Olympia

„Olympische Spiele in Berlin sind kein Selbstläufer“

Berlin könnte sich um die Olympischen Spiele 2024 bewerben. Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes, ist dafür. Er weiß aber auch: Es gibt viel Skepsis in der Hauptstadt.

Foto: Amin Akhtar

Nach der Absage Münchens an eine Bewerbung für Olympische Winterspiele überlegt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), mit Berlin oder Hamburg in das Rennen um Olympische Sommerspiele 2024 zu gehen. Bis zum 31. August haben beide Städte Zeit, einen Fragenkatalog über die Ausgangsposition zu beantworten. Jens Anker sprach mit dem Präsidenten des Landessportbundes, Klaus Böger, über den Sinn, die Machbarkeit und die Vorbehalte gegen Großprojekte wie Olympische Spiele in der Stadt.

Berliner Morgenpost: Herr Böger, der Deutsche Olympische Sportbund erwägt, sich für Olympische Spiele zu bewerben. Sollten die Spiele in Berlin stattfinden?

Klaus Böger: Ja. Davon bin ich überzeugt. Wenn der DOSB sich für Olympische Spiele entscheidet, dann kommt nur Berlin infrage. Das ist keine Abwertung der wunderschönen Stadt Hamburg, sondern eine Würdigung dessen, was die Sportmetropole Berlin bereits hat und im internationalen Wettbewerb leisten kann.

Ist das überhaupt ein glückliches Verfahren, eine Art Duellsituation zwischen zwei Städten herzustellen?

Nein, das finde ich nicht gut. Das macht der DOSB auch nicht. Ich teile die Auffassung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Ein Städtewettkampf bringt nichts und produziert nur Verlierer. Die 13 Fragen an beide Städte sind eine Aufforderung zur Interessenbekundung. Dann muss die Mitgliederversammlung des DOSB entscheiden. Auch als Berliner würde ich akzeptieren, wenn die Entscheidung am Ende auf Hamburg fällt.

Sie wollen eine Bewerbung mit dem Rückenwind der Berliner vornehmen. Wie wollen Sie das erreichen?

Ich empfehle dem Senat, seine Interessenbekundung klar und zugleich offen für breite Beteiligung zu formulieren. Niemand erwartet vom Senat im August exakte Festlegungen, wo das Olympische Dorf hinkommt. Es müssen Optionen entwickelt werden und es müssen innerhalb des nächsten Jahres Instrumente der Beteiligung organisiert werden. Was wir nicht machen können, ist ein Volksentscheid auf Initiative des Senats. Das sieht die Berliner Verfassung nicht vor. Ich glaube, man könnte eine gesetzliche Regelung finden, in der die Regierung verbindlich zusagt, sich einer Befragung zu unterwerfen, die nach dem gleichen Muster eines Volksentscheides abläuft.

Wie erleben Sie die Zustimmung oder Ablehnung zu den Spielen in Berlin?

Ich führe viele Gespräche mit politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträgern und ich höre mich bei den Menschen um. Olympische Spiele sind kein Selbstläufer, es gibt viel Skepsis. Aber es entwickelt sich bei vielen Menschen ein Interesse zu sagen, das ist eine Vision für Berlin. Du kannst die Vielfalt und Lebensqualität dieser Stadt zeigen, junge Menschen aus aller Welt zum Sport in die Stadt bringen, die Sportstätten und die Infrastruktur verbessern und Berlin als Schaufenster für ganz Deutschland präsentieren. Das ist schon eine tolle Sache. Olympische Spiele geben einen riesigen Anstoß für den Sport in der Spitze und in der Breite. Wir sind eine sportbegeisterte Stadt, für Aktive und für das Publikum.

Es heißt, ein Vorteil von Berlin ist, dass hier schon viele Sportstadien und Arenen stehen. Ist das tatsächlich so?

Ja. Ich kenne die Kritik am Internationalen Olympischen Komitee. Aber ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, dass das IOC eine Reformagenda im Dezember zur Entscheidung stellt. Und diese sieht vor, bei der Vergabe von Olympischen Spielen künftig Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und Stadtverträglichkeit zu berücksichtigen. Nicht Berlin muss sich an Olympia anpassen, sondern Olympia muss sich an die Gegebenheiten in Berlin – einer lebenswerten Metropole in Europa – anpassen. Ich rate, sich dringend mit Brandenburg zusammenzusetzen. Dort gibt es eine natürliche Regattastrecke, dort gibt es in Neustadt an der Dosse ein riesiges Gestüt von Weltrang. Mit Mecklenburg-Vorpommern sollte man über Segelwettbewerbe reden und mit Sachsen über die Einbeziehung der Wildwasserbahn in Markkleeberg. In Berlin ist vieles vorhanden, wir haben hier eine Radrennbahn, ein Olympiastadion, aber wir haben auch Bedarf an temporären Sportanlagen.

