S-Bahn

Gefangen im Aufzug – Rentner wartet 45 Minuten auf Hilfe

Klaus Manthey wollte zu einem Termin – und kam zu spät. Der 74-Jährige steckte am Ostbahnhof in einem Fahrstuhl fest. Doch die Hilfe ließ auf sich warten. Der Rentner kam mit einem Schrecken davon.

Foto: Massimo Rodari

Nach fünf Minuten wird Klaus Manthey unruhig. Eine automatische Durchsage hat ihm mitgeteilt, dass der Fahrstuhl außer Betrieb ist, aber das hat der 74-Jährige längst selbst bemerkt. Immer wieder drückt er die Notruf-Taste, drei Sekunden lang, wie auf dem Hinweisschild angegeben. Doch aus dem Lautsprecher kommt nur ein undefinierbares Knarzen.

Es ist Freitag, kurz vor 18 Uhr, Manthey steckt in einem Aufzug am Ostbahnhof fest, und offenbar weiß niemand Bescheid. Er beginnt, um Hilfe zu rufen.

Es ist ein unschönes Szenario. Gefangen in einem Aufzug, von der Außenwelt abgeschnitten – und keine Hilfe in Sicht. Einem Prüfbericht des TÜV Rheinland zufolge kommt das in Berlin zu oft vor. Die Experten kontrollierten im vergangenen Jahr 40.000 Aufzüge im gesamten Stadtgebiet auf ihre Sicherheit, auch im öffentlichen Personennahverkehr. Insgesamt wies jeder zweite Mängel auf, jeder zehnte sogar erhebliche. Bei 225 waren diese so groß, dass die Aufzüge umgehend außer Betrieb genommen werden mussten.

Jeder zweite Aufzug mit Mangel

Laut TÜV Rheinland gehören defekte Notrufsysteme der Aufzüge zu den typischen Problemen. Bei älteren Modelle gibt es einen akustischen Notruf, der im Gebäude ertönt. Wer den Notruf hört, verständigt den sogenannten Aufzugswärter – zum Beispiel den Hausmeister. Die entsprechende Telefonnummer sollte immer im Erdgeschoss außen am Aufzug angegeben sein, so die Experten.

Bei modernen Aufzügen, so wie auch an den Berliner S-Bahnhöfen, wird der gefangene Insasse per Freisprechanlage mit einer Notrufzentrale oder dem Gebäudemanagement verbunden. Der Ansprechpartner am anderen Ende weiß, um welchen Aufzug es sich handelt und schickt Hilfe. Innerhalb von spätestens 30 Minuten sollte laut TÜV Hilfe da sein.

Doch bei Klaus Manthey dauert es deutlich länger. Nach zehn Minuten ruft er über sein Handy die Polizei. Die verspricht, Hilfe zu schicken. Nach mehr als einer viertel Stunde meldet sich plötzlich eine Stimme im Lautsprecher des Aufzugs. Eine Wartungsfirma der Deutschen Bahn würde in einer halben Stunde vorbeikommen, heißt es.

Kein Interesse an Gesundheitszustand

Am Ende ist es die Feuerwehr, die Manthey befreit, auch zwei Mitarbeiter von DB Sicherheit sind anwesend. Manthey hat 45 Minuten in dem Aufzug festgesteckt. „Niemand hat mich nach meinem Namen oder meinem Gesundheitszustand gefragt“, sagt der Rentner.

Die Berliner S-Bahn bedauert den Vorfall. Dem Betroffenen sei allerdings mitgeteilt worden, dass Hilfe unterwegs ist. Er habe trotzdem die Feuerwehr verständigt.

Dem Fahrgastverband Igeb kommen Beschwerden über defekte Aufzüge und Notrufsysteme „eher selten“ zu Ohren. Aber dass die Feuerwehr das Problem lösen müsse, könne nicht sein, so Sprecher Jens Wieseke. „Die Bahn muss schnelle Hilfe und ein funktionierendes Notrufsystem gewährleisten können.“ Laut S-Bahn lag die Verfügbarkeit der 225 Aufzüge im Juni diesen Jahres bei 95 Prozent.

Den Experten vom TÜV macht derweil die hohe Dunkelziffer nicht geprüfter Aufzügen Sorgen. Da 2003 in Deutschland die Betriebssicherheitsverordnung geändert worden sei und es seitdem keine durchgängige und kontrollierte Meldepflicht mehr gebe, sei es einfach, durch das Raster zu fallen. „Wir können nur dringend raten, die Sicherheit ernst zu nehmen“, sagt der Geschäftsfeldleiter Aufzugsanlagen, Thomas Pfaff. „Wartung, Instandhaltung und Prüfung dürfen nicht ausschlaggebend sein, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht.“

BVG nimmt Thema ernst

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wissen um das Problem defekter Notruf-Tasten. „Diese werden bei uns streng kontrolliert“, sagt Sprecherin Petra Reetz. Die Verfügbarkeit der 140 BVG-Aufzüge liege bei 98 Prozent. Bleibt ein Fahrgast stecken, informiert er über den Alarm zunächst die Herstellerfirma des Aufzugs.

Diese informiert wiederum die BVG, die dann einen ihrer Bahnhofsmanager aktiviert, damit dieser Kontakt mit dem Betroffenen aufnimmt und ihn beruhigt. Braucht die Herstellerfirma zu lange, um das Problem zu lösen, ruft die BVG die Feuerwehr zu Hilfe. „Bei uns bleibt niemand 45 Minuten in einem Aufzug stecken“, sagt Reetz.

Klaus Manthey ist mit dem Schrecken davon gekommen. Er will allen Fahrstuhlnutzern noch einen Rat mit auf den Weg geben: „Habt immer ein Handy dabei.“