Euros gab es einen blauen Zug mit gelben Sternen, jedoch nur für kurze Zeit. Blaue Züge hatten es in Berlin immer besonders schwer.