Berliner Spaziergang

Botschafterin Viotti – Das brasilianische Lachen von Berlin

Caipirinha und sehr viel Strand im Herzen: Berlin lebt von Menschen, die ein wenig des Flairs ihres Heimatlandes verbreiten. Wir haben die Botschafterin Brasiliens Maria Luiza Ribeiro Viotti getroffen.

Foto: Reto Klar

Nett war es nicht, was eine große Autorin kürzlich über deutsche Frauen geschrieben hat. Darüber, wie sie angeblich mit ihren Partnern umgehen – immer diese Vorwürfe. „Warum hast du nicht, nie hast du, nie kannst du, warum kannst du nicht?“, schreibt Sybille Berg. Weiter: Da sei es kein Wunder, wenn diese Männer zur Fußball-Weltmeisterschaft die Tänzerinnen aus Brasilien anschielten und sich weit weg träumten. Passend dazu schrieb eine deutsche Autorin in einer Tageszeitung über ihren brasilianischen Ehemann. Sinngemäß heißt es, er möge ein paar zusätzliche Pfunde an ihr und habe immer und überall Lust auf seine Frau.

Das klingt so, als sollten alle Männer und Frauen sofort nach Brasilien ziehen. Als wäre es einfacher für alle Beteiligten. Wirklich? Leider habe ich die Weltmeisterschaft nur im Fernsehen gesehen und nicht unter der südamerikanischen Sonne. Gut, dass die Botschafterin von Brasilien Zeit gefunden hat für einen Spaziergang, um über ihr Land zu sprechen.

Wir treffen uns vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Das ist ein imposantes Gebäude, aber der Klang ihres Namens übertönt alles. Maria Luiza Ribeiro Viotti. Ein Name wie ein italienisches Kunstwerk unter tropischen Palmen. Die Botschafterin schaut hoch zum Konzerthaus. Sie hat einen ganz anderen Klang im Kopf.

WM 2014: Distanz der Deutschen zu Brasilien

Ihre Mutter ist Pianistin, zu Hause in ihrer Heimatstadt Belo Horizonte wurde Mozart, Beethoven, Bach gespielt. Oft sei über deutsche Musik gesprochen worden. Für die Brasilianerin ist der Gendarmenmarkt ein Ort der Sehnsucht. Mir fällt ein, dass der Schriftsteller Thomas Mann eine brasilianische Mutter hatte. Vielleicht sind beide Länder doch gar nicht so weit voneinander entfernt.

Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft aber war die Distanz der Deutschen zu Brasilien so groß wie lange nicht. Der „Spiegel“ erschien mit der Schlagzeile „Tod und Spiele“, zu sehen war der Zuckerhut und ein brennender Fußball. Die Stimmung, die andere Medien vermittelten, war ähnlich. Oft interviewt wurde die Botschafterin in dieser Zeit aber nicht. Vielleicht sind Journalisten es nicht gewöhnt, bei Problemen in der Botschaft anzurufen. Es gibt im Grunde nie diplomatische Zwischenfälle mit Brasilien. Einen eigenen Krieg hat das Land zuletzt 1865 bis 1870 geführt, gegen Paraguay. Im Mai allerdings warfen Unbekannte 80 Pflastersteine in die Fenster der Botschaft in Mitte.

Die Botschafterin schrieb Leserbriefe, in denen sie daran erinnerte, dass Brasilien längst eine Demokratie ist, in der sich viele um Gerechtigkeit bemühten. Dass mehr als 100.000 Eintrittskarten für Spiele der „Copa“ an Schüler öffentlicher Schulen ausgegeben wurden, weitere 261.000 zu ermäßigten Preisen an Studenten, ältere Menschen und an Empfänger von Sozialleistungen.

Mea culpa der Medien

Es ist ein heißer Tag in Berlin. Gut, dass wir uns unter einen Sonnenschirm am Gendarmenmarkt setzen und Kaffee bestellen. Die Botschafterin erzählt vom neuen Flughafen in der Hauptstadt Brasilia, der – wie übrigens alle WM-Bauten – rechtzeitig fertig geworden ist. Dass dort Palmen in der Lobby stünden und ein Autotunnel vom Flughafen in die Stadt führe. Es ist mir ein bisschen unangenehm, wie sehr deutsche Medien die Brasilianer für unfähig erklärt hatten, dass sie ihre Baustellen nicht im Griff hätten. So wie immer eigentlich, wenn eine WM in einem anderen Land stattfindet als in Deutschland. Nur, dass Berlin es selbst nicht mit seinem Flughafen schafft. Schnell sage ich: „Da können wir viel von Brasilien lernen.“

Da lacht Maria Luiza Ribeiro Viotti. Sie ist eine elegante und höfliche Dame im weißen Kostüm. Aber ihr Lachen ist das einer guten Bekannten. Sie kann die Tonlage wechseln, einem in die Augen schauen und immer weiter lachen. Sie lacht nicht über ihr Gegenüber oder – aus Höflichkeit – für ihr Gegenüber.

