Sterbliche Überreste

Charité gibt 14 Aborigines-Schädel für Bestattung zurück

Vor 100 Jahren wurden sie für die Forschung nach Berlin gebracht. Jetzt hat die Charité 14 Aborigines-Schädel an Vertreter der Ureinwohner Australiens übergeben – für eine Bestattung in der Heimat.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Die Charité hat am Montag 14 Schädel von Aborigines an Vertreter der indigenen Gemeinschaft Australiens zurückgegeben. Die sterblichen Überreste waren einzeln in Boxen verpackt und standen während der Zeremonie im Hörsaal. Sie waren von verschiedenen Flaggen der Ureinwohner Australiens bedeckt.

An der Übergabe nahmen auch Vertreter der australischen Regierung und von Ministerien sowie der Botschaft teil. Die Aborigines nahmen die Gebeine ihrer Vorfahren als „Traditional Owners“ in Empfang.

Die Schädel waren zwischen 1882 und 1897 nach Berlin gekommen. Einer von ihnen stammt aus Westaustralien. Er wurde vermutlich von einem deutschen Ingenieur auf einer Expedition ausgegraben und kam dann über den Anatomen Wilhelm Krause an die Berliner Universität. Krause hatte immer wieder Akademiker in Australien besucht, um seine Sammlung von Schädeln zu erweitern. Die anderen 13 hatte der deutsche Forscher Otto Finsch (1839-1917) im Norden Australiens ausgegraben und aufbewahrt.

Erforschung der Schädel-Herkunft

„Zu dieser Zeit interessierte man sich für Schädel aus aller Welt, um sie zu klassifizieren“, sagt Andreas Winkelmann, Lehrkoordinator der Anatomie und Projektleiter für die Herkunftsforschung der Gebeine. Besonders die Schädel der Aborigines seien für die Forscher von Interesse gewesen, weil man glaubte, dass sie primitiv und vom Aussterben bedroht seien, so der Privatdozent. Um statistische Rückschlüsse ziehen zu können, hätten die Forscher zudem viele Schädel benötigt. Die Herkunft der menschlichen Gebeine konnte aus alten Dokumentationen oder auch zum Teil durch Aufschriften auf den Knochen bestimmt werden. „Es ist immer eine Puzzlearbeit, den genauen Fundort herauszufinden“, sagt Andreas Winkelmann.

Heute spielen die Schädel für die Forschung kaum noch eine Rolle. Man habe sie zu Zwecken gesammelt, die nicht mehr verfolgt würden, so Winkelmann. Außerdem gehöre es zur Kultur der Aborigines, in der Heimaterde bestattet zu werden. Diesen Wunsch würde die Charité höher bewerten als das wissenschaftliche Interesse. Karl Max Einhäupl, Vorstandvorsitzender der Charité, erklärte bei der Übergabe: „Für die Charité ist es wichtig und selbstverständlich, die menschlichen Gebeine, die einst vermeintlich im Namen der wissenschaftlichen Forschung gesammelt wurden, an die Traditional Owners zurückzugeben und damit den Repatriierungsprozess zu unterstützen.“

Im Jahr 2008 hatte die Charité eine Vereinbarung zur Übergabe der Gebeine mit Australien unterzeichnet. Bislang wurden fünf Mal menschliche Überreste aus den anthropologischen Sammlungen an die Herkunftsstaaten übergeben. Neben Australien (2013 und 2014) waren das Rückgaben an Namibia (2011 und 2014) und Paraguay (2012).