Die Schwimmeuropameisterschaften finden in diesem Jahr im Velodrom statt und nicht in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee, weil dort die Vorgaben des europäischen Schwimmverbandes nicht eingehalten werden können. Droht so etwas nicht auch bei anderen Sportanlagen?

Das ist richtig. Die Zuschauerkapazitäten reichen nicht aus, deshalb sind hier Kreativität und Intelligenz gefragt. Wo baut man temporäre Anlagen hin? Man könnte ein Schwimmbad bauen, das hinterher weiter betrieben wird, bei dem aber die Zuschauerränge wieder abgebaut werden können. In London wurde das auch so gemacht. Wir brauchen Ideen. Was nicht geht, ist eine Schwimmarena mit festen Tribünen, die nach dem Wettbewerb kein Mensch mehr braucht.

Sie haben die Reformagenda schon angesprochen. Wie ernsthaft sind aber solche Ankündigungen vor dem Hintergrund der Korruptionsvorwürfe bei den Weltsportverbänden Fifa und IOC?

Das IOC ist nicht die Fifa. Wer schwere Vorwürfe erhebt, muss sie auch belegen. Ich habe Respekt vor und Vertrauen zu IOC-Präsident Thomas Bach. Wenn er Reformen anregt, wird er sie auch zum Abschluss bringen. Im Entwurf steht übrigens auch, dass die Bieterverfahren nicht mehr so viel Geld kosten sollen. Ich nehme das ernst. Bach spricht vor der Uno und hat in Rom gesprochen, nachdem die Stadt auf eine Bewerbung aus Kostengründen verzichtet hat. Er hat sich ausdrücklich gegen Gigantismus und für stadtverträgliche Spiele ausgesprochen. Die Botschaft höre ich, ich erwarte, dass das IOC im Dezember darüber entscheidet.

Die Nachnutzung der Sportanlagen ist ebenfalls vielerorts ein Problem. Gerade in einer Zeit, in der der Trend eher weg vom Vereins- und hin zum Individualsport geht. Wird die Nachnutzung großer Sportanlagen da nicht schwerer?

Da bietet doch Berlin großartige Beispiele. Ein Effekt der misslungenen Bewerbung für Olympische Spiele 2000 ist die Schmeling-Halle, sind die Schwimmhalle Landsberger Allee und das Velodrom. Wir hätten heute kein Sechstagerennen dort, nicht das schönste Babyschwimmen, das es gibt, und nicht so eine großzügige Halle für Spitzensport mit neun Nebenhallen für den Breitensport. Das ist eine gelungene Verbindung von Spitzensport und kommunalem Breitensport. Wir haben auch das Olympiastadion. Hertha spielt da, das Pokalfinale findet dort statt und im nächsten Jahr das Champions-League-Finale. Es wird und darf keine Nachnutzungsruinen geben wie in anderen Olympiastädten. Da bin ich ganz sicher.

Jetzt haben wir noch gar nicht über Kosten gesprochen. Trotz des Bestands brauchen wir neue Anlagen. Wie können die Kosten im Griff gehalten werden?

Erst einmal müssen die Karten offen auf den Tisch. Da muss man drei Dinge trennen. Erstens: die Bewerbungskosten. Der Regierende Bürgermeister hat die Höchstzahl mit 60 Millionen Euro für die Bewerbung genannt. Das halte ich für zu hoch, aber besser zu hoch als zu niedrig. Zweitens: die Organisationskosten für die Durchführung der Spiele. Alle Städte, auch London und Sotschi, machen aus diesen Kosten ein Plus, das ist belegt. Drittens: die Kosten für die sportliche Infrastruktur. Die kostet etwas. Andere Infrastrukturkosten, wie der Bau eines behindertengerechten Olympischen Dorfes, kann man nicht als Olympiakosten deklarieren. Danach wohnen da doch mindestens 18.000 Menschen in barrierefreien Wohnungen. Das sind Infrastrukturkosten, die aus Anlass der Spiele anfallen, aber der Stadt dauerhaft nützen.