Sie lacht mit ihrem Gegenüber.

Kürzlich hat sich in Brasilien das Nachrichtenmagazin „Veja“, es hat mehr als eine Million Leser, für die Berichterstattung vor der WM entschuldigt. All die Befürchtungen, das Land würde im Chaos versinken, seien weder eingetroffen noch begründet gewesen. Im Gegenteil. Die Presse habe gesündigt. Ein „mea ulpa“ eines ansonsten investigativen Magazins.

Viotti: Seit 1976 im diplomatischen Dienst

In diesem Herbst wird in Brasilien gewählt. Wie kurioserweise immer nach einer Weltmeisterschaft. Natürlich, sagt die Botschafterin, sei das Turnier zu einem politischen Druckmittel geworden. Zumindest habe die Geschichte aber gezeigt, dass es keine direkte Verbindung zwischen dem sportlichen Erfolg der Brasilianer und dem Ausgang von Wahlen gebe. Im Jahr 2002 wurde Brasilien Weltmeister, die Regierung wurde abgewählt. In den Jahren 2006 und 2010 scheiterte die Selecao. Die Regierung blieb im Amt. Was bedeutet das? Viotti lacht wieder ihr Miteinander-Lachen. „Zunächst mal, dass die Menschen an viel mehr denken als an Fußball.“

Eine Botschafterin muss berufsmäßig ihr Land gut darstellen. Aber Viotti hat für zu viele Regierungen gearbeitet, um sich zu gemein mit Tagespolitik zu machen. Sie ist seit 1976 im diplomatischen Dienst und wurde Vorsitzende des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, als Brasilien an der Reihe war. Sie wirbt nicht für eine Regierung, sondern für eine Entwicklung. Wie aus ihrem Land der Diktatoren eine Demokratie wurde. Dass Armut seit den 80er-Jahren halbiert wurde. Dass Brasilien Hightech-Forschung betreibt, wie es ein mächtiges Bild bei der WM-Eröffnungsfeier zeigte: Ein gelähmter Mann hat den ersten Ball geschossen, mit Stützen, die er über seine Gedanken steuern konnte. An dieser positiven Entwicklung hat Maria Luiza Ribeiro Viotti ihren Anteil.

Ihr Brasilien ist nicht das, was man aus Reportagen über Favelas kennt. Ihre Mutter ist Pianistin, ihr Vater arbeitet für eine staatliche Ölfirma. Als Schülerin ist sie morgens zu Fuß in ihren Sportclub gegangen. Dort hat sie es zur Wettkampfschwimmerin gebracht. Zu Fuß ging sie dann mittags weiter in die Schule. Keine Privatschule, eine öffentliche Schule. Sie erzählt nichts von gepanzerten Autos, Alarmanlagen oder Zäunen. Sie war ein Mädchen aus der Mittelschicht, das morgens alleine aus dem Haus gegangen ist.

In den 50er- und 60er-Jahren gelangte die Bossa Nova, die „neue Welle“ zu Weltruhm. Chico Buarque etwa, der erst Unterhaltung für die Mittelschicht machte, aber Ende der 60er-Jahre auf seinem Album „Construção“ darüber sang, was Rassismus, Armut, Ehe, Arbeit und Diktatur aus den Menschen macht. Diese Sänger lieferten den Soundtrack ihrer Jugend. Ihren Klang hatte Viotti im Ohr, als sie Wirtschaft studierte.

Freude auf eine bessere Zukunft

Mit ihrem Team eröffnete sie Anfang der 90er-Jahre den Handel mit China. Brasilien brauchte Erdöl, die Chinesen Stahl und Eisenerz, außerdem Kleidung und Kaffee. Die Schiffe aus China brachten damals auch Haifischflossen nach Brasilien. „Die Haifischflossen wurden zu einer Delikatesse in den Restaurants in Rio und São Paulo“, sagt die Botschafterin. Es schwingt immer noch Stolz in ihrer Stimme mit.

Brasilien ist ein ewiges Versprechen. Ein Land, in dem alle Brasilianer sind, egal woher sie kommen. Erst vor einem Jahr wurde das Buch „Die Wurzeln Brasiliens“ von Sérgio Buarque de Holanda ins Deutsche übersetzt. Eine Abhandlung aus den 1920er-Jahren, in der es auch um das Konzept des „herzlichen Menschen“ geht. Damit meinte der Autor weniger die Bilder von Samba und Sonne. Es geht um die große Bedeutung von persönlichen Beziehungen, was im öffentlichen Leben auch problematisch sein kann. Und um die gemeinsame Freude auf eine bessere Zukunft, in der es gelingt, Ungleichheit und Gewalt zu überwinden. Die Botschafterin sagt, die wichtigsten Thesen dieses beinahe 100 Jahre alten Buches gäben immer noch Anlass zu Diskussionen.

