Berliner Perlen

Im „Dollyrocker“ gibt es Fashion für die Kleinsten

Mit dem Kindermodelabel „Dollyrocker“ haben zwei Berlinerinnen einen Hit gelandet. Sie verkaufen in ihrem Laden Kreationen aus Second-Hand-Stoffen - mal frech, mal brav, nie kitschig oder übertrieben.

Foto: Jörg Krauthöfer (3) / KRAUTHOEFE

Ein bisschen Bullerbü, ein Quäntchen Villa Kunterbunt: mit dem lustigen Logo an der Hauswand, blauem Stühlchen und Bänkchen am Eingang erinnert der Laden des Kindermodelabels „Dollyrocker“ in an der Gärtnerstraße in Berlin-Friedrichshain an Astrid Lindgrens Kinderbücher.

Gleich müsste Pippi Langstrumpf um die Ecke hüpfen. Zumindest gehören „Pippi-Langstrumpf-Wickelkleider“ zur Kollektion der Chefinnen Gabi Hartkopp und Ina Langenbruch. „Kleinkindermode – da sind wir total zufällig hineingewachsen“, sagt Ina Langenbruch. „In jeder Kita-Gruppe erkennen wir auf den Köpfen der Kleinen unsere Mützchen wieder.“ Die beidseitig tragbaren Eigenkreationen ab 16 Euro „passen super und sind der Renner“, sagt Geschäftspartnerin Gabi Hartkopp.

Eigenwillige Unikate

Mal frech, mal brav, mal schräg, nie kitschig oder übertrieben niedlich sind die kunterbunten, eigenwilligen Unikate des Labels: Collagen aus gut erhaltenen gebrauchten Stoffen. Der lichte Verkaufsraum mit Dielenboden und Spielecke ist eine Wohlfühl-Oase zum entspannten Stöbern – für Eltern, Kinder und Geschenke suchende Patentanten.

„Wir setzen auf direkten Kundenkontakt“, sagt Ina Langenbruch. Zudem eignen sich Unikate kaum für den Online-Verkauf, eröffnen aber kreativen Freiraum für ein eigenes Label zu bezahlbaren Preisen. Jacken etwa bis Größe 110 gibt es ab 50 Euro. Oder lustig-bunte fünfteilige Kapuzenshirts für Mädchen ab Größe 92 für 40 bis 50 Euro: gestreifte Ärmel, pinkfarbene Plüsch-Kapuze, Taschen und Rückenteil aus Strickpulli-Resten. Mädchen- und Jungenkleidung halten sich die Waage.

Sorgfältig ausgesuchte Naturfaser-Stoffe entdecken die Designerinnen auf Trödelmärkten und in Second-Hand-Läden. Vollständig auseinandergeschnitten, bilden sie die Basis für Neues. Stoffballen stapeln sich in Regalen der beiden Ateliers. Dort wird auf riesigen Tischen zugeschnitten, mehrere Nähmaschinen – unter anderem eine Overlock-Maschine für elastische Nähte und dehnbare Stoffe – sind im Dauereinsatz.

„Kinder sind schlau, die merken den Schummel“

Aus alter Bettwäsche zaubern die Expertinnen gefütterte Patchwork-Krabbeldecken, aus winzigen Stoffresten abenteuerlich gemusterte Ohren für die beliebten Stoffhasen. Drei Angestellte helfen im Verkauf und beim Schneidern: „Eine Mitarbeiterin ist Kuscheltier-Expertin“, sagt Ina Langenbruch und erzählt lächelnd von Aufträgen verzweifelter Mütter, „abgeliebte“ Dollyrocker-Stofftiere zu reparieren oder nachzunähen. Nicht einfach: „Kinder sind schlau, die merken den Schummel.“

Ausgelagert ist nur die Krabbelschuh-Herstellung: eine Studienbekannte fertigt sie in ihrer Werkstatt aus Schadstoff-getestetem pflanzlich gegerbtem Nappaleder: allergen- und schwermetallfrei, daher auch barfuß tragbar. Recycling ist gesund, wissen die Spezialistinnen: „Die mehrfach gewaschenen Stoffe sind hautverträglicher als neue Textilien. Denn diese sind mitunter extrem schadstoffbelastet. „Vielen Eltern ist nicht klar, dass Kindersachen vor dem ersten Tragen unbedingt gewaschen werden müssen“, sagt die zweifache Mutter Gabi Hartkopp.

Seit einigen Jahren bietet das Team auch Produkte großer Labels an. Eine kleine Auswahl ausgefallener Federtaschen, Schreibwaren, Kindertaschen, -beutel und -rucksäcke rundet das Sortiment ab. Ina Langenbruch findet es „super, dass der Öko-Trend sich durchsetzt und weiterentwickelt“. Doch sei niemand so perfekt, seine gesamte Garderobe danach auszurichten. „Den Bio-Aspekt sehen wir nicht dogmatisch“, sagt die 46-Jährige, die ebenfalls zwei Kinder hat. Stammkunden sind junge Leute und Familien aus ganz Deutschland. Das Label hat eine internationale Fangemeinde: Touristen aus Japan, Frankreich, Italien, den USA, Dänemark, Schweden schauen vorbei, auch Promis wie Sängerin Pink.

Schritt in die Selbstständigkeit

Noch vor zehn Jahren habe das Viertel mit Leerstand zu kämpfen gehabt. Dem zu begegnen und den Kiez zu beleben, habe das Quartiermanagement das Existenzgründer-Projekt „Boxion“ ins Leben gerufen, um Kunstschaffende und Gewerbetreibende anzulocken. Die ehemaligen Modedesign-Studienkolleginnen sahen hier 2002 ihre Chance.

Gabi Hartkopp, gelernte Krankenschwester aus Thüringen, die nach der Wende ihr Abitur nachholte, entdeckte ihr Faible „für alles, was man mit der Hand schaffen und das Resultat sehen kann“. Ina Langenbruch absolvierte eine Schneiderlehre im heimischen Ruhrgebiet, bevor sie 1995 zum Studium nach Berlin kam. Als sich die Designerinnen mit ihrem Konzept „Recyclingmode“ beim „Boxion“-Projekt bewarben, wollten sie dem „Wegwerf-Zirkus etwas entgegensetzen“, so Gabi Hartkopp. Inzwischen kann das ganze Team gut von dem Geschäft leben. Der Schritt in die Selbstständigkeit – für Ina Langenbruch und Gabi Hartkopp eine Erfolgsgeschichte.

Dollyrocker, Gärtnerstraße 25, Friedrichshain, Tel. (030) 54 71 96 06, Mo. - Fr. 10–19 Uhr, Sa. 11–17 Uhr

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.