Vielleicht ist es dieser Geist, den Deutsche sehnsüchtig betrachten. Das Versprechen, sich keine Vorwürfe zu machen und miteinander zu lachen, nicht für oder über jemanden. Schluss mit dem „Warum hast du nicht, nie hast du, nie kannst du, warum kannst du nicht“. Als Brasilien so bitter im Halbfinale gegen Deutschland verloren hat, wurde die Mannschaft so hart kritisiert, wie es auch in Deutschland üblich wäre. Aber als die Tragödie geschah, haben viele Fans zuerst geweint. „Wir werden in vier Jahren zurück sein, stärker als zuvor“, sagt die Botschafterin nach dem Spiel. Sie hat sich gefreut, dass deutsche Spieler den Brasilianern wieder Mut gemacht haben. Persönlich und per Twitter. Sieht so aus, als wären die Deutschen auch herzlicher geworden.

Brasilianisches Viertel in Berlin

Wenn Viotti in Berlin etwas Brasilianisches sehen will, geht sie ins Hansa-Viertel. Dort hat der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer 1957 sein einziges Haus in Deutschland gebaut. Ein Block auf Stelzen. Die Bewohner haben zum 105. Geburtstag des Architekten rote Rosen an den Fahrstuhl gelegt. Obwohl der Fahrstuhl nicht mal in alle Stockwerke fährt und Schall aus den Fluren in die Wohnungen dringt. Aber die Menschen wohnen gerne dort, schreibt eine Bewohnerin. Weil die Zimmer hell sind. Und vielleicht gerade deshalb, weil man so viel davon mitbekommt, was auf dem Flur los ist.

Wer auf einer brasilianischen Geburtstagsparty war, weiß, dass die Generationen zusammen feiern. Die Oma, die Mutter, die Tochter. Die Botschafterin sagt, so sei das eben, in Brasilien wird oft zu Hause gefeiert, da seien alle Familienmitglieder schon da. Auch Viotti besucht Partys und lässt die Hüften kreisen.

Fast 15 Jahre hat die Botschafterin in New York gelebt, als sie bei den Vereinten Nationen arbeitete. Upper East Side, da hat sie gewohnt. Eine schicke Gegend. Von dort ist es nicht weit bis nach Harlem. In den 80er-Jahren hat kaum jemand die 110. Straße überquert, dort fing ein gefährlicher Stadtteil an. Inzwischen fahren Touristen dorthin, um die besten gegrillten Rippchen zu essen. Solche Geschichten hört man auch aus Favelas der großen Städte Brasiliens. Dass Unternehmer dort Hostels eröffnen und Restaurants, dass Touristen kommen, auch wenn Kriminalität immer noch alltäglich ist.

Wunschziel Europa

Der Berliner Fotograf Olaf Heine hat einen grandiosen Bildband veröffentlicht. Darin ist ein Foto aus einer Favela, es zeigt einen Strommast. Ein Chaos aus Schnüren, unbegreiflich, aber irgendwie bekommen doch alle Strom. „Vieles in Brasilien funktioniert, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht“, sagt Viotti. Als ihr angeboten wurde, nach Deutschland zu gehen, habe sie sofort zugesagt. Sie wollte nach Europa, zum Ursprung von Bach, Mozart und Beethoven. In Berlin habe sie eine internationalere Stadt vorgefunden, als sie aus früheren Reisen in Erinnerung hatte. Und Schweinebraten mit Kruste, gab es auch in Belo Horizonte. Wieder eine Gemeinsamkeit.

Aber Caipirinha können die Deutschen noch nicht richtig, obwohl es seit den 80er-Jahren überall Limetten gibt. Auch wenn sie saurer schmecken als die frischen. Auch verwenden Deutsche braunen Zucker, der sich so schwer auflöst wie Sandkörner. Brasilianer süßen mit feinem Zucker. Überhaupt sagen Deutsche oft der Caipirinha, obwohl das Wort eigentlich „kleines Mädchen vom Lande“ bedeutet.

Snobs würden sich darüber aufregen. Für Maria Luiza Ribeiro Viotti sind das Kleinigkeiten. Sie lacht ihr Miteinander-Lachen. Nein, sie ist keine, die so schnell Vorwürfe macht. Schon gar nicht, weil jemand den falschen Zucker benutzt.